Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ich schüt­tel­te ih­ren Arm mit ei­nem Zu­cken ab, ziem­lich schnell und ziem­lich ab­rupt. Schließ­lich muss­te ich nicht mit ei­ner Braut hier her­um­sit­zen und mir an­hö­ren, wie sie im­mer wie­der Hoch­zeits­kleid sag­te.

„Machst du das?“, bat sie jetzt. „Trägst du das Kleid, das du ge­kauft hast? Ich be­sor­ge mir ein an­de­res, aber du trag bit­te de­ins, ja? Machst du das – für mich?“

Ich wand­te mich ihr zu. Das Po­chen war jetzt sehr stark, und mei­ne Au­gen fühl­ten sich an, als stün­den sie in Flam­men. Ich hat­te mein Glas in der Hand, et­wa zu ei­nem Vier­tel ge­füllt.

„Für dich?“, frag­te ich. „Wer ist denn das?“, und dann stürz­te ich mei­nen Co­gnac hin­un­ter und schmiss das lee­re Glas mit vol­ler Wucht auf die Ter­ras­se zwi­schen uns und dem Pool. Es zer­barst mit lau­tem Klir­ren, und ich spür­te, wie ei­ne Scher­be mein Bein traf.

„O Gott“, sag­te Ju­dith. „War­um muss­test du das tun?“

Sie sprach mit Gott, nicht mit mir, aber im nächs­ten Mo­ment frag­te sie mich di­rekt: „War­um hast du das ge­tan?“

„War­um ha­be ich was ge­tan?“, frag­te ich. „Ein Glas auf die Ter­ras­se ge­schmis­sen?“Mir fiel kei­ne Ant­wort ein, aber zu­gleich hör­te ich, wie ich ziem­lich kühn ant­wor­te­te: „Viel­leicht dach­te ich, dir wä­re nach ei­nem klei­nen Bü­ße­rin­nen­tanz zu­mu­te, nach so was Ur­wüch­si­gem, ei­nem Charles­ton viel­leicht, wo du doch ge­ra­de bar­fuß bist.“

Ich hör­te, wie sie scharf die Luft ein­sog, und wuss­te, dass ich sie wie be­ab­sich­tigt ge­trof­fen hat­te. Aber mich selbst ge­nau­so, und ich emp­fand kei­ne wirk­li­che Ge­nug­tu­ung. Ich war jetzt nur noch mü­de, schreck­lich mü­de, und hat­te kei­ne Ah­nung mehr, war­um ich das Glas zer­schmet­tert hat­te und so wild ge­wor­den war und wie ich auf all das ge­kom­men war, was ich ge­sagt hat­te. Dann fiel es mir wie­der ein – der wei­ße Fall­strick, die rein­sei­de­ne Fal­le, in die ich ge­gan­gen war.

Ich spür­te, wie sich die Bank be­weg­te, und sah, dass Ju­dith auf­stand. „Wo gehst du hin?“„Ei­nen Be­sen ho­len“„Lass. Das mach ich schon.“„Wann?“„Frag mich nicht so was. Ben­imm dich nicht wie ei­ne Ehe­frau, so­lan­ge du noch kei­ne bist. Setz dich.“

„O Gott“, hör­te ich sie wie­der sa­gen. Dies­mal zu sich selbst, es klang sehr privat. Aber sie setz­te sich, und da ich be­fürch­te­te, sie könn­te wie­der auf­ste­hen, stürz­te ich mich so­fort auf den wah­ren Schul­di­gen – das Kleid.

„Weißt du, was ich ma­chen wer­de – mit mei­nem?“, frag­te ich. Ich spür­te, wie et­was an mei­nem Bein her­un­ter­lief, wie ei­ne Spin­ne, aber ich schau­te nicht nach, ob ich blu­te­te. Viel­leicht war es ja wirk­lich ei­ne Spin­ne ge­we­sen.

„Ich glau­be, ich ho­le mir Grans Zick­zack­sche­re und schnei­de es in tau­send klei­ne Stü­cke. Nicht zu klein, nicht zu groß, so, dass man sie gut ver­streu­en kann.“

Wie­der die­ses sehr privat klin­gen­de O Gott.

„Und dann ver­streue ich sie von hier bis auf die an­de­re Sei­te der Fluss­nie­de­rung.“

„Cas­sie, bit­te. Bit­te still.“

„War­um denn? Bei ei­nem Kleid wür­de das ja wohl nicht ge­gen das Ge­setz ver­sto­ßen, so wie bei Ja­nes Asche, oder? Frü­her oder spä­ter wä­re es so was wie Laub­mulch, nur eben Klei­der­mulch, schön über die

sei ein­fach gan­ze Fluss­nie­de­rung ver­teilt. Und über­haupt nicht ge­set­zes­wid­rig.“

„Denk nicht dar­an. Ja­ne wä­re das egal ge­we­sen, ob ver­streut oder nicht. Sie woll­te im­mer nur eins, näm­lich le­ben.“

„Ich weiß“, sag­te ich, aber mehr auch nicht, denn es ging plötz­lich nicht mehr – al­les brach über mich her­ein, die Ge­gen­wart ver­zahnt mit der Ver­gan­gen­heit – die Hoch­zeit, das Kleid, un­se­re tu­gend­haf­te Groß­mut­ter, un­se­re ab­trün­ni­ge Mut­ter, un­ser sei­nes Am­tes ent­klei­de­ter Va­ter, dann wir, wir zwei, und dann ich, al­lein, letz­ten En­des über­haupt nicht wie Ja­ne, denn ich woll­te nicht le­ben. Kein biss­chen.

Es brach al­les über mich her­ein, und ich glau­be, Ju­dith wuss­te es. Je­den­falls war der Arm wie­der da und die lei­se Stim­me, die sag­te, ich sol­le nicht wei­nen, kein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben, nicht an Ja­ne den­ken, an nichts von al­le­dem, sol­le mich nicht auf­re­gen, mich zu Hau­se füh­len, jetzt wo wir wie­der hier sei­en. Und ihr ver­zei­hen, wenn ich kön­ne. Es ver­su­chen – bit­te.

Ich schöpf­te ge­nug Atem, um zu fra­gen, was denn ver­zei­hen, und so­bald ich das ge­fragt hat­te, be­gann auch sie zu wei­nen. Ich spür­te die Trä­nen auf mei­ner Stirn, und als ich mir si­cher war, dass es Trä­nen wa­ren, hob ich den Kopf und küss­te sie, auf den Wan­gen­kno­chen, glau­be ich, oder das Ohr­läpp­chen, nur so aufs Ge­ra­te­wohl, aber es sprach für mich, und jetzt bra­chen al­le Däm­me, und wir heul­ten Rotz und Was­ser, bis wir mü­de und leer wa­ren. Aber wie­der bei­ein­an­der. Und ge­heilt.

Der Mond war auf­ge­gan­gen, ein un­för­mi­ger Spät­auf­ge­her, der aus­sah wie ei­ne nichts­nut­zi­ge Oran­ge, und in den Glas­scher­ben auf der Ter­ras­se fing sich sehr hübsch das Licht. Ei­nem der Gäs­te muss­te die Hals­ket­te zer­ris­sen sein – Dia­man­ten al­lent­hal­ben.

„Ich geh mal ei­nen Be­sen ho­len“, sag­te ich.

„Lass doch. Das reicht auch mor­gen noch. Hier.“Sie gab mir ihr Glas, in dem noch ziem­lich viel drin war.

„Nein, trink du das“, sag­te ich, „das ist de­ins.“

„Ist doch egal“, sag­te sie. „Hilf mir halt da­bei.“

Und da nahm ich den Drink na­tür­lich an, ein­fach um nett zu sein. Ge­braucht hät­te ich ihn weiß Gott nicht. Ich hat­te nicht mal rich­tig Lust dar­auf, aber wäh­rend ich mit dem Aus­trin­ken be­schäf­tigt war, sah ich, wie sie mich be­ob­ach­te­te, neu­gie­rig und, so schien mir, mit ei­nem ge­wis­sen Stolz. Als wä­re ich ih­re klei­ne Schwes­ter.

„Du hast von al­lem im­mer viel mehr ge­braucht als ich“, sag­te sie. „Das ist doch so?“

Ich woll­te ihr ei­gent­lich sa­gen, dass ich gar nicht viel brauch­te. Nur ein paar grund­le­gen­de Din­ge – den Glau­ben an et­was und ein ge­wis­ses Ge­fühl da­für, wo ich bin, aber ich sag­te es nicht. Ich sag­te es nicht, weil ich sie an­schau­te und wie­der ge­nau das Ge­sicht sah, das ich am Nach­mit­tag in der Bar hin­ter den Fla­schen ge­se­hen hat­te, das Ge­sicht, das mich im­mer wie­der rich­tig er­schre­cken kann, wenn ich es be­wusst an­schaue und weiß, wer das ist, und war­um es mich sei­ner­seits auf die­se Wei­se an­schaut – als wä­re es meins.

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