So­pra­nis­tin kämpf­te für den Platz auf der Büh­ne

Seit 25 Jah­ren singt An­na Hol­len­berg im Opern­chor des Thea­ters. Ihr Weg auf die Büh­ne war al­ler­dings lang und schwie­rig.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALE KULTUR - VON BEATE WYGLENDA

Wenn es nach ih­rer Fa­mi­lie ge­gan­gen wä­re, sä­ße An­na Hol­len­berg heu­te am Kla­vier. Doch der ge­bür­ti­gen Po­lin war schon als Kind be­wusst, dass sie nur als Sän­ge­rin auf die Büh­ne wol­le. Der Wunsch wur­de Wirk­lich­keit: Die­ses Jahr fei­ert die So­pra­nis­tin Di­enst­ju­bi­lä­um. Seit 25 Jah­ren sing sie im Opern­chor des Thea­ters. Der Weg dort­hin war lang und sel­ten ein­fach.

Ei­gent­lich war Hol­len­bergs Be­rufs­weg vor­be­stimmt: Ih­re Groß­mut­ter war Pia­nis­tin und Mu­sik­pro­fes­so­rin an der Hoch­schu­le in Kra­kau. Ih­re Mut­ter mach­te als Kon­zert­pia­nis­tin Kar­rie­re. Und auch sie soll­te die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on fort­füh­ren. Das wil­lens­star­ke Mäd­chen hat­te je­doch an­de­re Plä­ne: „Ich ha­be schon als Kind ger­ne ge­sun­gen und woll­te un­be­dingt im Thea­ter als Sän­ge­rin auf der Büh­ne ste­hen“, er­zählt Hol­len­berg.

Al­so ging die da­mals 14-Jäh­ri­ge heim­lich zu ei­ner Ge­s­angs­pro­fes­so­rin, um ihr Ta­lent und ih­re Chan­cen be­ur­tei­len zu las­sen. Die Ein­schät­zung des Pro­fis wird Hol­len­berg nie­mals ver­ges­sen: „Sie sag­te: ,Mein Kind, du hast ei­ne wun­der­ba­re So­pran­stim­me, aber dei­ne Schüch­tern­heit wird dir zur le­bens­lan­gen Auf­ga­be.’“Wie recht die Pro­fes­so­rin hat­te, soll­te der jun­gen Frau erst spä­ter be­wusst wer­den. Der Wunsch, So­pra­nis­tin zu wer­den, war nun aber um­so grö­ßer. „Ich ha­be zu Hau­se ver­kün­det, dass ich ab so­fort kein Kla­vier mehr spie­len und nur noch Ge­s­angs­un­ter­richt neh­men wür­de“, be­rich­tet Hol­len­berg. Vor al­lem die Groß­mut­ter war trau­rig dar­über, „ich aber wuss­te, das ist der rich­ti­ge Weg für mich.“

Hol­len­berg üb­te un­ab­läs­sig, nahm Ge­s­angs­stun­den und be­müh­te sich zeit­gleich um ein Sti­pen­di­um für ei­nen Meis­ter­kurs bei Kam­mer­sän­ge­rin Eri­ka Köth aus Liech­ten­stein. Nach ih­rem Abitur er­gat­ter­te Hol­len­berg den be­gehr­ten Platz. Das Pro­blem: „Es war da­mals fast un­mög­lich, das Land zu ver­las­sen. Ich ha­be Ber­ge ver­setzt, um aus­rei­sen zu dür­fen.“

Nach dem Meis­ter­kurs be­gann das Stu­di­um am Kon­ser­va­to­ri­um in Wi­en. „Ich hat­te zwei gro­ße Le­ben­sträu­me: Der ers­te war, mein Hob­by zum Be­ruf zu ma­chen, und der zwei­te, in Wi­en zu stu­die­ren. Die Stadt war für mich kul­tu­rell und mu­si­ka­lisch ei­ne Le­gen­de.“Hol­len­berg schloss noch ein Pri­vat­stu­di­um bei Kam­mer­sän­ge­rin Hil­de­gard Za­dek an und stu­dier­te zeit­gleich So­zio­lo­gie und Po­li­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wi­en. Fi­nan­ziert hat die Sän­ge­rin ih­re Aus­bil­dung durchs Kell­nern im Ba­wag-Ca­fé und Kaf­fee­haus De­mel. „Ich bin stolz dar­auf, mir je­den Pfen­nig selbst er­ar­bei­tet und die­sen Weg al­lei­ne be­wäl­tigt zu ha­ben.“

Doch Hol­len­berg woll­te sich noch wei­ter bil­den. Sie ging nach Ita­li­en und be­such­te dort die Vi­to­rio Al­fie­ri- und Leo­nar­do da Vin­ci-Schu­len in Flo­renz. Ir­gend­wann zog es sie in das Haus des Kom­po­nis­ten Gi­a­co­mo Puc­ci­ni. „Ich sah in dem Haus ein Foto der Pri­ma­don­na Gi­na Ci­gna, die als bes­te To­s­ca- und Tu­ran­dot-Sän­ge­rin galt.“Das Bild ließ Hol­len­berg nicht mehr los. Al­so bat sie die So­pra­nis­tin um ei­ne Au­di­enz, bei der sie nach Ge­s­angs­stun­den frag­te. Die Da­me ge­währ­te: Hol­len­berg er­hielt zehn St­un­den – für viel Geld. Doch die Sum­me zahl­te die jun­ge Frau ger­ne. „Das war das wich­tigs­te Er­eig­nis in mei­nem Le­ben. Es hat mich im­mer sehr ge­rührt, dies ge­schafft zu ha­ben.“Ihr ers­tes En­ga­ge­ment war am Thea­ter in Ba­den bei Wi­en, und sie sang zahl­rei­che Kon­zer­te als So­lis­tin.

Bis sie ei­nes Ta­ges die Pro­phe­zei­ung der Ge­s­angs­pro­fes­so­rin ein­hol­te: Vor ei­nem Kon­zert pack­te Hol­len­berg plötz­lich ex­tre­mes Lam­pen­fie­ber. Sie traf ei­ne Ent­schei­dung: Statt als So­lis­tin wei­ter­zu­ma­chen, trat sie ei­nem Opern­chor bei, dem Opern­chor des Thea­ters Mön­chen­glad­bach/Kre­feld. „Und die­se Ent­schei­dung ha­be ich nie be­reut.“Heu­te singt sie Stü­cke ih­rer Lieb­lings­kom­po­nis­ten, un­ter an­de­rem Puc­ci­ni, Ver­di und Do­ni­zet­ti. „Die See­le er­hält durch ita­lie­ni­sche Mu­sik ein­fach so viel Nah­rung“, sag­te sie. Das Lam­pen­fie­ber be­glei­tet sie auch heu­te noch, aber nun in ei­ner „an­ge­neh­men“Form, sagt sie. „Im Opern­chor teilt man die Ver­ant­wor­tung. Ich emp­fin­de es als Pri­vi­leg, als Künst­ler sein in­ne­res Kind auf der Büh­ne spie­len las­sen zu kön­nen – und zwar bis ins ho­he Al­ter. “

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