Bart ab in Ita­li­en

Der Fri­seur­sa­lon im Par­la­ment in Rom steht kurz vor Schlie­ßung.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON JU­LI­US MÜL­LER-MEI­NIN­GEN

ROM Das En­de ist noch nicht end­gül­tig be­sie­gelt, aber es naht. Un­er­bitt­lich. Die Re­de ist von ei­ner ita­lie­ni­schen In­sti­tu­ti­on, bei­na­he ei­nem Hei­lig­tum des par­la­men­ta­ri­schen Be­triebs in Rom. Ein licht­durch­flu­te­ter Tem­pel, an den Wän­den pran­gen Ju­gend­stil-Spie­gel. Drei Ses­sel, die Raum­schif­fen aus den 60er Jah­ren glei­chen, kön­nen per Pe­dal nach oben ge­fah­ren wer­den. Her­ren, die samt Kra­wat­te im hell­blau­en Ar­beits­kit­tel ste­cken. Par­fum­fläsch­chen, blit­zen­de Sche­ren und Klin­gen. Ein Raum der kur­zen Er­ho­lung im gna­den­lo­sen Po­li­tik­be­trieb.

Will­kom­men in der Bar­be­ria di Mon­te­ci­to­rio, dem Fri­seur­sa­lon im ita­lie­ni­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus. Auch der Se­nat, die zwei­te Par­la­ments­kam­mer, ver­füg­te bis vor ei­ni­ger Zeit über ei­nen ei­ge­nen Fri­seur­sa­lon. Weib­li­che Ab­ge­ord­ne­te hat- ten dort so­gar ei­nen Dau­er­wel­lenBo­nus. Der Be­such beim Fi­ga­ro in Mon­te­ci­to­rio war lan­ge für die Ab­ge­ord­ne­ten gra­tis, bis 1990. Doch die mi­se­ra­ble Fi­nanz­si­tua­ti­on Ita­li­ens macht Spar­maß­nah­men nö­tig. Die par­la­men­ta­ri­schen Fi­nanz­prü­fer ha­ben es auf den Bar­bier der „Eh­ren­wer­ten“ab­ge­se­hen, wie Ab­ge­ord­ne­te in Ita­li­en ge­nannt wer­den. Auf 630 Ab­ge­ord­ne­te kom­men sie­ben Fri­seu­re, die ein jähr­li­ches Mi­nus von über 400.000 Eu­ro er­wirt­schaf­ten, das bis­her vom Staat aus­ge­gli­chen wur­de. Skan­dal?

Nun ja, Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi ließ me­di­en­wirk­sam teu­re Staats­ka­ros­sen ver­hö­kern, aber den Fri­seu­ren sei­ner Ab­ge­ord­ne­ten will er nicht an den Kra­gen. Schließ­lich be­treu­en die das Wich­tigs­te, über das ein Re­gie­rungs­chef ver­fü­gen will, näm­lich das Stimm­vieh. Dass ein Be­rufs­ein­stei­ger in der Bar­be­ria mit 30.000 Eu­ro Jah­res­ge­halt star­tet und am En­de 136.000 Eu­ro ver­dient, ge­schenkt! Pro­ble­ma­tisch wird das erst, wenn die ar­beits­lo­sen ita­lie­ni­schen Ju­gend­li­chen (Quo­te: 40 Pro­zent) da­von Wind be­kom­men.

Im Fri­seur­sa­lon blei­ben nun im­mer häu­fi­ger Ses­sel frei. Jun­ge Ab­ge­ord­ne­te zie­hen oh­ne­hin schon län­ger ih­re ei­ge­nen Fri­seur­sa­lons au­ßer­halb des Par­la­ments vor. 18 Eu­ro für Wa­schen, Schnei­den, Föh­nen, sind ins­be­son­de­re für ita­lie­ni­sche Par­la­men­ta­ri­er ei­gent­lich ein er­schwing­li­cher Preis.

Schon nächs­tes Jahr könn­te nun der La­den zu­ma­chen, in dem sich sämt­li­che 63 Re­gie­rungs­mit­glie­der der Nach­kriegs­zeit Schnurr­bär­te und Sei­ten­schei­tel zu­recht­stut­zen lie­ßen. Nur ei­ner war nie da: Sil­vio Ber­lus­co­ni. Dem Ex-Re­gie­rungs­chef konn­ten of­fen­bar selbst die hoch­be­zahl­ten Par­la­ments­fri­seu­re nicht mehr hel­fen – son­dern nur noch Haar­im­plan­ta­te.

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