Das Fern­se­hen nach Ra­ab

Mit „Schlag den Ra­ab“ver­ab­schie­det sich der Mo­de­ra­tor heu­te end­gül­tig vom Bild­schirm. Er hin­ter­lässt ei­ne gro­ße Lü­cke. Sie zu fül­len, ist fast un­mög­lich.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON JÖRG ISRINGHAUS

KÖLN Mit dem Fern­se­hen ver­hält es sich ein we­nig wie mit je­dem an­de­ren Di­enst­leis­tungs­un­ter­neh­men – oh­ne krea­ti­ve Im­pul­se, oh­ne Er­fin­der­geist, oh­ne Qu­er­den­ker hat es sich bald aus­ge­wirt­schaf­tet. In die­ser Hin­sicht war Ste­fan Ra­ab für das Fern­se­hen un­er­setz­lich. Hat er doch un­ter an­de­rem et­li­che er­folg­rei­che neue For­ma­te lan­ciert, den Eu­ro­vi­si­on Song Con­test erst auf­ge­mischt und dann nach Deutsch­land ge­holt so­wie ei­ner Po­lit­show („Ab­so­lu­te Mehr­heit“) so viel jun­ges Pu­bli­kum ver­schafft wie nie zu­vor. Die meis­ten sei­ner Ide­en wa­ren so gut, dass Ra­ab sie ins Aus­land ver­kau­fen konn­te, was für hie­si­ge TV-Wa­re kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich ist. Wenn der 49-Jäh­ri­ge al­so heu­te nach „Schlag den Ra­ab“lei­se Ser­vus sagt, muss man kon­sta­tie­ren, dass das Fern­se­hen ihn wohl mehr ver­mis­sen wird als um­ge­kehrt.

Zu­mal die Nach­fol­ger nicht ge­ra­de Schlan­ge ste­hen. Da­zu hat sich die Aus­gangs­si­tua­ti­on ge­än­dert: Bo­ten die Pri­vat­sen­der vor 20 Jah­ren noch so­wohl Platt­for­men für auf­stre­ben­de Ta­len­te, um sich un­ge­niert aus­zu­brei­ten, als auch den not­wen­di­gen lan­gen Atem, die Ern­te ein­zu­fah­ren. Heu­te wird ge­fil­tert und ge­tes­tet, bis al­les Spon­ta­ne und Sub­ver­si­ve er­folg­reich ge­tilgt ist; stimmt die Quo­te nicht von An­fang an, ver­schwin­den Show und Mo­de- ra­tor vom Bild­schirm. Um es in die­sem Um­feld noch zur un­ver­wech­sel­ba­ren TV-Per­sön­lich­keit zu brin­gen, be­darf es ne­ben der Be­ga­bung ei­nes Bün­dels von Zu­fäl­len, vor al­lem aber: ei­ner über­gro­ßen Por­ti­on Glück. So ist die Rie­ge der­je­ni­gen, die für ei­ne Ra­ab-Nach­fol­ge in Fra­ge kom­men, sehr über­schau­bar.

Rich­ten sol­len es al­len vor­an Jo­ko (Win­ter­scheidt) und Klaas (Heu­ferUm­lauf). Sie sind ne­ben Ra­ab das Aus­hän­ge­schild von Prosie­ben, ho­len mit ih­ren Quatsch- und Quas­sel-Shows („Cir­cus Hal­ligal­li“; „Jo­ko ge­gen Klaas – das Du­ell um die Welt“) vor al­lem jün­ge­re Zu­schau­er ab. Haf­tet dem Hu­mor des Du­os doch im­mer et­was Post-Pu­ber­tä­res an – das ver­mag in der an­ge­peil­ten Ziel­grup­pe zu funk­tio­nie­ren, schafft aber nicht den Brü­cken­schlag zu äl­te­ren Ge­ne­ra­tio­nen. Und er ist po­ten­zi­ell grenz­wer­tig: Die Me­di­en­auf­sicht prüft an­geb­lich ge­ra­de, ob ein bei „Du­ell um die Welt“ge­zeig­ter Dro­gen­trip ge­gen den Ju­gend­schutz ver­sto­ßen hat. Da der Er­folg von Jo­ko und Klaas auf der In­ter­ak­ti­on zwi­schen bei­den be­ruht, engt das ih­ren Ak­ti­ons­ra­di­us ein – al­lei­ne sind sie nur die Hälf­te wert, zu zweit ei­ne her­me­ti­sche An­ge­le­gen­heit.

Ähn­lich ver­hält es sich mit Jan Böh­mer­mann. Als Shoo­ting-Star ei­ner in­ter­netaf­fi­nen Sa­ti­re-Sze­ne be­geis­tert er ein ju­gend­lich-in­tel­lek­tu­el­les Pu­bli­kum, das in ihm den ein­zig le­gi­ti­men Nach­fol­ger von Ha­rald

Schmidt sieht. Nun hat­te sich der zwar auch ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Sta­tus er­ar­bei­tet, war aber hin­sicht­lich ei­ner Er­neue­rung des Fern­se­hens eben­falls we­nig er­trag­reich. An­ders ge­sagt: Wie Schmidt wird Böh­mer­mann sei­ne Ni­sche fin­den, ein Hans­Dampf-in-al­len-Gas­sen wie Ra­ab ist er si­cher­lich nicht. Da­nach wird die Luft sehr dünn. Raabs Stär­ke war es ja, we­ni­ge Schwä­chen zu be­sit­zen – er konn­te in den unterschiedlichsten Be­rei­chen re­üs­sie­ren, kom­pen­sier­te im Zwei­fel un­ge­nü­gen­de Fä­hig­kei­ten mit bra­chia­lem Ehr­geiz und punkt­ge­nau­er Dis­zi­plin. All das mach­te ihn zu ei­nem kom­plet­ten En­ter­tai­ner. Die­je­ni­gen, die auf ihn fol­gen, be­sit­zen meist nur ei­ne her­aus­ra­gen­de Ei­gen­schaft, kön­nen ent­we­der mo­de­rie­ren oder mu­si­zie­ren, wit­zeln oder de­bat­tie­ren, kon­zi­pie­ren oder ka­ri­kie­ren. Oder sie be­sit­zen ein- fach ein te­le­ge­nes Ge­sicht. Ein Groß­teil des TV-Nach­wuch­ses ist auf dem Kar­rie­re­weg da­her ir­gend­wann ver­schütt ge­gan­gen: Oli­ver Po­cher, Niels Ruf, Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Oder düm­pelt wie Pier­re M. Krau­se als ewi­ges Nach­wuchs­ta­lent in den Drit­ten vor sich hin.

Auch die Ver­su­che von Prosie­ben, An­wär­ter aus der ei­ge­nen Schmie­de in Po­si­ti­on zu brin­gen, sind bis­lang ge­schei­tert. So be­sit­zen Lena Gercke und Pa­li­na Ro­jin­ski si­cher Charme und ein ge­wis­ses Mo­de­ra­ti­ons­ta­lent, von Ra­ab tren­nen sie je­doch nicht nur die schlech­ten Quo­ten, son­dern Show­wel­ten. Auch El­ton hat sich nie wirk­lich von Ra­ab eman­zi­piert; er ge­nießt zwar ho­he Sym­pa­thie­wer­te, ist aber kein Vor­den­ker.

Al­so bleibt Raabs Stel­le un­be­setzt? Wohl kaum. Nur wird dort viel­leicht ei­nes Ta­ges je­mand auf­tau­chen, den heu­te nie­mand auf dem Zet­tel hat. Mög­li­cher­wei­se in­stal­liert von Ra­ab selbst, der nach sei­nem Ab­schied viel­leicht hin­ter der Ka­me­ra die Fä­den zie­hen wird. Er hat schließ­lich Max Mutz­ke er­fun­den, Lena – und sich selbst. War­um al­so nicht auch sei­nen Nach­fol­ger? Viel­leicht lang­weilt Ra­ab sich ja auch und kommt zu­rück. Ei­ner muss es am En­de ja ma­chen.

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