Zer­bricht die EU an Deutsch­land?

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAT­THI­AS BEER­MANN

DÜSSELDORF An­ge­la Mer­kels Spar­po­li­tik ist mit­ver­ant­wort­lich für die Wah­l­er­fol­ge des rechts­ex­tre­men Front Na­tio­nal in Frank­reich. Das sagt nicht ir­gend­ein frus­trier­ter Po­li­ti­ker in Pa­ris, son­dern Sig­mar Ga­b­ri­el, SPD-Chef und Vi­ze­kanz­ler. Ei­ne stei­le The­se, möch­te man mei­nen, aber so den­ken in Eu­ro­pa vie­le. Frei­lich hät­te Ga­b­ri­el, der der Bun­des­kanz­le­rin bei sei­ner Par­tei­tags­re­de vor fei­xen­den Ge­nos­sen non­cha­lant vors Schien­bein trat, der Fair­ness hal­ber hin­zu­fü­gen müs­sen, dass auch ei­ni­ge Vor­stel­lun­gen deut­scher So­zi­al­de­mo­kra­ten wie Was­ser auf die Müh­len rech­ter Po­pu­lis­ten in der EU wir­ken. In der Flücht­lings­po­li­tik zum Bei­spiel.

Die Flücht­lings­kri­se ist nur das letz­te Bei­spiel da­für, wie hef­tig Ent­schei­dun­gen in Ber­lin auf den gan­zen Kon­ti­nent durch­schla­gen kön­nen. So hat der mas­si­ve Zustrom von Mi­gran­ten zu ei­nem tie­fen Zer­würf­nis mit den ost­eu­ro­päi­schen Mit­glieds­staa­ten ge­führt, ob­wohl die Ukrai­neK­ri­se ei­gent­lich nach en­gem Zu­sam­men­halt ver­langt. Er ver­schärft die Pro­ble­me im Kri­sen­staat Grie­chen­land, und er hat den Aus­tritt der Bri­ten aus der EU, freund­lich for­mu­liert, nicht un­wahr­schein­li­cher wer­den las­sen. Das Schlimms­te aber ist: Er wird als deut­sches Dik­tat emp­fun­den.

Kein Zwei­fel, Deutsch­land do­mi­niert die EU. Da­für müs­sen wir uns nicht ent­schul­di­gen, die Rol­le ist uns ein­fach zu­ge­fal­len. Vor al­lem auch we­gen der Schwä­che Frank­reichs. Der über Jahr­zehn­te gül­ti­ge De­al, wo­nach Frank­reich in ei­ner en­gen deutsch-fran­zö­si­schen Part­ner­schaft po­li­tisch den Ton an­gab, wäh­rend sich Deutsch­land aufs öko­no­mi­sche Bo­dy­buil­ding kon­zen­trier­te, ist ge­platzt. Frank­reichs an­hal­ten­de wirt­schaft­li­che Mi­se­re hat das Land po­li­tisch auf Nor­mal­maß ge­schrumpft. In der Welt mag die Atom­macht mit ih­rem stän­di­gen Sitz im UN-Si­cher­heits­rat noch stolz pa­ra­die­ren, ih­re Di­plo­ma­ten mö­gen noch glän­zen­de Er­fol­ge er­rin­gen wie un­längst bei der Pa­ri­ser Kli­ma­Kon­fe­renz. Doch das wah­re Macht­zen­trum der EU liegt nicht im gold­strot­zen­den Ely­sée-Pa­last, son­dern hin­ter den Be­ton­mau­ern des Kanz­ler­amts.

Die­se Er­kennt­nis ist so neu nicht, trotz­dem nimmt man in Ber­lin auf die Rol­le als Eu­ro­pas Füh­rungs­macht bis heu­te kaum Rück­sicht. Die in­nen­po­li­ti­sche Sicht bleibt trotz ge­gen­tei­li­ger Lip­pen­be­kennt­nis­se be­stim­mend. Ins­ge­heim wird vor­aus­ge­setzt, dass das, was für Deutsch­land gut ist, ja auch für die ge­sam­te EU rich­tig sein muss. Das wirkt ar­ro­gant, auch wenn es gar nicht so ge­meint ist. Und es hat ei­ne zer­set­zen­de Wir­kung auf das kom­pli­zier­te Be­zie­hungs­ge­flecht der EU.

Ger­hard Schröder ver­kün­de­te als Bun­des­kanz­ler einst im Bas­ta-Ton­fall, es müs­se Schluss sein mit dem über­hol­ten Eu­ro­pa-Pa­thos sei­nes Vor­gän­gers Hel­mut Kohl; Deutsch­land wer­de künf­tig sei­ne na­tio­na­len In­ter­es­sen in­ner­halb der EU eben­so hart ver­tre­ten wie al­le an­de­ren auch. Doch da­mals, En­de der 90er Jah­re, ahn­te noch nie­mand, wie do­mi­nant Deutsch­land ein­mal wer­den wür­de.

Es war Schrö­ders Au­ßen­mi­nis­ter, Josch­ka Fi­scher, der im Som­mer öf­fent­lich be­klag­te, auf dem Hö­he­punkt der Grie­chen­land-Kri­se ha­be die Kanz­le­rin ei­nen his­to­ri­schen Bruch mit der al­ten deut­schen Eu­ro­pa-Po­li­tik voll­zo­gen. Nicht wie bis­her ein eu­ro­päi­sches Deutsch­land sei nun­mehr ihr Ziel, son­dern ein deut­sches Eu­ro­pa. Man mag auch die­sen Vor­wurf für über­zo­gen hal­ten, aber Tat­sa­che ist, dass Fi­scher vie­len in Eu­ro­pa aus der See­le ge­spro­chen hat. Und selbst in je­nen Län­dern, die sich im Streit um die grie­chi­schen Schul­den nur zu ger­ne hin­ter Deutsch­land ver­steck­ten, wächst die Sor­ge, dass die EU über kurz oder lang an Deutsch­lands He­ge­mo­ni­al­stel­lung zer­bre­chen könn­te.

Of­fen­sicht­lich ist, dass die Uni­on in ih­rer Exis­tenz durch ei­nen Nord-SüdKon­flikt be­droht wird, der sie öko­no- misch wie po­li­tisch in zwei La­ger spal­tet. Für das ei­ne La­ger sind un­ver­ant­wort­li­che Re­gie­run­gen in Sü­d­eu­ro­pa schuld an der gan­zen Mi­se­re, und die wol­len für ih­re skan­da­lö­se Miss­wirt­schaft jetzt auch noch mit Trans­fer­zah­lun­gen be­lohnt wer­den. Für das an­de­re La­ger ist es das vom Spa­ren be­ses­se­ne Deutsch­land, das den Sü­den öko­no­misch bra­chi­al um­er­zie­hen will. In Mer­kels Um­feld wird man zwar nicht mü­de zu be­to­nen, wie sehr sich die Kanz­le­rin von mor­gens bis abends um den Zu­sam­men­halt der EU sorgt. Mag sein. Aber man kann auch das Gu­te wol­len und das Schlech­te tun. In Mer­kels Fall ge­schieht das durch Un­ter­las­sung.

Die ekla­tan­te Schwä­che der Bun­des­kanz­le­rin ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der eu­ro­päi­schen Büh­ne. Sie ver­mag es ein­fach nicht, auf die ra­sant wach­sen­den Sor­gen mit ei­ner ko­hä­ren­ten Idee von Eu­ro­pa zu ant­wor­ten. Ge­wiss, Mer­kel ist kein Oba­ma. Statt vi­sio­nä­rer Re­den hält sie lie­ber sach­li­che Re­fe­ra­te. Das reicht für ei­ne Bun­des­kanz­le­rin; für ei­ne Po­li­ti­ke­rin, die in vie­len Fra­gen fak­tisch den Kurs der EU be­stimmt, reicht es nicht. Mer­kel müss­te den Eu­ro­pä­ern er­klä­ren, dass Deutsch­land eben nicht aus­schließ­lich sei­ne na­tio­na­len In­ter­es­sen ver­folgt, son­dern sich wei­ter­hin ver­pflich­tet fühlt, Eu­ro­pa zu­sam­men­zu­hal­ten – auch wenn das von uns Op­fer ver­langt. Sie müss­te sa­gen, dass sie zwar deut­sche Ide­en ver­tritt, aber kein Eu­ro­pa un­ter deut­schen Vor­zei­chen er­zwin­gen will, wo deut­sche Spar­vor­ga­ben obers­tes Ge­setz sind und wo übe­r­all un­ge­fragt das groß­zü­gi­ge deut­sche Asyl­recht zu gel­ten hat.

Als das Bild vom häss­li­chen Deut­schen wie­der hoch­kam, als Pro­test­pla­ka­te in Grie­chen­land oder Spa­ni­en An­ge­la Mer­kel und Wolf­gang Schäu­b­le als SS-Scher­gen zeig­ten, lös­te das hier­zu­lan­de Be­stür­zung aus. Aber man soll­te die­se an­ti­deut­schen Res­sen­ti­ments, so un­ge­recht und in­sze­niert sie auch sein mö­gen, in Ber­lin als Ansporn ver­ste­hen. Ge­wiss, die neue Füh­rungs­rol­le in Eu­ro­pa end­lich in al­ler Kon­se­quenz an­zu­neh­men, ist ei­ne schwe­re, ei­ne un­dank­ba­re Auf­ga­be. Aber es wür­de sich loh­nen, auch für Deutsch­land.

Deutsch­land do­mi­niert die EU. Da­für müs­sen wir uns nicht ent­schul­di­gen, die Rol­le ist uns ein­fach zu­ge­fal­len.

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