Schicht im Schacht auf Au­gus­te Vic­to­ria

In Marl hat die vor­letz­te Ze­che des Ruhr­ge­biets die För­de­rung ein­ge­stellt. Vie­le Berg­leu­te ste­hen vor ei­ner un­ge­wis­sen Zu­kunft.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON KIRS­TEN BI­AL­DI­GA

MARL Im För­der­turm ste­hen lee­re Lo­ren auf dem Gleis, Koh­le wer­den sie nie wie­der trans­por­tie­ren. Nur sym­bo­lisch steht vor dem För­der­korb noch ein Wag­gon, der bis über den Rand mit schwarz glän­zen­den Bro­cken ge­füllt ist. Dann öff­net sich die Tür, ein paar Berg­leu­te tre­ten her­aus und die letz­te Schicht in der Ze­che „Au­gus­te Vic­to­ria“ist zu En­de.

Auch für Frank Kal­pein ist ges­tern der letz­te Tag als Bergmann. Ob­wohl er den Ter­min schon lan­ge kennt, kann er noch im­mer nicht be­grei­fen, dass dies sei­ne letz­te Gru­ben­fahrt war: „Das ist wie der Tod ei­nes Fa­mi­li­en­mit­glieds, dar­auf kann man sich nicht vor­be­rei­ten“, sagt er und schluckt schwer. Sein gan­zes Be­rufs­le­ben lang hat der 49Jäh­ri­ge im Berg­werk ge­ar­bei­tet, erst als Berg­me­cha­ni­ker, dann als Auf­sichts­hau­er. Nun geht er in den Vor­ru­he­stand, hofft auf ei­nen Mi­ni-Job beim Land­schafts­gärt­ner, um sei­ne Ge­halts­res­te auf­zu­bes­sern.

1000 Berg­leu­te ar­bei­te­ten zu­letzt noch auf „Au­gus­te Vic­to­ria“oder „AV“, wie sie hier sa­gen. In den bes­ten Zei­ten wa­ren es so­gar ein­mal mehr als 10.000, aber das ist lan­ge her, An­fang der 70er Jah­re. 116 Jah­re lang gab das Berg­werk den Men­schen hier Ar­beit und noch mehr: Iden­ti­tät, Zu­ge­hö­rig­keit und Stolz. Doch Im­port­koh­le und Öl sind bil­li­ger, der Aus­stieg aus der St­ein­koh­le ist schon längst be­schlos­se­ne Sa­che. 2018 wer­den auch die bei­den letz­ten noch ver­blie­be­nen nord­rhein-west­fä­li­schen Ze­chen in Bot­trop und Ib­ben­bü­ren schlie­ßen.

MAR­VIN GOSDZENSKI,

ANDRE­AS CLE­MENT,

THO­MAS HAHN,

Nor­bert Maus, RAG-Ge­samt­be­triebs­rats­chef, kann die­se po­li­ti­sche Ent­schei­dung bis heu­te nicht ver­ste­hen: „Das war ei­ne fal­sche Ent­schei­dung, das wird sich noch zei­gen“, ruft er sei­nen Kum­peln zu und da­bei ver­sagt ihm mehr­fach die Stim­me. Die Po­li­ti­ker in Ber­lin und Brüssel macht er ver­ant­wort­lich und for­dert zu­gleich mehr Geld, „da­mit wir hier nicht das Ar­men­haus Deutsch­lands wer­den.“Den Mar­ler Bür­ger­meis­ter Wer­ner Arndt weiß er da­bei an sei­ner Sei­te. Denn Hun­der­te Ar­beits­lo­se mehr, das ver­kraf­tet ei­ne Ruhr­ge­biets­stadt wie Marl nicht so oh­ne wei­te­res. Arndt hofft dar­auf, dass sich das Ze­chen­ge­län­de in ein Ge­wer­be­ge­biet, wie für Lo­gis­tik­un­ter­neh­men, um­wan­deln lässt. Ei­ne ers­te Mach­bar­keits­stu­die ist im­mer­hin ver­spre­chend aus­ge­fal­len.

Viel Po­litpro­mi­nenz ist ges­tern nach Marl ge­kom­men, um den Berg­leu­ten Mut zu­zu­spre­chen. Der NRW-Wirt­schafts-, der Ar­beits- und der Fi­nanz­mi­nis­ter (al­le SPD) sind ge­kom­men und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft. Im­mer­hin fal­le kein Bergmann ins Berg­freie, es ge­be kei­ne be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen, die Lan­des­re­gie­rung wer­de die Re­gi­on auch wei­ter­hin nicht im Stich las­sen. Und die Wer­te der Berg­leu­te wie Zu­ver­läs­sig­keit und So­li­da­ri­tät hät­ten von hier aus ganz Deutsch­land ge­prägt, sagt sie, die Kum­pel könn­ten stolz auf sich sein. Sie ist gern ge­se­hen in Marl, die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin. Das En­de des St­ein­koh­le­berg­baus las­ten die Koh­le­kum­pel den Christ­de­mo­kra­ten und Krafts Vor­gän­ger Jür­gen Rütt­gers (CDU) an.

47 Jah­re, Plem­per (Stre­cken­ver­fül­ler): „Ich blei­be bis zum letz­ten Tag, al­so bis der Rück­bau im nächs­ten Jahr ab­ge­schlos­sen ist. Ich bin da­bei, wenn hier ab­ge­schlos­sen wird. Am 1. März 2017 ge­he ich in den Vor­ru­he­stand und er­hal­te dann noch 68 Pro­zent mei­nes letz­ten Ge­halts. Das ist nicht ein­fach, wir sind al­le zu jung, um zu Hau­se zu blei­ben. So ei­ne Ka­me­rad­schaft wie hier gibt es sonst viel­leicht nur noch bei der Bun­des­wehr. Ges­tern Abend ha­be ich ver­sucht, mit mei­ner Frau über den Ab­schied hier zu spre­chen, aber ich muss­te zwei­mal ab­bre­chen ...“

20 Jah­re, Azu­bi im vier­ten Lehr­jahr als Elek­tro­ni­ker für Be­triebs­tech­nik: „Ich ha­be­ein Jahr lang un­ter Ta­ge ge­ar­bei­tet wäh­rend der Aus­bil­dung. Im Ja­nu­ar ma­che ich mei­ne Prü­fung und rech­ne mir Chan­cen auf ei­ne Stel­le bei der Po­li­zei oder Feu­er­wehr aus. Opa, Va­ter und On­kel ar­bei­te­ten auch schon auf Au­gus­te Vic­to­ria. Es ist scha­de, dass nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­tio­nen nicht mehr er­le­ben kön­nen, wie es un­ter Ta­ge ist. Das ist wie ei­ne an­de­re Welt, das kann man gar nicht be­schrei­ben. Wir wa­ren wie ei­ne Fa­mi­lie.“

46 Jah­re, Wet­ter­tech­ni­ker: „Ich bin Bergmann seit 2001 und ha­be schon die Schlie­ßung der Ze­che Blu­men­thal erlebt. Aber Au­gus­te Vic­to­ria war mei­ne Hei­mat, ich ha­be hier wirk­lich gern ge­ar­bei­tet. Mein Va­ter war Mau­rer, ich woll­te aber Bergmann wer­den, weil al­le aus mei­ner Schul­klas­se zu Au­gus­te Vic­to­ria gin­gen. Bis 2018 kann ich noch in Bot­trop in der Ze­che Pro­sper Ha­ni­el ar­bei­ten. Da­nach geh ich in den Vor­ru­he­stand.“

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