Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Da ich sie nicht se­hen konn­te, stell­te ich mich auf die Bank und guck­te, dann stieg ich auf den Tisch und schau­te wei­ter in die Rich­tung, wo sie hät­ten sein müs­sen, bis mir ein­fiel, dass es die fal­sche Jah­res­zeit war. Un­se­re Ster­ne er­schei­nen spä­ter, nach den Som­mer­fe­ri­en, Cas­tor und Pol­lux, un­zer­trenn­lich. Sie blei­ben das gan­ze Jahr über zu­sam­men, aber im Som­mer wan­dern sie nach Chi­na oder so. Zu­sam­men, na­tür­lich. Und im Herbst kom­men sie wie­der.

„Was machst du denn auf dem Tisch?“, frag­te mei­ne Schwes­ter. Ich hat­te sie nicht aus dem Haus kom­men hö­ren. Ich dreh­te mich um, schau­te hin­un­ter, und da stand sie in ih­rem Bi­ki­ni, ei­ne Haar­bürs­te in der Hand. „Nichts Be­son­de­res“, sag­te ich. „Al­so, ich kom­me ganz be­stimmt nicht da hoch, um dir die Haa­re zu bürs­ten.“

„Nicht?“, frag­te ich, als hät­te ich fest da­mit ge­rech­net, aber ich stieg hin­un­ter und setz­te mich auf die Bank, und Ju­dy hock­te sich hin­ter mich auf den Tisch und be­gann mir das Haar zu bürs­ten. Sie be­nutz­te ei­ne von Ja­nes Bürs­ten, die lan­ge, stei­fe Bors­ten aus Fisch­bein hat­te. Zu­erst fühl­te es sich an, als wür­de ich skal­piert, aber es war ei­ne sehr gu­te Bürs­te, nach ein paar ruck­ar­ti­gen, zie­pen­den Stri­chen kam sie pro­blem­los durch und fuhr mir weich und an­ge­nehm durchs Haar. Ich war froh, dass ich nicht ge­schrien hat­te, denn jetzt woll­te ich, dass das ewig so wei­ter­ging – zwei St­un­den, drei Wo­chen, in al­le Ewig­keit. Bürs­te ein­fach wei­ter, im­mer wei­ter, und bürs­te je­den ab, der uns blöd kommt.

Ich weiß nicht, wie lang sie dau­er­te, die­se Fisch­bein­be­hand­lung, oder wann ge­nau sie auf­hör­te, wann Ju­dith vom Tisch stieg, die Bürs­te weg­leg­te und sich ne­ben mich auf die Bank setz­te. Jetzt muss­ten sie wohl kom­men, die na­he­lie­gen­den Fra­gen – wann ist die Hoch­zeit? Wie ist er ei­gent­lich? Habt ihr ei­ne Woh­nung? Und die an­ge­mes­se­nen Ant­wor­ten auf die na­he­lie­gen­den Fra­gen. Aber wir spra­chen nicht. Ei­ne Wei­le wa­ren wir still, ganz still. Die Frö­sche nicht, und die Gril­len auch nicht, aber wir schon. Frü­her ha­ben wir oft so still da­ge­ses­sen, und es war wie­der wie da­mals. Wir hät­ten elf Jah­re alt sein kön­nen oder sie­ben, ganz un­be­schwert mit dem Haus hin­ter uns und der Fluss­ebe­ne vor uns, und rings­um al­les mit sich selbst im Ein­klang. Es war ge­nau so, wie es sein soll­te, und ich hör­te auf, mir Sor­gen zu ma­chen, und er­laub­te mir, Ju­dith schließ­lich und end­lich dank­bar zu sein, weil sie al­les ins Lot ge­bracht hat­te. Wie hat­te sie das ge­macht? Wie hat­te sie es hin­ge­kriegt, dass es wie­der so war – nur wir bei­de –, wo ich doch be­fürch­tet hat­te, ich wür­de als Au­ßen­sei­te­rin nach Hau­se kom­men und auf ver­schanz­te Ein­dring­lin­ge tref­fen?

Ich woll­te ihr dan­ken, aber das hät­te ir­gend­wie ver­kehrt ge­klun­gen, al­so ver­such­te ich es gar nicht erst, son­dern ent­spann­te mich, nahm ei­nen tie­fen Schluck von mei­nem Drink und war wie­der elf Jah­re alt, sie­ben, drei­zehn – all die Al­ter, die wir je durch­lebt hat­ten. Vie­le, vie­le Ta­ge ha­ben ihr Le­ben ge­las­sen, da­mit wir vier­und­zwan­zig wer­den konn­ten, und jetzt saß ich da und spür­te die­se ge­ball­ten zwei­mal vier­und­zwan­zig Jah­re zu­in­nerst, acht­und­vier­zig, wenn man uns zu­sam­men­nahm – zwei­mal vier­und­zwan­zig Jah­re, in de­nen es dar­um ge­gan- gen war, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, lau­fen und spre­chen zu ler­nen, dann le­sen und schrei­ben, auf- und zu­knöp­fen, an­zie­hen, aus­zie­hen, fah­ren, tau­chen, schwim­men, ur­tei­len, fei­xen und sich sor­gen. Die Ga­be des Le­bens: Ler­nen.

„Wer war das noch mal, der ge­sagt hat: ,Ein Le­ben, das nicht hin­ter­fragt wird, ist nicht le­bens­wert’?“, frag­te ich oh­ne be­son­de­ren Grund, und Ju­dy sag­te: „Pa­pa, wer sonst?“, auf die­se bei­läu­fi­ge, un­ge­zwun­ge­ne Art, die mir so ver­traut war und so sehr ge­fehlt hat­te – gan­ze neun Mo­na­te lang im schreck­lichs­ten Jahr mei­nes Le­bens.

Ich seufz­te, wohl ver­nehm­lich, und griff nach mei­nem Glas.

„Nimm’s nicht so schwer“, hör­te ich Ju­dy sa­gen. „Uns fällt schon was ein we­gen die­sem ver­damm­ten Kleid.“Und dann: „Die­sen ver­damm­ten Klei­dern.“

All die Hand­lan­ger­diens­te und das Haa­rebürs­ten hat­ten al­so nur be­zweckt, mei­ne Stim­mung we­gen die­ser Ge­schich­te zu he­ben, die ich doch schon fast zu igno­rie­ren be­schlos­sen hat­te. Ich hielt die Luft an, spür­te das Po­chen mei­nes Bluts, und Ju­dith leg­te ei­nen Arm um mich, re­de­te im­mer wei­ter und sag­te, uns wer­de schon et­was ein­fal­len, ich sol­le mir kei­ne Ge­dan­ken ma­chen, mir nicht den Kopf zer­bre­chen, so selt­sam oder un­heim­lich oder ei­gen­ar­tig sei das al­les gar nicht, wir hät­ten bei­de Zu­gang zu dem glei­chen La­den ge­habt, nur eben in ver­schie­de­nen Städ­ten, sei­en bei­de ziem­lich an­spruchs­voll und hät­ten ei­ne Vor­lie­be für Schlich­tes. Wür­den ei­nen Klas­si­ker er­ken­nen, wenn wir ei­nen sä­hen. Ja­ne hät­te zwei­fel­los das glei­che Kleid aus­ge­wählt. Eben­so die Schwes­tern Bou­vier, Al­thea Gib­son und die Her­zo­gin von Wind­sor, wenn sie auf das glei­che An­ge­bot be­schränkt ge­we­sen wä­ren.

Und so wei­ter und so fort – sehr ein­dring­lich. Und noch ein­dring­li­cher, als sie mir er­klär­te, das sei kei­ner­lei An­halts­punkt da­für, dass wir zu eng ver­bun­den oder in Wirk­lich­keit nur ei­ne Person mit zwei Köp­fen sei­en oder sonst et­was von all den Din­gen, die uns frü­her oft be­schäf­tigt und be­sorgt und manch­mal auch ins­ge­heim be­glückt hät­ten.

Ich glau­be, ich wä­re emp­fäng­li­cher für ih­re Wor­te ge­we­sen, wenn sie ru­hi­ger ge­we­sen wä­re, nicht so ernst und ver­schreckt ge­wirkt hät­te. So aber be­gann ich mich als Op­fer zu füh­len, als die­je­ni­ge, die et­was zu spät aus dem Was­ser ge­zo­gen wur­de, für die der Le­bens­ret­ter aber den­noch das gan­ze Pro­gramm ab­spu­len muss, ma­chen und tun und nicht auf­ge­ben, bis ein Ver­ant­wort­li­cher des We­ges kommt und ei­ne Er­klä­rung ab­gibt. Aber es kam nie­mand des We­ges, und sie schien gar nicht mehr auf­hö­ren zu kön­nen. Sie hielt mich wei­ter­hin im Arm, re­de­te wei­ter, fing wie­der von vor­ne an, er­klär­te mir, das ma­che doch al­les nichts, es ma­che gar nichts. Ich kön­ne mei­nes be­hal­ten und ih­res auch gleich, ich kön­ne das ei­ne ja fär­ben las­sen, und sie und Gran wür­den am nächs­ten Tag nach Put­nam fah­ren und eins be­sor­gen, das eher so war, wie ich selbst es vor­hin im Schlaf­zim­mer be­schrie­ben ha­be – ein tra­di­tio­nel­le­res Hoch­zeits­kleid. Et­was, was mehr nach Hoch­zeits­kleid aus­sah.

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