Ob­dach­lo­ser ver­netzt Ob­dach­lo­se

Hel­mut Richard Brox be­treibt In­ter­net­sei­ten, die Ob­dach­lo­sen Tipps für das Le­ben auf der Stra­ße ge­ben. Schon mehr­fach wur­de der 51-Jäh­ri­ge für sein En­ga­ge­ment aus­ge­zeich­net. Jetzt soll sei­ne Bio­gra­fie er­schei­nen, das Vor­wort da­zu schrieb sein Freund Gün­te

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON OLI­VER BURWIG

DÜSSELDORF Fragt man Hel­mut Richard Brox, was die schlimms­te Zeit für Ob­dach­lo­se ist, so ant­wor­tet er: „Weih­nach­ten. Da kommt das Al­lein­sein hoch.“Brox spricht aus Er­fah­rung, denn 2016 wer­den es drei Jahr­zehn­te sein, die er auf der Stra­ße ver­brach­te. Über sei­ne Kind­heit, die Grün­de für sei­ne Ar­beits- und Woh­nungs­lo­sig­keit und war­um er sich für Ob­dach­lo­se en­ga­giert, will er jetzt ein Buch ver­öf­fent­li­chen.

Noch gut er­in­nert der 51-Jäh­ri­ge sich dar­an, wie es kam, dass er plötz­lich oh­ne Woh­nung da stand. Al­les be­gann mit dem Tod sei­ner Mut­ter. Nach der Be­er­di­gung leb­te Brox ein Jahr in ih­rer Woh­nung, ehe das So­zi­al­amt die Zah­lun­gen ein­stell­te: Die Woh­nung sei zu groß. Es folg­te die Zwangs­räu­mung. Dem 22-Jäh­ri­gen blie­ben zwei Plas­tik­tü­ten, die ihm in der ers­ten Nacht in ei­ner Mann­hei­mer Not­un­ter­kunft ge­stoh­len wur­den. Seit­her ist Brox’ Le­ben ei­ne Wan­der­schaft. Dass er nie lan­ge an ei­nem Ort blei­ben kann, hat zwei Grün­de. Un­ter­künf­te be­gren­zen den Auf­ent­halt: Mal sind es nur St­un­den, mal darf er ei­ni­ge Wo­chen blei­ben. Doch das Rei­sen hilft ihm auch, sich von sei­nen Pro­ble­men ab­zu­len­ken.

Bei Brox wur­den ei­ne chro­ni­sche De­pres­si­on und ei­ne post­trau­ma­ti- sche Be­las­tungs­stö­rung dia­gnos­ti­ziert. Sei­ne El­tern, Ho­lo­caust-Über­le­ben­de, star­ben 1977 und 1985, sei­ne Kind­heit ver­brach­te er in Hei­men. Ei­ne prä­gen­de Er­fah­rung für Brox, der nach ei­ge­nem Be­kun­den Ge­walt und se­xu­el­lem Miss­brauch aus­ge­setzt war. Drei Jah­re ging er zur Schu­le, ei­ne Aus­bil­dung hat er nicht – statt­des­sen die Be­schei­ni­gung sei­ner Er­werbs­un­fä­hig­keit.

15 Eu­ro ver­dient er am Tag. Seit der Ein­füh­rung des neu­en Pfand­sys­tems sam­melt Brox Fla­schen, vor­her leb­te er von „Sit­zun­gen“in Fuß­gän­ger­zo­nen und „La­den­sti­chen“, bei de­nen er von Ge­schäft zu Ge­schäft zog und um Spen­den bat. Da­bei ließ er sich je­de Ga­be mit ei­nem Stem­pel im so­ge­nann­ten „Bä­cker­buch“be­stä­ti­gen. Brox er­zählt von die­ser Tä­tig­keit nicht oh­ne Stolz, denn sie struk­tu­rier­te sei­nen Tag – und er­for­der­te Mut.

Je län­ger er auf der Stra­ße ge­lebt hat­te, des­to kla­rer sei ihm ge­wor­den, dass er „den Fa­den in die Ge­sell­schaft ver­lo­ren“ha­be. „Pa­ra­dox“nennt er es, dass Woh­nungs­lo­se „nicht übe­r­all die glei­chen Rech­te“ha­ben, der Um­gang mit den Ob­dach­lo­sen in Not­un­ter­künf­ten und Äm­tern un­ter­schei­de sich zwi­schen Städ­ten er­heb­lich. Düsseldorf ist für ihn ein Bei­spiel für To­le­ranz, Be­dürf­ti­ge be­kä­men dort pro­blem­los ihr Geld für den gan­zen Mo­nat – in Köln se­he es an­ders aus. De­tails wie die­se kön­nen für die Men­schen schnell zum Pro­blem wer­den, die kei­ne Er­fah­rung mit Woh­nungs­lo­sig­keit ha­ben: „Das Le­ben auf der Stra­ße ist ge­fähr­lich, wenn man sich nicht aus­kennt.“

Das Da­sein als „Ber­ber“, al­so Lang­zeit-Ob­dach­lo­ser, sei schwie­ri­ger ge­wor­den, sagt der 51-Jäh­ri­ge. Vor Hartz-IV ha­be es meh­re­re Äm­ter ge­ge­ben, an de­nen man Ta­ges­geld be­zie­hen konn­te. Mit der Re­form wur­den vie­le von ih­nen zu­sam­men­ge­legt, die We­ge für die Ob­dach­lo­sen wur­den wei­ter. „Vie­le Not­un­ter­künf­te neh­men jetzt ei­nen Obo­lus für die Nacht“, sagt Brox. Auch die Miss­gunst zwi­schen den Men­schen in den Schlaf­stät­ten sei ge­wach­sen: „Wenn du zwei, drei Eu­ro mehr hast als dein Bett­nach­bar, kannst du des­we­gen schon an­ge­pö­belt oder be­stoh­len wer­den.“

Um Ob­dach­lo­sen das Le­ben zu er­leich­tern, brach­te er 2007 ei­ne Web­site online, die über die Not­un­ter­künf­te in je­dem Bun­des­land in­for­miert. Auf Face­book hat er 4000 Freun­de, vie­le da­von woh­nungs­los, die sich mit ih­ren Fra­gen an ihn wen­den. 2012 folg­te ei­ne wei­te­re Web­site, die An­lauf­stel­len für Sucht­kran­ke auf­führt. Denn Dro­gen sind für Ob­dach­lo­se ein gro­ßes Pro­blem, Brox selbst war bis 1990 ko­ka­in­ab­hän­gig, ku­rier­te sich aber in ei­ner Ta­ges­kli­nik. Für sein Wir­ken war er im ver­gan­ge­nen Jahr für den Pan­ter-Preis der „taz“no­mi­niert, mehr­fach auch für den Deut­schen En­ga­ge­ment­preis.

Das Ex­po­sé für sei­ne Bio­gra­fie ist fer­tig, jetzt sucht Brox ei­nen Ver­le­ger. Wo er sich auf­hal­ten wird, wenn sie er­scheint, kann er nicht sa­gen. Nach ei­ner Wo­che muss er aus sei­ner mo­men­ta­nen Un­ter­kunft in Dort­mund wie­der raus. Trotz al­ler Wid­rig­kei­ten sei­nes Le­bens auf der Stra­ße ist ihm ei­nes sehr wich­tig: sei­ne Wür­de. „Rüt­telt nicht an mei­nem Le­ben“, bit­tet Brox.

FOTO: GUI­DO MENKER

Hel­mut Richard Brox (51) ist seit 30 Jah­ren ob­dach­los. Den­noch be­treibt er zwei In­ter­net­sei­ten, die an­de­ren Woh­nungs­lo­sen hel­fen sol­len. Sei­ne Bio­gra­fie soll dem­nächst er­schei­nen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.