Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ich sah sie lan­ge so an, und als ich dann frag­te: „Wo warst du die gan­ze Zeit?“, war es Fra­ge und Ant­wort zu­gleich, denn ich hät­te es nicht sa­gen kön­nen, wenn ich mir nicht si­cher ge­we­sen wä­re, dass sie end­lich zu­rück war – wo im­mer sie auch ge­we­sen sein moch­te und wie lan­ge. Sehr weit weg. Sehr lan­ge. Und sie wä­re nicht zu­rück­ge­kom­men, wenn sie mich nicht noch ein letz­tes Mal hät­te se­hen müs­sen. Ge­nau­so we­nig wie ich her­ge­kom­men wä­re, wenn ich nicht, wie es bei uns jun­gen Men­schen heißt, ver­rückt da­nach ge­we­sen wä­re, sie zu se­hen. Ver­ses­sen.

„Nur ganz ne­ben­bei“, sag­te ich, „und wahr­schein­lich soll­te ge­ra­de ich das nicht sa­gen, aber trotz­dem: Ich lie­be dich im­mer noch.“

Ich ver­such­te das ganz bei­läu­fig zu äu­ßern, oh­ne gro­ßes Tra­ra, und es hin­ter Re­la­ti­vie­run­gen zu ver­ste­cken, aber jetzt war es her­aus – klipp und klar ge­sagt, ein­ge­stan­den, und nach­dem ich es aus­ge­spro­chen hat­te, wand­te ich den Blick ab und schau­te weg – auf den Bo­den, zu den Ster­nen, egal wo­hin. Ich er­war­te­te kei­ne Ant­wort, aber nach ei­ner Wei­le er­hielt ich ei­ne. Erst kam ein ver­wirr­ter Seuf­zer, und dann sag­te ei­ne et­was klang­vol­le­re Stim­me als mei­ne sehr di­rekt:

„Ich lie­be dich auch. Herr­gott noch mal.“

Die Mot­ten in dem Licht­ke­gel ge­rie­ten lang­sam au­ßer sich. Ich stand auf, mach­te ei­nen Bo­gen um die Scher­ben und be­tä­tig­te den He­bel, mit dem die Un­ter­was­ser­licht­ku­gel aus­ge­schal­tet wird.

Kein Pool braucht zwei Mon­de, und es war an der Zeit für uns, hin­ein­zu­ge­hen und un­se­rem Va­ter und un­se­rer Groß­mut­ter Gu­te Nacht zu sa­gen. 3 Auf der Ranch be­ginnt der Mor­gen frü­her als in Ber­ke­ley, haupt­säch­lich wohl we­gen der Vö­gel. Ich ha­be in dem Baum di­rekt vor un­se­rem Fens­ter schon bis zu acht Nes­ter ge­zählt. Im Win­ter, wenn kein Laub da ist, kann man sie gut se­hen – al­te, ver­brauch­te Start­ram­pen, der Be­stands­auf­nah­me preis­ge­ge­ben, doch im Som­mer sieht man nichts, da hört man sie nur, früh und laut.

Au­ßer­dem liegt un­ser Zim­mer auf der Ost­sei­te des Hau­ses, und die Son­ne knallt her­ein, so­bald sie auf­geht. Ich mag un­ser Zim­mer sehr, aber es ist auf die zu­ge­schnit­ten, die wir frü­her wa­ren, nicht die, die wir jetzt sind. Schon gar nicht auf mich an die­sem ers­ten Mor­gen nach der ers­ten Nacht zu Hau­se – oh­ne das ge­rings­te Ver­lan­gen, mit den Vö­geln auf­zu­ste­hen, ver­mut­lich au­ßer­stan­de, über­haupt auf­zu­ste­hen, und durch ein an­ge­schla­ge­nes Ge­dächt­nis be­hin­dert, das mich ei­ne gan­ze Wei­le bäuch­lings da­hin­trei­ben ließ, un­iden­ti­fi­ziert, ort­los, be­vor die nächs­te Wel­le mei­nen Na­men nebst ei­ni­gen der da­mit ver­bun­de­nen Eh­ren her­an­trug. Da­nach trieb ich wei­ter, und die Vö­gel kreisch­ten, bis mir klar wur­de, dass man mich nicht an ei­nem der drei oder vier Or­te fin­den wür­de, an de­nen ich in Ber­ke­ley manch­mal auf­wa­che. Gut zu wis­sen. Wenn ich ir­gend­et­was brauch­te, dann ei­nen neu­en Ort, an dem ich auf­wa­chen konn­te. Die Vö­gel hät­ten mir ver­ra­ten kön­nen, dass ich hier an kei­nem neu­en, son­dern an ei­nem al­ten Ort war, ei­nem von ganz frü­her; aber ich er­kann­te es dann an ei­nem Zir­kus­pla­kat. Ich hob den Kopf, nur ein klei­nes biss­chen, öff­ne­te ein Au­ge, und da sah ich es an der Wand – ein Pos­ter, das Ja­ne ir­gend­wo auf­ge­ga­belt und für un­ser Zim­mer hat­te rah­men las­sen, als wir noch ganz klein wa­ren, lang ist’s her – ein strah­lend wei­ßer Clown mit Glat­ze, ro­ten Au­gen und rau­ten­för­mi­gem Mund. Ich schloss das Au­ge wie­der, ließ den Kopf sin­ken, wuss­te, dass das äl­te­re Ed­wards-Mäd­chen ge­fun­den wor­den war, ku­rio­ser­wei­se da, wo man sie am we­nigs­tens er­war­tet hät­te, näm­lich im Kin­der­zim­mer, in der Child­ren’s Cor­ner Sui­te, in ih­rem ei­ge­nen Bett.

Oder viel­mehr auf ih­rem Bett, in leicht ver­krümm­ter Hal­tung. Vol­ler Schmerz und Freu­de und dar­auf be­dacht, sie nicht aus­ein­an­der­zu­di­vi­die­ren, nicht jetzt, wo da drau­ßen im Baum die­ses Ge­ze­ter im Gan­ge war und die Son­ne durchs Fens­ter her­ein­knall­te. Ihr Auf­ent­halts­ort ist er­mit­telt, sie ist iden­ti­fi­ziert, jetzt lasst sie in Ru­he, dann schläft sie viel­leicht wie­der ein.

Aber das tat ich nicht. Ich dreh­te den Kopf von der Son­ne weg und sah, nur ei­nen gu­ten Me­ter von mir ent­fernt, mei­ne Schwes­ter Ju­dith in ih­rem Bett. Nicht dar­auf, son­dern dar­in, und bis zum Kinn mit ei­nem wei­ßen La­ken zu­ge­deckt. Es mach­te mir Angst, die­ses La­ken, es wirk­te so ge­wis­sen­haft, so un­zer­krum­pelt, so sehr wie von je­mand Of­fi­zi­el­lem of­fi­zi­ell dort plat­ziert. Ich hol­te jäh Luft, was ei­nen ste­chen­den Schmerz in mei­nem Kopf ver­ur­sach­te, und dann fiel mir ein, dass ich selbst die Of­fi­zi­el­le war, ich hat­te sie ach-so-treff­lich zu­ge­deckt, hat­te das La­ken selbst so schön glatt­ge­zo­gen, be­vor ich ihr Gu­te Nacht sag­te und noch ein­mal die ent­schei­den­den Zu­si­che­run­gen gab, denn so bin ich: or­dent­lich. Ich mag es nicht, wenn Sa­chen zer­krum­pelt sind. Wenn übe­r­all Sei­den­pa­pier her­um­liegt, stop­fe ich es un­ters Bett. Ich ha­be mei­ne Vor­stel­lun­gen von Ord­nung. – Ich be­weg­te mei­nen lin­ken Arm, bis das Hand­ge­lenk ei­ni­ger­ma­ßen auf Hö­he mei­nes Ge­sichts war, dann hob ich er­neut den Kopf und rich­te­te den Blick auf mei­ne Uhr. Vier­tel vor sechs, und das Zim­mer licht­durch­flu­tet. Gä­be es nachts nicht im­mer so vie­le Ablen­kun­gen und so viel zu tun – mehr Eis ho­len, zum Bei­spiel, die Zu­si­che­run­gen ge­ben, Zahn­bürs­te und Pil­len­do­se su­chen –, soll­te ein leid­lich in­tel­li­gen­ter Mensch ei­gent­lich im­stan­de sein, vor­her­zu­se­hen, dass bald strah­lend hel­ler Mor­gen sein wird, und dem­ent­spre­chend vor dem Schla­fen­ge­hen die Rol­los her­un­ter­zie­hen. Aber es be­darf mehr als leid­li­cher In­tel­li­genz, um ein Rol­lo her­un­ter­zu­zie­hen, so­lan­ge es noch dun­kel ist, es be­darf ei­nes küh­nen Geis­tes, der zu weit­rei­chen­den An­nah­men fä­hig ist, und ich kann mir in dunk­ler Nacht oder bei sanf­tem Mond­licht ein­fach nicht vor­stel­len, dass es je­mals wie­der Tag wer­den wird. Al­so ge­he ich schla­fen, oh­ne die Rol­los her­un­ter­zu­zie­hen. Und of­fen­sicht­lich auch, oh­ne mich ins Bett zu le­gen. Aber nie, oh­ne der wah­ren Ver­pflich­tung ge­gen­über der an­de­ren nach­zu­kom­men, wenn es die wah­re an­de­re ist, die Zu­si­che­run­gen zu ge­ben, Gu­te Nacht zu sa­gen, das La­ken bis un­ters Kinn hoch­zu­zie­hen. Das näm­lich be­deu­tet es, die vol­le Ver­ant­wor­tung für das zu über­neh­men, wor­an man glaubt, was man kennt, wor­auf man ver­traut und wo­für man zu kämp­fen be­reit ist. Der Mor­gen ist nur ei­ne Be­gleit­erschei­nung. Den neh­me ich erst zur Kennt­nis, wenn er mir die Aug­äp­fel ver­sengt.

(Fort­set­zung folgt)

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