Der haus­ge­mach­te Bei­trags­an­stieg

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON BIRGIT MARSCHALL

BER­LIN Her­mann Grö­he ist ei­ner von 70 Mil­lio­nen ge­setz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten. Nächs­tes Jahr wird auch der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter acht bis neun Eu­ro mehr im Mo­nat für sei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung be­zah­len müs­sen. Ihm wird das nicht so viel aus­ma­chen, denn als Mi­nis­ter hat Grö­he ein statt­li­ches Mo­nats­ge­halt in fünf­stel­li­ger Hö­he.

An­de­re, die nicht so viel ha­ben, spü­ren die An­he­bung der Kran­ken­kas­sen­bei­trä­ge zum neu­en Jahr deut­li­cher im Porte­mon­naie. Um vier bis sechs Eu­ro mo­nat­lich wird die Kran­ken­ver­si­che­rung im Durch­schnitt für die Ar­beit­neh­mer teu­rer – und ein En­de der Kos­ten­dy­na­mik ist nicht ab­seh­bar. Denn auch 2017 und da­nach dro­hen wei­te­re Bei­trags­satz­stei­ge­run­gen, wenn die Po­li­tik nicht recht­zei­tig ge­gen­steu­ert. Zwei Fak­to­ren kann sie gar nicht aus­schal­ten: Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del und der me­di­zi­ni­sche Fort­schritt füh­ren un­wei­ger­lich zu deut­li­chen Kos­ten­stei­ge­run­gen.

Doch auch die Po­li­tik hat wich­ti­ge Stell­schrau­ben in der Hand – und in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren ha­ben die Aus­ga­ben­stei­ge­run­gen der Kran­ken­kas­sen ganz ent­schei­dend da­mit zu tun, dass die schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on die Leis­tun­gen stark aus­ge­wei­tet hat. „Das wa­ren gu­te und rich­ti­ge In­ves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen der Ko­ali­ti­on in ei­ne bes­se­re Ge­sund­heits­ver­sor­gung“, ver­tei­digt der SPD-Ge­sund­heits­po­li­ti­ker Karl Lau­ter­bach die Re­for­men auch stell­ver­tre­tend für Grö­he. Kri­ti­ker fin­den da­ge­gen, die Ko­ali­ti­on ha­be bei der Kran­ken­haus­re­form und an­de­ren Ver­bes­se­run­gen all­zu sehr die Spen­dier­ho­sen an. „Grö­he ist viel­leicht ei­ner der teu­ers­ten Ge­sund­heits­mi­nis­ter, die das Land je hat­te“, sagt et­wa der Ge­sund­heits­öko­no­men Bo­ris Au­gurz­ky. Al­lein Grö­hes Ge­sund­heits- und Pfle­ge­re­for­men wür­den die ge­setz­li­chen Kas­sen zwi­schen 2016 und 2019 zu­sätz­lich 18,1 Mil­li­ar­den Eu­ro kos­ten.

„Seit der ver­gan­ge­nen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode hat es nur Ge­set­ze ge­ge­ben, die mehr Geld kos­ten“, be­klagt auch der Vor­stands­chef der Bar­mer GEK, Chris- toph St­raub. „Wir ha­ben Druck im Sys­tem.“Den Ver­si­cher­ten droh­ten in Zu­kunft noch hö­he­re Bei­trags­sprün­ge, war­nen die Ver­tre­ter der Kas­sen. Wenn der Ge­setz­ge­ber nicht re­agie­re, wür­den die so ge­nann­ten Zu­satz­bei­trä­ge, die nur die Ver­si­cher­ten zah­len müs­sen, bis 2020 auf zwei Pro­zent zu­le­gen, sagt die Che­fin des Ver­bands der Er­satz­kas­sen (vdek), Ul­ri­ke Els­ner. Da­mit lä­gen die Ge­samt­bei­trä­ge bei 16,6 Pro­zent. Und die Che­fin des Spit­zen­ver­bands der ge­setz­li­chen Kas­sen, Do­ris Pfeif­fer, for­dert, Grö­he müs­se schon im kom­men­den Jahr et­was ge­gen die ho­hen Arz­nei­mit­tel­aus­ga­ben un­ter­neh­men. Der Mi­nis­ter weist die Spar­for­de­run­gen al­ler­dings zu­rück. „Wer jetzt an­mahnt, das sei al­les zu teu­er, muss auch schlüs­sig dar­le­gen, wo er oder sie kür­zen will“, sagt Grö­hes Spre­che­rin. Zie­le sei­en der Zu­gang zu gu­ter me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung und mehr Nach­hal­tig­keit des Ge­sund­heits­we­sens et­wa durch Stär­kung der Vor­beu­gung.

Zu­dem lö­se die Bei­trags­er­hö­hung ein Son­der­kün­di­gungs­recht der Ver­si­cher­ten aus; sie könn­ten jetzt in ei­ne Kas­se wech­seln, die die glei­chen Leis­tun­gen güns­ti­ger an­bie­te.

Al­lein fünf Mil­li­ar­den Eu­ro kos­tet die Kas­sen zwi­schen 2015 und 2020 die Kran­ken­haus­re­form, die den Kli­ni­ken bes­se­re Aus­stat­tun­gen er­mög­licht. Die ers­te Stu­fe der Pfle­ge­re­form, die un­ter an­de­rem Ver­bes­se­run­gen bei der Pfle­ge De­menz­kran­ker ent­hält, schlägt mit ins­ge­samt lang­fris­tig 19,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zu Bu­che, die zwei­te noch ein­mal mit 8,8 Mil­li­ar­den Eu­ro. Auch das ge­ra­de erst in die­ser Wo­che vom Ka­bi­nett ge­bil­lig­te Prä­ven­ti­ons­ge­setz, mit dem Grö­he die in­di­vi­du­el­le Vor­sor­ge ver­bes­sern will, wird die Kas­sen noch­mals mehr Geld kos­ten. Bis­her wei­gern sie sich noch, es auch wirk­lich zu be­zah­len.

Vie­le der In­ves­ti­tio­nen sind wün­schens­wert, vor al­lem in den oft schlecht aus­ge­stat­te­ten Kli­ni­ken und in

Bo­ris Au­gurz­ky Ge­sund­heits­öko­nom der Pfle­ge. Doch bei den Kas­sen macht sich das eben ne­ben den sons­ti­gen Aus­ga­ben­stei­ge­run­gen, die Grö­he auch nicht ge­bremst hat, ne­ga­tiv be­merk­bar. Im Er­geb­nis wuch­sen die Aus­ga­ben der Kas­sen deut­lich stär­ker als die Ein­nah­men.

So ha­ben sie in den ers­ten drei Quar­ta­len 2015 ein De­fi­zit von 395 Mil­lio­nen Eu­ro ein­ge­fah­ren. Für die Ärz­te ga­ben die Kas­sen vier Pro­zent je Ver­si­cher­ten mehr aus, für Arz­nei­mit­tel 4,4 Pro­zent, für Kli­nik­be­hand­lun­gen 3,1 und für das Kran­ken­geld fünf Pro­zent.

Auch Feh­ler der Ver­gan­gen­heit ho­len die Ko­ali­ti­on ein. So hat­te die letz­te gro­ße Ko­ali­ti­on 2009 den ein­heit­li­chen Kran­ken­bei­trags­satz von 15,5 Pro­zent der Brut­to-Ein­kom­men (oh­ne Zu­satz­bei­trä­ge) ein­ge­führt. Das war da­mals groß­zü­gig be­mes­sen, so dass im ge­sam­ten staat­li­chen Ge­sund­heits­sys­tem über Jah­re der Ve­rän­de­rungs­druck fehl­te. Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen spie­len seit­her ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Trotz der Wech­sel­mög­lich­kei­ten für Ver­si­cher­te hat­ten vie­le gro­ße Kas­sen we­nig An­lass, ih­re in­ne­re Struk­tur kos­ten­güns­ti­ger zu ge­stal­ten, so et­wa die DAK, de­ren Ver­wal­tungs­aus­ga­ben be­son­ders hoch sind und die jetzt ih­ren Bei­trags­satz so­gar um 0,6 Punk­te er­hö­hen muss. 2009 fror die gro­ße Ko­ali­ti­on zu­dem den Ar­beit­ge­ber­bei­trag auf 7,3 Pro­zent ein, so dass al­le Kos­ten­stei­ge­run­gen nun al­lein bei den Ar­beit­neh­mern hän­gen­blei­ben. Die Ver­si­cher­ten ver­lo­ren da­durch ei­nen schlag­kräf­ti­gen Lob­by­Part­ner, denn die Ar­beit­ge­ber in­ter­es­sie­ren sich seit­her nicht mehr be­son­ders für die Bei­trags­stei­ge­run­gen. „So­fort im neu­en Jahr müs­sen wir über die Wie­der­ein­füh­rung der pa­ri­tä­ti­schen Fi­nan­zie­rung der Kran­ken­ver­si­che­rung re­den“, for­dert da­her Lau­ter­bach. „Wir dür­fen kei­ne Zeit ver­lie­ren. Das müs­sen wir un­be­dingt noch in die­ser Wahl­pe­ri­ode än­dern“, sagt der SPD-Po­li­ti­ker.

Grö­he lehnt das mit dem Hin­weis ab, dass die Lohn­zu­satz­kos­ten stei­gen wür­den – mit al­len ne­ga­ti­ven Fol­gen auf dem Ar­beits­markt. Doch die Be­schäf­ti­gung ist auf Re­kord­ni­veau. Grö­he wird al­so Pro­ble­me ha­ben, den An­stieg auch des Ar­beit­ge­ber­bei­trags zu ver­hin­dern.

„Grö­he ist viel­leicht ei­ner der teu­ers­ten Ge­sund­heits­mi­nis­ter, die das Land je hat­te“

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