Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ich stand auf und zog das Rol­lo ne­ben mei­nem Bett her­un­ter. Es nütz­te nicht viel. Im Som­mer brauch­ten wir ei­gent­lich schwar­ze Rol­los, doch un­se­re sind gelb, oder ocker, ir­gend so ei­ne un­zu­läng­li­che Far­be. Et­was bes­ser war es aber schon, und wenn ich das Ge­lär­me der Vö­gel um das glei­che Maß hät­te min­dern kön­nen, wä­re es zwar im­mer noch am Ran­de des Er­träg­li­chen ge­we­sen, aber nicht mehr ganz so quä­lend. „Er­dros­sel die Dros­seln da drau­ßen, sei so gut“, sag­te ich zu dem Clown mit dem Rau­ten­mund, und dann hob ich mei­nen Ki­mo­no vom Bo­den auf, hüll­te mich hin­ein und schlug die Bett­de­cke zu­rück, wie es sich ge­hört, so wie es im Kran­ken­haus oder in gu­ten Ho­tels ge­macht wird: die Ta­ges­de­cke her­un­ter­ge­nom­men, das Ober­la­ken dia­go­nal zu­rück­ge­schla­gen, das Kis­sen auf­ge­schüt­telt und schön dra­piert. Es ver­lang­te mir ganz schön viel ab, all das em­si­ge Han­tie­ren, be­son­ders in den Mo- men­ten, wo ich mich bü­cken muss­te, und nach­dem ich auch noch ein um­ge­kipp­tes Glas auf­ge­ho­ben hat­te, das zwi­schen den Bet­ten auf dem Bo­den lag, setz­te ich mich ganz schnell aufs Bett, hielt mich mit bei­den Hän­den an dem Glas fest und muss­te mich ziem­lich kon­zen­trie­ren, da­mit das Zim­mer nicht schwank­te. Es ge­lang mir nur mit Mü­he, aber ich hat­te es auch mit ei­nem aus­ge­spro­chen tü­cki­schen Zim­mer zu tun, und ich wuss­te, wenn ich mich bis zum Ab­pfiff hal­ten könn­te, wür­de ich als Ge­samt­sie­ger aus dem Ro­deo her­vor­ge­hen. Die­ser Ge­dan­ke hielt mich auf­recht, und ich sieg­te schließ­lich auch, wuss­te aber, dass der be­vor­ste­hen­de Tag höchst­wahr­schein­lich trotz­dem ein Pil­len­tag wer­den wür­de, und das be­dau­er­te ich sehr, denn heu­te wür­de ei­ne Men­ge von mir und mei­ner Cha­rak­ter­stär­ke ab­hän­gen. – So­bald sich das Zim­mer nicht mehr dreh­te, zwang ich mich, kühl und ana­ly­tisch Ju­diths Ge­sicht ober­halb des La­kens zu be­trach­ten. Es ging mir durch und durch, wie er­war­tet, al­ler­dings noch hef­ti­ger. Ich kann nicht kühl und ana­ly­tisch sein, wenn mei­ne Ner­ven blank lie­gen, aber ich be­trach­te­te sie, wie sie da schlief, und wuss­te, dass sie nicht tot war, nur ab­we­send. Und bald wür­de sie wie­der da sein. Ich könn­te sie we­cken, und dann wür­de sie zu mir, die ich zu ihr her­ab­schau­te, auf­schau­en, und wir wür­den wie­der wis­sen, wer wir wa­ren und wie es sein muss­te und was für ein när­ri­sches Un­ter­fan­gen es war, uns von­ein­an­der tren­nen zu wol­len. Selbst an ei­nem Tag, der Pil­len er­for­der­te, wür­den wir das wis­sen. Wir ha­ben es tau­send­mal be­wie­sen: Wir sind kei­ne Skla­vin­nen, die, ei­ne hier­hin, ei­ne dort­hin, ver­kauft wer­den kön­nen, ein­zeln fort­ge­karrt, um fort­an ein­zeln an ge­trenn­ten Or­ten zu le­ben. Wir ha­ben das was weiß ich wie oft pro­biert. Und auch die­ses Mal – neun Mo­na­te in New York, un­ter­stützt durch die Ver­lo­bung mit ir- gend­ei­nem Arzt, letz­ter Schritt hin zur end­gül­ti­gen und recht­mä­ßi­gen Kne­be­lung – wür­de es nicht funk­tio­nie­ren. Nicht be­ste­hen kön­nen ge­gen­über ei­nem ein­zi­gen wirk­li­chen Mo­ment der Ge­wiss­heit, wie wir sie im­mer wie­der er­le­ben. Man mag es ei­nen Mo­ment der Klar­heit nen­nen oder der Wie­der­er­ken­nung – wir ha­ben die­se Mo­men­te schon seit An­be­ginn, den ers­ten mit fünf oder so­gar erst vier. Wir tob­ten im Gar­ten her­um, drau­ßen am Kor­ral, und stie­ßen zu­fäl­lig auf un­se­ren Lieb­lings­ka­ter, Ta­cky hieß er, der seit über ei­ner Wo­che ver­schwun­den war. Er war von Amei­sen über­sät, mau­se­tot. Wir ent­deck­ten ihn gleich­zei­tig, be­grif­fen und fie­len ein­an­der in­tui­tiv in die Ar­me, er­leb­ten zum ers­ten Mal, was es heißt, sich ge­mein­sam voll­stän­dig zu füh­len, mit dem Rü­cken zur Wand, der Wand bit­ters­ter Em­pö­rung.

(Fort­set­zung folgt)

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