15 Pop-Phä­no­me­ne des Jah­res 2015

Kein Jah­res­rück­blick oh­ne Auf­re­ger. Ei­ner hat­te mit dem Song­con­test zu tun, ein an­de­rer mit ei­nem 20 Jah­re al­ten Punk­song. Und ein Nach­bar­land setz­te Aus­ru­fe­zei­chen. Da­zu: Die Jah­res­bes­ten­lis­ten un­se­rer Mit­ar­bei­ter.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR - VON STE­FAN PE­TER­MANN

Ade­le Es war ab­zu­se­hen, dass das neue Ade­le-Al­bum „25“auf In­ter­es­se sto­ßen wür­de. Aber ein der­ar­ti­ger Er­folg kam schon über­ra­schend. In der ers­ten Wo­che hat Ade­le mal eben dop­pelt so vie­le Plat­ten ver­kauft wie die Zweit­plat­zier­te im ge­sam­ten Jahr. Da­zu wur­de das Vi­deo zur ers­ten Sing­le „Hel­lo“ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Mal ge­klickt. Das Gu­te dar­an: Die mu­si­ka­li­sche Klas­se recht­fer­tig­te die welt­wei­te Be­geis­te­rung. Ös­ter­reich Wenn je­mand fragt, wo­hin du gehst, dann sag: Ös­ter­reich. Denn dort bro­del­te es 2015 mu­si­ka­lisch ge­wal­tig. Für die le­der­ja­cken­tra­gen­de Rock­frak­ti­on san­gen Wan­da von Bus­sis und Beisls, Bil­der­buch lie­fer­ten sty­le­be­wuss­ten He­do­nis­ten den Sound­track des Jah­res. Xa­vier Nai­doo Oh­ne Vor­ent­scheid mit läs­ti­gem Zu­schau­er­vo­ting soll­te der Mann­hei­mer zum Eu­ro­vi­si­on Song Con­test nach Stockholm fah­ren. Dar­auf­hin gab es ei­nen Auf­schrei we­gen Nai­doos vor­sich­tig for­mu­liert un­ge­wöhn­li­chen An­sich­ten zu Ho­mo­se­xua­li­tät und Deutsch­lands Rechts­sta­tus. Die Em­pö­rung führte zum so­for­ti­gen Rück­zug vom Song Con­test. Das wie­der­um sorg­te für Em­pö­rung über die Em­pö­rung, die be­feu­ert wur­de von Til Schwei­ger, Her­bert Grö­ne­mey­er und ei­ner gro­ßen Kon­zert­agen­tur. Am En­de gab es nur Ver­lie­rer. Sa­rah Con­nor Und noch ein­mal Xa­vier Nai­doo: In sei­ner TV-Sen­dung „Tausch­kon­zert“sang Sa­rah Con­nor in deut­scher Spra­che. Spä­ter folg­te das tref­fend be­ti­tel­te Al­bum „Mut­ter­spra­che“. Con­nor er­fand sich neu, was vie­le ziem­lich schön fan­den. Felix Ja­ehn Der 21-jäh­ri­ge DJ aus Klüt­zer Win­kel schaff­te mit dem Re­mix von Omis „Cheer­lea­der“den ers­ten Num­mer-1-Hit ei­nes deut­schen Künst­lers in den USA seit Mil­li Va­nil­li. Da­zu war sei­ne Ver­si­on von Cha­ka Khans „Ain’t No­bo­dy“der Som­mer­hit des Jah­res. Pe­ti­tio­nen Die 90er kehr­ten zu­rück: Flücht­lings­hei­me brann­ten, ei­ni­ge Po­li­ti­ker be­müh­ten wie­der die „Das Boot ist voll“-Sprü­che. War­um al­so nicht auch den 90er-Jah­re-Ärz­te-Song „Schrei nach Lie­be“zu­rück­ho­len? Das dach­te sich ein Leh­rer aus Nie- der­sach­sen und star­te­te ei­ne Ak­ti­on: Down­load­kauf ge­gen Na­zis. Kurz dar­auf war der Punk­klas­si­ker deut­sche Num­mer Eins. Klub-27-Do­kus Im Klub 27 sind al­le die­je­ni­gen Mu­si­ke­rin­nen ver­sam­melt, die mit 27 Jah­ren star­ben. Über zwei die­ser Le­gen­den, Kurt Co­bain und Amy Wi­ne­hou­se, er­schie­nen in die­sem Jahr Do­ku­men­tar­fil­me, die auf be­ein­dru­cken­de Wei­se von de­ren Le­ben und Tod er­zähl­ten. Letz­te­rer hat viel mit der Fra­ge zu tun, wie man sich im Licht der Öf­fent­lich­keit ein Stück Pri­vat­heit be­wah­ren kann. Deep Hou­se Die deut­schen Sing­le-Charts wa­ren ge­spickt mit Dee­phou­se/Elec­tro­stü­cken, oft­mals als ge­fäl­li­ge Re­mi- xe be­kann­ter Lie­der. Ei­ner der er­folg­reichs­ten Ak­teu­re war Ro­bin Schulz, der gleich mit meh­re­ren Hits dort auf­tauch­te. Kend­rick La­mar Ame­ri­ka­ni­scher Rap ver­ließ in die­sem Jahr aus­ge­tre­te­ne Pfa­de. Kend­rick La­mar ex­pe­ri­men­tier­te auf „To Pimp a But­ter­fly“mit Funk, Free-Jazz und Spo­ken-Word und leg­te so ei­nes der wich­ti­gen Al­ben des Jah­res vor. Britrock-Come­backs (Bri­ti­sche) Gi­tar­ren­mu­sik geht ge­ra­de eher durch ein dunk­les Tal. Er­freu­lich, dass zwei Bands aus er­folg­rei­che­ren De­ka­den Come­backs ge­lan­gen: The Li­ber­ti­nes nah­men in Ori­gi­nal­be­set­zung ein an­stän­di­ges Al­bum auf, wäh­rend Blur die auf ih­rer Reuni­on-Welt­tour ent­stan­de­nen Im­pro­vi­sa­tio­nen zu ei­ner kon­ge­nia­len Plat­te mach­ten. Jan Böh­mer­mann Erst rapp­te sich der „Neo-Ma­ga­zin“-Mo­de­ra­tor mit Den­de­mann durch 25 Jah­re deut­sche Rap­ge­schich­te, dann lob­preis­te er Lau­gen­ge­bäck und schaff­te En­de 2015 mit „Ich hab Po­li­zei“das Kunst­stück, Gangs­t­er­rap-Ste­reo­ty­pen treff­si­cher zu per­si­flie­ren und Po­li­zei­ge­walt zu the­ma­ti­sie­ren. Po­li­tik Die eng­li­sche Sän­ge­rin M.I.A. ließ in ih­rem Vi­deo „Bor­ders“Flücht­lin­ge über Zäu­ne klet­tern, deut­sche Rap­per wie K.I.Z. oder Zu­ge­zo­gen Mas­ku­lin leg­ten punkt­ge­nau Fin­ger in ge­sell­schaft­li­che Wun­den und ei­nes der er­folg­reichs­ten Lie­der des Jah­res, „As­tro­naut“von Si­do und Andre­as Bou­ra­ni, dreh­te sich um die exis­ten­zi­el­le Fra­ge, wie wir ei­gent­lich le­ben wol­len. Mi­ley, Gri­mes und Ma­don­na Mi­ley Cy­rus über­rasch­te mit ei­nem Dop­pel­al­bum, das wie ein psy­che­de­li­scher Trip in ih­re bon­bon­far­be­ne Kunst­welt wirk­te. Car­ly Rae Jep­sen be­wies, dass sie mehr als ei­nen Hit hat­te. Die Ka­na­die­rin Gri­mes mach­te mit Art An­gels ei­ne der in­no­va­tivs­ten Plat­ten des Jah­res. Al­lein Ma­don­na kam nicht zu­rück in die Spur und wur­de des­halb für „Re­bel Hearts“wei­test­ge­hend igno­riert. Grup­pen­ar­beit Mark Ron­son mit Bru­no Mars, Ri­han­na mit Paul McCart­ney und Kanye West, Cal­vin Har­ris mit El­lie Goul­ding, Die To­ten Ho­sen mit dem Sin­fo­nie­or­ches­ter der Ro­bert-Schu­mann-Hoch­schu­le – ge­mein­sam ging es bes­ser und vor al­lem hoch in die Charts. He­le­ne Fi­scher Laut Sta­tis­tik be­sitzt mitt­ler­wei­le je­der deut­sche Haus­halt drei Ex­em­pla­re von Far­ben­spiel. Den­noch war das 2013 er­schie­ne­ne Al­bum ei­ne der er­folg­reichs­ten Plat­ten von 2015. War­um, blieb ei­nes der gro­ßen Rät­sel des Mu­sik­jahrs.

FOTO: DPA

We­ni­ge kön­nen bes­ser sin­gen als sie, nie­mand ver­kauft bes­ser als sie – für die bri­ti­sche Künst­le­rin Ade­le spielt die Kri­se der Mu­sik­in­dus­trie kei­ne Rol­le.

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Deutsch kann man nur auf Ös­ter­rei­chisch sin­gen – Wan­da zei­gen ne­ben Bil­der­buch, dass un­ser Nach­bar­land ge­ra­de die bes­se­ren Plat­ten macht.

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Xa­vier Nai­doo hat nicht nur Freun­de, die aber sind pro­mi­nent.

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