Küh­le Jä­ge­rin trifft scheu­es Reh

Ca­te Blan­chett und Roo­ney Ma­ra als les­bi­sches Paar: Die Patri­cia-Highs­mith-Ver­fil­mung „Ca­rol“ist schon jetzt Os­car-Fa­vo­rit.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON BRITTA SCHMEIS

Vol­ler Ele­ganz und mit viel Zeit er­zählt Todd Hay­nes in „Ca­rol“nach der Ro­man­vor­la­ge von Patri­cia Highs­mith von ei­ner les­bi­schen Lie­be in den 50er Jah­ren – mit den bei­den gran­dio­sen Haupt­dar­stel­le­rin­nen Ca­te Blan­chett und Roo­ney Ma­ra.

Es schmerzt fast, die­sen bei­den Frau­en zu­zu­se­hen, wie sie sich da im Sa­lon ei­nes New Yor­ker No­bel­ho­tels bei Mi­ne­ral­was­ser und Eclairs ge­gen­über­sit­zen. Die ei­ne wohl­fri­siert, ele­gant, er­fah­ren und doch völ­lig ver­un­si­chert und ner­vös an ih­rem teu­ren Arm­band spie­lend. Die an­de­re sehr viel jün­ger, ei­ne ge­wis­se Nai­vi­tät aus­strah­lend und sich sicht­lich un­wohl füh­lend, eben­falls ver­un­si­chert. Das Un­be­ha­gen ist greif­bar. We­nig spä­ter wird ein jun­ger Mann die Jün­ge­re zu ei­ner Par­ty lo­cken. Die Äl­te­re, müt­ter­lich-wohl­wol­lend und doch tief ent­täuscht, er­mun­tert ih­re Freun­din da­zu. Es dau­ert knapp zwei St­un­den, bis Todd Hay­nes die­se Sze­ne in sei­ner Patri­cia-Highs­mith-Ver­fil­mung „Ca­rol“auf­löst – die Un­ge­wiss­heit bleibt auch dann.

Ca­te Blan­chett spielt die­se Hig­hSo­cie­ty-La­dy mitt­le­ren Al­ters, die in den frü­hen 1950er Jah­ren in Schei­dung von ih­rem wohl­ha­ben­den Mann Har­ge (Kyle Chand­ler) lebt. Früh ahnt man, dass die Be­zie­hung Ca­rols zu ei­ner an­de­ren Frau da­zu ge­führt hat, aber nicht nur. Die Lie­be ist er­lo­schen – oder war nie­mals wirk­lich da.

Roo­ney Ma­ra, mit frap­pie­ren­der Ähn­lich­keit zu Au­drey Hep­burn, ist das jun­ge Mäd­chen The­re­se, Ver­käu­fe­rin in der Spiel­zeug­ab­tei­lung ei­nes No­bel-Kauf­hau­ses, un­er­fah­ren und doch selbst­si­cher, die ih­re Lei­den­schaft zur Fo­to­gra­fie längst ent­deckt hat, wenn auch noch nicht aus­lebt.

In die­sem Kauf­haus ist es auch, wo sich die bei­den Frau­en zum ers- ten Mal be­geg­nen. Be­vor sie auch nur ein Wort wech­seln, tref­fen sich ih­re Bli­cke, de­nen bei­de lan­ge stand­hal­ten. Dann erst fragt Ca­rol nach ei­nem pas­sen­den Weih­nachts­ge­schenk für ih­re vier­jäh­ri­ge Toch­ter. Schnell lässt sie sich von The­re­se zu ei­ner Ei­sen­bahn über­re­den, hin­ter­lässt die Lie­fe­r­adres­se und ver­gisst – ver­se­hent­lich oder be­ab­sich­tigt – ih­re Hand­schu­he auf dem Tre­sen. The­re­se zö­gert nicht lan­ge und schickt die­se an ih­re Be­sit­ze­rin.

Ca­rol will sich mit ei­nem Mit­tag­es­sen be­dan­ken. Wie­der ist die­se küh­le, mit­un­ter fast ar­ro­gan­te Frau er­staun­lich ner­vös in Ge­gen­wart der jun­gen The­re­se. Und trotz­dem ent­wi­ckelt sich ei­ne Freund­schaft zwi­schen die­sen bei­den un­ter­schied­li­chen Frau­en. Ei­ne Freund­schaft, die von knis­tern­der An­zie­hung und ei­ner tie­fen Ver­bun­den­heit ge­prägt ist.

Todd Hay­nes lässt sich viel Zeit und gönnt sei­nem Ka­me­ra­mann Ed­ward Lach­man und den bei­den fa­bel­haf­ten Darstel­le­rin­nen lan­ge Ein­stel­lun­gen: von dem gro­ßen, knall­rot­ge­schmink­ten Mund Ca­rols, Zi­ga­ret­ten zwi­schen fein ma­ni­kür­ten Hän­den, schim­mern­den Pelz­män­teln, den bei­den Ge­sich­tern Ca­rols und The­re­ses. Und doch bleibt ei­ne ge­wis­se Dis­tanz zu den Fi­gu­ren. Da­zu tra­gen mög­li­cher­wei­se auch die meist von Ca­rol rau­chig-ge­raun­ten be­deu­tungs­schwe­ren Sät­ze bei. „Ich ha­be mir nur ge­nom­men, was du be­reit warst zu ge­ben“, sagt sie et­wa zu The­re­se, als die­se sich Vor­wür­fe macht, an dem Sor­ge­rechts­streit zwi­schen Ca­rol und de­ren Mann mit­schul­dig zu sein.

Denn als Har­ge von der Freund­schaft der bei­den er­fährt und schnell ei­ne Be­zie­hung ver­mu­tet, setzt er zu ei­nem er­bit­ter­ten Streit um die klei­ne Toch­ter an. Die­ser es­ka­liert, als er ei­nen Pri­vat­de­tek­tiv auf Ca­rol an­setzt, der die bei­den Frau­en in dem Mo­tel­zim­mer ab­hört, in dem es zur ers­ten se­xu­el­len An­nä­he­rung kommt. Ca­rol will um ih­re Toch­ter kämp­fen und lässt sich auf ein Schein­da­sein oh­ne The­re­se ein – zu­nächst zu­min­dest.

Nach „Dem Him­mel so fern“(2002) wid­met sich Hay­nes er­neut der Prü­de­rie, der Dop­pel­mo­ral und den da­mit ver­bun­de­nen Res­sen­ti-

Todd Hay­nes lässt sei­nen Haupt­dar­stel­le­rin­nen viel Zeit, ih­re Fi­gu­ren

zu ent­wi­ckeln

ments und Re­pres­sa­li­en der 50er Jah­re in den USA. Doch auch wenn Ca­rol das Sor­ge­recht für ih­re Toch­ter aus mo­ra­li­schen Grün­den ab­ge­spro­chen wird, be­we­gen sich die bei­den Frau­en er­staun­lich frei in der Ge­sell­schaft. Sie ge­hen recht of­fen mit ih­rer Be­zie­hung um. Zu­gleich wünscht man sich, dass sich die küh­le Jä­ge­rin Ca­rol und das an­fäng­lich scheue Reh The­re­se öff­nen, nicht nur still lei­den. Doch viel­leicht ist das ge­ra­de die sub­ti­le Un­ter­drü­ckung der prü­den McCar­thyÄ­ra, in der die bei­den Frau­en ih­re Lie­be ver­su­chen zu le­ben.

„Ca­rol“geht als Fa­vo­rit ins Ren­nen um die Gol­den Glo­bes, die im Ja­nu­ar ver­lie­hen wer­den. Der Film be­kam in Los Angeles fünf No­mi­nie­run­gen – un­ter an­de­rem als bes­tes Dra­ma und für die bes­te Mu­sik. Blan­chett und Ma­ra wur­den als bes­te Haupt­dar­stel­le­rin­nen no­mi­niert, Todd Hay­nes als bes­ter Re­gis­seur. „Ca­rol“, Groß­bri­tan­ni­en/USA 2015, 118 Min., Re­gie: Todd Hay­nes, mit: Ca­te Blan­chett, Roo­ney Ma­ra, Kyle Chand­ler, Sa­rah Paul­son

Be­wer­tung:

FOTO: DPA

In ei­nem Kauf­haus ler­nen die bei­den Frau­en ein­an­der ken­nen: Ca­te Blan­chett (l.) als rei­che Ehe­frau und Roo­ney Ma­ra als schüch­ter­ne, aber durch­aus selbst­be­wuss­te jun­ge An­ge­stell­te.

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