Mil­lio­nen für Flücht­lin­ge falsch an Städ­te ver­teilt

Bei der Er­stat­tung der Kos­ten für die Un­ter­brin­gung und Ver­sor­gung von Flücht­lin­gen hat das Land 2015 ei­nen drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag an die fal­schen Kom­mu­nen ge­zahlt. Ur­sa­che ist ein bü­ro­kra­ti­sches Ver­teil­sys­tem, das die Wirk­lich­keit vor Ort ver­fehlt

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON THO­MAS REI­SE­NER

DÜSSELDORF Das Flücht­lings­geld des Lan­des kommt zu er­heb­li­chen Tei­len bei den fal­schen Kom­mu­nen an. Im lau­fen­den Jahr er­hiel­ten 35 nord­rhein-west­fä­li­sche Kom­mu­nen zu­sam­men 162 Mil­lio­nen Eu­ro zu viel aus­be­zahlt. Gleich­zei­tig er­hiel­ten 37 an­de­re Kom­mu­nen zu­sam­men 99 Mil­lio­nen Eu­ro zu we­nig. Das er­ga­ben Be­rech­nun­gen un­se­rer Re­dak­ti­on auf der Grund­la­ge von ak­tu­el­len Da­ten der Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg, die lan­des­weit für die Zu­wei­sung von Flücht­lin­gen zu­stän­dig ist.

Auf An­fra­ge räum­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um ei­ne Schief­la­ge ein. Zu den größ­ten Pro­fi­teu­ren der Fehl­steue­rung ge­hö­ren die Städ­te Köln, Duis­burg, Düsseldorf und Mön­chen­glad­bach. Das Land über­wies ih­nen 2015 je ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag für die Un­ter­brin­gung und Ver­sor­gung von Flücht­lin­gen, die dort gar nicht le­ben.

Zu den Ver­lie­rern ge­hö­ren et­wa So­lin­gen und Rem­scheid, die je­weils meh­re­re Hun­dert­tau­send Eu­ro zu we­nig er­hiel­ten, weil dort mehr Flücht­lin­ge le­ben als ge­plant. Der Städ­te- und Ge­mein­de­bund for­dert das Land zum Han­deln auf: „Das darf na­tür­lich kein Dau­er­zu­stand sein. Sonst flie­ßen wei­ter Lan­des­gel­der in die Städ­te für Flücht­lin­ge, die gar nicht da sind.“

Ur­sa­che der Fehl­steue­rung: Die Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg weist die Flücht­lin­ge den Kom­mu­nen ge­mäß ei­nem Schlüs­sel zu, der auf Grund­la­ge der Ein­woh­ner­zah­len und der Flä­che der Kom­mu­ne be­rech­net wird. Fak­tisch weicht die Zahl der Flücht­lin­ge, die sich dort auf­hal­ten, aber da­von ab. Denn den Flücht­lin­gen ist der Ver­tei­lungs­schlüs­sel egal – sie dür­fen le­ben, wo sie wol­len. So gab es in Duis­burg 2813 Flücht­lin­ge we­ni­ger als ge­plant – die Stadt lag da­mit 41 Pro­zent un­ter dem Soll.

Trotz­dem weist das Land den Kom­mu­nen die Gel­der auf der Grund­la­ge des Arns­ber­ger Schlüs­sels zu, wie ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums be­stä­tigt: „Die Mit­tel wer­den den Ge­mein­den ent­spre­chend dem Zu­wei­sungs­schlüs­sel aus­ge­zahlt. Da­mit er­hal­ten die Kom­mu­nen das Geld un­ab­hän­gig von der tat­säch­li­chen An­zahl der in der Kom­mu­ne auf­häl­ti­gen Flücht­lin­ge.“

Laut Flücht­lings­auf­nah­me­ge­setz muss­te die Lan­des­re­gie­rung je­der Kom­mu­ne pro auf­ge­nom­me­nem Flücht­ling ei­ne so­ge­nann­te Flücht­lings­pau­scha­le in Hö­he von 7578 Eu­ro für das Jahr 2015 über­wei­sen. Ver­rech­net man die­sen Be­trag mit der Dif­fe­renz zwi­schen den for­mal zu­ge­wie­se­nen und den tat­säch­lich in der je­wei­li­gen Kom­mu­ne le­ben- den Flücht­lin­gen, kom­men statt­li­che Be­trä­ge zu­sam­men.

Das In­nen­mi­nis­te­ri­um be­tont, dass die Geld­zu­wei­sun­gen den­noch recht­lich kor­rekt wa­ren und auch kei­ne nach­träg­li­che Kor­rek­tur der Aus­zah­lun­gen vor­ge­se­hen sei. Al­ler­dings wer­de der recht­li­che Rah­men nach­ge­bes­sert: „Im Rah­men der Neu­struk­tu­rie­rung des Flücht­lings­auf­nah­me­ge­set­zes 2017 wird auch das Sys­tem der Mit­tel­ver­tei­lung neu auf­ge­stellt wer­den. Die Ver­tei­lung wird dann per­so­nen- und mo­nats­ge­nau ab Zu­wei­sung der Flücht­lin­ge in die Kom­mu­nen er­fol­gen. Hier­für wird ei­ne neue Sta­tis­tik im­ple­men­tiert wer­den“, sag­te der Spre­cher. Im kom­men­den Jahr wer­de die Pau­scha­le zwar von 7587 Eu­ro auf 10.000 Eu­ro pro Flücht­ling er­höht, aber den­noch vor­erst wei­ter­hin nach dem bis­he­ri­gen Ver­fah­ren an die Kom­mu­nen ver­teilt.

Mit den Nach­bes­se­run­gen re­agiert das Land of­fen­bar auch auf den Vi­ze­chef der CDU-Land­tags­frak­ti­on, An­dré Ku­per. Der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter der Stadt Riet­berg hat­te als Ers­ter auf die mas­si­ven Ab­wei­chun­gen hin­ge­wie­sen und auch schon ei­nen ver­zer­ren­den Ein­fluss auf die Lan­des­zah­lun­gen ver­mu­tet. Ku­per for­dert je­doch so­for­ti­ge Kon­se­quen­zen: „Dass NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger erst 2017 auf den Feh­ler re­agiert, ist un­trag­bar. Das Land muss ihn schon im nächs­ten Jahr bei den Geld­zu­wei­sun­gen an die Kom­mu­nen aus­glei­chen.“

So­lin­gen und Rem­scheid kün­dig­ten nach Vor­la­ge un­se­rer Be­rech­nun­gen ei­ne Über­prü­fung der Lan­des­zah­lun­gen an. Der Käm­me­rer von Rem­scheid, Sven Wiertz, for­dert mehr Tem­po bei der Um­stel­lung: „Wir er­war­ten, dass die ProKopf-Pau­scha­le des Lan­des be­reits 2016 und nicht erst 2017 ent­spre­chend den tat­säch­li­chen Flücht­lings­zah­len be­rech­net wird.“

Düsseldorf und Köln, Mön­chen­glad­bach und Duis­burg, die zu den Ge­win­nern des bis­he­ri­gen Sys­tems ge­hö­ren, re­agier­ten ges­tern zu­rück­hal­tend. Ei­ne Spre­che­rin der Stadt Köln er­klär­te so­wohl das Zah­len­ma­te­ri­al der Be­zirks­re­gie­rung als auch die zu­grun­de­lie­gen­de Be­rech­nung für un­zu­ver­läs­sig. Düsseldorf woll­te sich gar nicht äu­ßern. Leit­ar­ti­kel

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