Der Ga­ran­tie­zins soll bis 2017 blei­ben

Das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um hat die ge­plan­te Ab­schaf­fung ver­scho­ben. Die Le­bens­ver­si­che­rer at­men auf, weil ih­nen ein Ver­kaufs­ar­gu­ment bleibt. Und die Ver­brau­cher­schüt­zer, weil aus ih­rer Sicht die An­bie­ter nicht wie­der in die Zins­fal­le lau­fen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON GE­ORG WIN­TERS

DÜSSELDORF Es ist ge­ra­de mal zehn Wo­chen her, dass ein Ge­setz­ent­wurf des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums be­kannt wur­de, dem­zu­fol­ge der Ga­ran­tie­zins in der Le­bens­ver­si­che­rung im kom­men­den Jahr ab­ge­schafft wer­den soll­te. Der ist schon wie­der Ma­ku­la­tur. Das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um hat ges­tern mit­ge­teilt, dass der Ga­ran­tie­zins bis 2017 er­hal­ten bleibt. Die of­fi­zi­el­le Be­grün­dung aus dem Mi­nis­te­ri­um: „So wird wei­ter ge­währ­leis­tet, dass die Ver­si­che­rer in ih­rer Bi­lanz ei­ne vor­sich­ti­ge Be­wer­tung ih­rer Ver­pflich­tun­gen vor­neh­men.“Im nächs­ten Jahr soll ge­prüft wer­den, ob ei­ne wei­te­re Ab­sen­kung 2017 an­ge­zeigt er­scheint; 2018 steht dann die Dis­kus­si­on dar­über an, ob der Ga­ran­tie­zins (oder Höchst­rech­nungs­zins, wie er of­fi­zi­ell heißt) über­haupt noch sinn­voll ist.

Hin­ter der Vo­ka­bel ver­birgt sich der Zins­satz, den Le­bens­ver­si­che­rer ih­ren Neu­kun­den ma­xi­mal ver­spre- chen dür­fen. Er ist in den ver­gan­ge­nen zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten kon­ti­nu­ier­lich ge­sun­ken. Der Hin­ter­grund: Den Un­ter­neh­men fällt es im­mer schwe­rer, an den Fi­nanz­märk­ten aus­rei­chen­de Er­geb­nis­se zu er­wirt­schaf­ten, mit de­nen ho­he Ga­ran­tie­ver­spre­chen der Ver­gan­gen­heit noch er­füllt wer­den kön­nen. Die Leid­tra­gen­den sind je­weils die Neu­kun­den, denn nur für sie gel­ten ver­än­der­te Ga­ran­tie­re­geln. Im nächs­ten Jahr kom­men noch ver­schärf­te Ei­gen­ka­pi­tal­re­geln („Sol­vency II“) da­zu: Je mehr ein Ver­si­che­rer sei­nen Kun­den ga­ran­tiert, um so mehr Ka­pi­tal muss er für die­se Ver­spre­chen zu­rück­le­gen. Um­ge­kehrt gilt theo­re­tisch: Gibt es kein Ver­spre­chen, muss we­ni­ger re­ser­viert wer­den. Und das könn­te für ei­ni­ge ka­pi­tal­schwa­che Ver­tre­ter in der Bran­che na­tür­lich ei­ne Er­leich­te­rung sein.

Trotz­dem ist das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um von sei­nen ur­sprüng­li­chen Plä­nen ab­ge­rückt. Das Res­sort von CDU-Po­li­ti­ker Wolf­gang Schäu­b­le

in Pro­zent kommt da­mit den In­ter­es­sen der Ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­ker und Ver­brau­cher­schüt­zer ent­ge­gen. Letz­te­re hat­ten näm­lich be­fürch­tet, dass oh­ne ei­ne fes­te Ober­gren­ze beim Ga­ran­tie­zins die An­bie­ter mit ho­hen Zins­ga­ran­ti­en wer­ben könn­ten, um Kun­den zu ge­win­nen. Das klingt an­ge­sichts nied­ri­ger Ka­pi­tal­markt­zin­sen und der Fol­gen für die not­wen­di­ge Ei­gen­ka­pi­tal­de­ckung ab­surd, doch im har­ten Wettbewerb könn­te es trotz­dem ein Ar­gu­ment sein. Da die Zin­sen aber nach Ein­schät­zung von Ex­per­ten noch über Jah­re hin­weg nied­rig blei­ben könn­ten, droh­ten Ver­si­che­rer mit be­son­ders lu­kra­tiv er­schei­nen­den Of­fer­ten er­neut in die Zins­fal­le zu lau­fen. Die­se Ge­fahr wä­re vor­erst ge­bannt.

Was für Le­bens­ver­si­che­rungs­kun­den wich­tig ist: Un­ab­hän­gig von Exis­tenz und Hö­he ei­nes Ga­ran­tie­zin­ses zählt am En­de na­tür­lich nur das, was un­ter dem Strich her­aus­kommt. Und die­ses Er­geb­nis be­steht eben nicht nur aus ei­nem Ga­ran­tie­zins, son­dern auch aus den lau­fen­den Über­schüs­sen, die der Ver­si­che­rer dem Kon­to des Ver­si­cher­ten gut­schreibt, und der Schluss­über­schuss­be­tei­li­gung, die am En­de der Lauf­zeit da­zu­kommt. Al­les zu­sam­men er­gibt die Ge­samt­ver­zin­sung – die ist ent­schei­dend.

Ab­seits der ge­setz­li­chen Vor­ga­ben hat sich die Bran­che oh­ne­hin auf das En­de des Ga­ran­tie­zin­ses ein­ge­stellt. Ein Groß­teil der 90 Mil­lio­nen be­ste­hen­den Ver­trä­ge ba­siert zwar noch auf dem tra­di­tio­nel­len Mo­dell, doch die neu­en An­ge­bo­te der Ver­si­che­rer kom­men längst mit ein­ge­schränk­ten oder ganz oh­ne Ga­ran­ti­en aus. Der Ta­lanx-Kon­zern (Han­no­ver) bei­spiels­wei­se hat­te im Ju­li als ei­ner der ers­ten grö­ße­ren An­bie­ter an­ge­kün­digt, er wol­le ab En­de 2016 für al­le deut­schen Mar­ken nur noch neu­ar­ti­ge Le­bens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen oh­ne Ga­ran­tie­zins an­bie­ten. Un­ter­neh­men wie Al­li­anz und Er­go bie­ten be­reits seit län­ge­rer Zeit Pro­duk­te mit ein­ge­schränk­ten Ver­spre­chen oder sol­che oh­ne Ga­ran­ti­en an.

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