Das Come­back des Bay­ern-Ver­fol­gers

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

DORT­MUND Fuß­bal­ler sind gern „fo­kus­siert“. Sie bli­cken von Spiel zu Spiel. Das be­haup­ten sie je­den­falls. Manch­mal aber lohnt sich auch ein Rück­blick. Bei Bo­rus­sia Dort­mund zum Bei­spiel. Vor ei­nem Jahr be­leg­te der Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­list von 2013 den Re­le­ga­ti­ons­platz in der Bun­des­li­ga, ei­ne Wo­che dar­auf nach dem letz­ten Spiel­tag den vor­letz­ten Rang – durch ge­ra­de mal ein mehr ge­schos­se­nes Tor vor dem SC Frei­burg. Ge­gen En­de De­zem­ber 2015 ist der BVB durch ein 2:0 ge­gen Augs­burg ins Vier­tel­fi­na­le des DFBPo­kals ein­ge­zo­gen. Und in der Li­ga ist das Dort­mun­der Team der ein­zi­ge Ver­fol­ger des Bran­chen­füh­rers Bay­ern München.

Längst wird der Hö­hen­flug fort­ge­setzt, der un­ter Trai­ner Jür­gen Klopp vor sie­ben­ein­halb Jah­ren be­gon­nen und in der ver­gan­ge­nen Sai­son bei­na­he mit ei­ner Bruch­lan- dung ge­en­det hat­te. Das Come­back be­gann mit ei­nem eher hart er­ar­bei­te­ten als lo­cker er­spiel­ten Marsch aus dem Ta­bel­len­kel­ler. Dort­mund spiel­te im Früh­jahr nicht be­zau­bernd, aber es ließ sich von Klopp noch mal zur Mo­bi­li­sie­rung al­ler Kräf­te an­hal­ten. Da­bei be­merk­te auch der Trai­ner, dass sich ei­ni­ges er­schöpft hat­te in der Zu­sam­men­ar­beit mit der Mann­schaft. Er zog dar­aus den rich­ti­gen Schluss und reich­te sei­nen Ab­schied ein.

Den Rück­weg die­ser hoch­ta­len­tier­ten Trup­pe an die Spit­ze führte Klopps Nach­fol­ger an. Nicht al­le wa­ren völ­lig über­zeugt da­von, dass Tho­mas Tu­chel die per­fek­te Lö­sung sein wür­de. Dem ehe­ma­li­gen Main­zer Chef­coach ging der Ruf ei­nes am liebs­ten schlecht ge­laun­ten Bes­ser­wis­sers vor­aus, dem vor al­lem Klopps Grund­tu­gend ei­nes hoch­e­mo­tio­na­len Er­satz­va­ters ab­geht. Tu­chel ging gut be­ra­ten in sein En­ga­ge­ment. Er gab sich ge­löst, zu- gäng­lich, freund­lich. Er be­dien­te das Be­dürf­nis des Dort­mun­der Pu­bli­kums nach Nä­he. Und, weit wich­ti­ger für sei­ne Wir­kung nach in­nen: Er re­for­mier­te den Fuß­ball­stil von Bo­rus­sia Dort­mund.

Sei­ne Mann­schaft be­herrscht im­mer noch das Tem­po­spiel, zu dem sie von Klopp ge­peitscht wur­de. Aber Tu­chel hat ihr bei­ge­bracht, dass auch Ball­be­sitz ein er­folg­ver­spre­chen­des Prin­zip sein kann. Dann näm­lich, wenn im rich­ti­gen Mo­ment die viel­zi­tier­te Tie­fe des Rau­mes ge­sucht wird, wenn das tem­pe­rier­te Ab­spiel die Schnel­lig­keit der Spit­zen zum Tra­gen bringt.

Die Stil­re­form kommt den An­la­gen sei­ner Spie­ler ent­ge­gen. Tu­chel hat vie­le Fuß­bal­ler, die ein Ge­fühl für den rich­ti­gen Mo­ment des Ab­spiels ha­ben. Il­kay Gün­do­gan, Mats Hum­mels und Hen­rikh Mk­hi­ta­ryan be­herr­schen den Steil­pass im rich­ti­gen Mo­ment, der je­de De­ckung auf­schnei­det. Sie müs­sen die­ses Ta­lent nicht mehr in hin­ge­bungs­vol­lem An­ren­nen ver­schwen­den.

Vor al­lem Mk­hi­ta­ryan pro­fi­tiert von Tu­chel. Der Trai­ner hat ihm die Lo­cker­heit ver­schafft, die der fein­füh­li­ge Ar­me­ni­er braucht. Er ist längst nicht mehr der Gr­üb­ler, der an schwä­che­ren Pha­sen ver­zwei­felt, son­dern ein Schlüs­sel­spie­ler. Das freut nicht nur Tu­chel für die­sen „un­heim­lich re­spekt­vol­len, be­schei­de­nen Men­schen“, son­dern auch die Kol­le­gen. In der Mann­schaft ist Mk­hi­ta­ryan sehr ge­ach­tet.

Der zwei­te Schlüs­sel­spie­ler ist Pier­re-Eme­rick Auba­meyang. Schon Klopp hat­te nach ge­schei­ter­ten Ver­su­chen, dem Ga­bu­ner die tak­ti­sche Klug­heit für sei­ne We­ge als Rechts­au­ßen zu ver­mit­teln, den Sprin­ter in die Spit­ze ge­stellt. Aber erst un­ter Tu­chels An­lei­tung be­gann Auba­meyang mit ei­ner Tor­pro­duk­ti­on, die Ex­per­ten an den gro­ßen Gerd Mül­ler den­ken lässt. Bei 18 Bun­des­li­ga-To­ren in 16 Spie­len ist Mül­lers Ewig­keits­re­kord von 40 Tref­fern in ei­ner Sai­son noch in Sicht. Das gab es seit 1977 nicht mehr. Da­mals schoss Die­ter Mül­ler für den 1. FC Köln 34 To­re.

Auba­meyangs Treff­si­cher­heit macht aus dem BVB wie­der den ers­ten Cham­pi­ons-Le­ague-Kan­di­da­ten nach den Bay­ern. „Das“, räumt Tu­chel mit hör­ba­rer Zuf­rie­den­heit ein, „fühlt sich gut an. Wir ha­ben uns auf ei­nen tol­len Weg be­ge­ben.“Es ist nicht her­aus, wo­hin der noch füh­ren wird. Ver­mut­lich nicht an den Münch­nern vor­bei, je­den­falls nicht in die­ser Sai­son. Es ist al­ler­dings sehr wahr­schein­lich, dass die Bay­ern dies­mal nicht schon zu Os­tern um 20 Punk­te da­von­ge­eilt sein wer­den. Das Dort­mun­der Ge­bil­de ist da­für viel zu sta­bil. Und weil Tu­chels Fuß­ball dem der Münch­ner mehr äh­nelt als dem der Klopp-Ära, geht er auch nicht so an die Kraft­re­ser­ven. Ein Ein­bruch ist nicht zu be­fürch­ten.

Ah­nen konn­te man die­se Ent­wick­lung im Som­mer im Schwei­zer Bad Ra­gaz. Be­reits im Trai­nings­la­ger war ein ganz neu­er Schwung zu se­hen. Da­mals be­teu­er­ten Spie­ler, Trai­ner und Funk­tio­nä­re, das Sai­son­ziel lau­te: „Wir wol­len die ers­ten vier Teams der Vor­sai­son her­aus­for­dern.“Das war tief­ge­sta­pelt. Sehr tief.

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