Zur nörd­lichs­ten Sil­ves­ter­par­ty der Welt

Auf Spitz­ber­gen gibt es mehr Eis­bä­ren als Men­schen. Den Jah­res­wech­sel in die­ser Eis­welt zu be­ge­hen, ist ein Aben­teu­er, das nur per Son­der­flug mög­lich ist.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON NI­NA MÜT­ZEL­BURG

Es ist der 31. De­zem­ber 2014. Hin­ter dem Nord­kap ver­schluckt uns die Dun­kel­heit – nicht die­se weich­ge­spül­te Nacht, die ei­nen in der Zi­vi­li­sa­ti­on er­war­tet. Es ist die to­ta­le Fins­ter­nis ei­ner Po­lar­nacht. Tau­sen­de Me­ter un­ter uns liegt das ewi­ge Eis. Der Ge­dan­ke dar­an ist auf­re­gend und auch ein biss­chen be­ängs­ti­gend. Doch all das ge­hört zu dem Aben­teu­er da­zu, die nörd­lichs­te Sil­ves­ter­par­ty der Welt zu fei­ern – 24 St­un­den am En­de der Welt.

Wil­helm Heinz ist der Pi­lot, der auf sei­nem letz­ten Flug des Jah­res ei­ne Grup­pe aben­teu­er­lus­ti­ger Tou­ris­ten nach Lon­gye­ar­by­en bringt. Der 59-Jäh­ri­ge wur­de von Air Ber­lin für den Son­der­flug aus­ge­wählt. Nicht nur, weil er selbst Fan der un­wirk­li­chen Eis­land­schaft kurz vor dem Nord­pol ist. Viel­mehr ist der Lan­de­an­flug so kom­pli­ziert, dass ihn nur die er­fah­rens­ten Pi­lo­ten über­neh­men dür­fen. „Die ex­tre­me Dun­kel­heit, mög­li­che schwe­re Wet­ter­ver­hält­nis­se, die La­ge des Flug­ha­fens und die eis­kal­ten Tem­pe­ra­tu­ren sind ei­ne Her­aus­for­de­rung für Pi­lot und Ma­schi­ne“, er­klärt er.

Die Sied­lung Lon­gye­ar­by­en ist nur spär­lich be­leuch­tet. Spä­tes­tens jetzt wird auch dem letz­ten Pas­sa­gier klar, was Heinz meint: Die Lan­de­bahn liegt wie ein­ge­mei­ßelt zwi­schen zwei Berg­mas­si­ven. Es wirkt, als müss­ten die Flü­gel des Air­bus zwi­schen ih­nen ste­cken blei­ben – Mil­li­me­ter­ar­beit. Die Lan­de­bahn ist von ei­ner di­cken Eis­schicht über­zo­gen. Kön­nen wir dort lan­den? Wir kön­nen, be­weist Heinz. Viel­leicht nicht but­ter­weich, aber si­cher.

Um 14 Uhr ist es an Sil­ves­ter in der nörd­lichs­ten grö­ße­ren Sied­lung noch stil­ler als an den an­de­ren 364 Ta­gen des Jah­res. Bei mi­nus acht Grad bleibt der Käl­te­schock al­ler­dings aus. Zu die­ser Zeit kön­nen es sonst auch schon mal mi­nus 23 Grad sein. Da­für hat die Flug­ge­sell­schaft ex­tra zwei Tech­ni­ker mit auf die Rei­se ge­schickt, die das Flug­zeug käl­te­fest ma­chen. Ei­nen be­heiz­ten Han­gar gibt es nicht, ge­schwei­ge denn Er­satz- tei­le. Fast al­le der 2000 stän­di­gen Ein­woh­ner von Lon­gye­ar­by­en sind Stu­den­ten oder Do­zen­ten der Uni­ver­si­tät für ark­ti­sche Stu­di­en­gän­ge. Ei­ni­ge ar­bei­ten im Tou­ris­mus oder sind die letz­ten ver­blie­be­nen aus der Zeit des Berg­baus. „Im Schnitt blei­ben die Men­schen rund drei Jah­re in der Ein­sam­keit. Kin­der kom­men auf Spitz­ber­gen nicht auf die Welt. Schwan­ge­re Frau­en wer­den vor der Ge­burt aufs Fest­land ge­schickt. Das klei­ne Kran­ken­haus wä­re auf Kom­pli­ka­tio­nen nicht vor­be­rei­tet“, er­klärt Manuel Klie­se. Der Ra­tin­ger hat nach dem Abitur ei­ne Zeit auf Spitz­ber­gen ge­lebt und or­ga­ni­siert mit sei­nem Rei­se­un­ter­neh­men nun Tou­ren in die­sen Teil der Welt.

Über Weih­nach­ten und Sil­ves­ter sind vie­le Ein­woh­ner auf dem Fest­land. Ein Groß­teil der we­ni­gen Ho­tels hat ge­sch­los- sen. Ge­schäf­te, Re­stau­rants und die Bank – al­les zu. Es ist leer. Kei­ne Rie­sen­par­ty, kein Tru­bel wie in den Me­tro­po­len. Nur Dun­kel­heit, Käl­te und Stil­le. Wer hier Sil­ves­ter fei­ert, darf kei­ne gro­ße Sau­se er­war­ten, son­dern be­kommt am letz­ten Tag des Jah­res viel­leicht et­was viel Bes­se­res: Ent­schleu­ni­gung. „Wer hier an­kommt, taucht in ei­ne an­de­re Welt ein. Ent­we­der man will so­fort wie­der weg oder der Spitz­ber­genBa­zil­lus, wie ihn die Men­schen hier nen­nen, packt ei­nen“, sagt Klie­se.

Auf dem letz­ten Spa­zier­gang des Jah­res knirscht der fest­ge­tre­te­ne Schnee un­ter den Schu­hen. Atem­be­rau­bend schön leuch­tet ein grü­nes Nord­licht den Weg durch die Dun­kel­heit. Ein be­waff­ne­ter Gui­de soll uns vor Eis­bä­ren schüt­zen, die sich ab und zu in die Sied­lung ver­ir­ren. Es gibt hier mehr Eis­bä­ren als Men­schen. „Die Häu­ser sind nicht ab­ge­schlos­sen und in den Au­tos ste­cken meist die Schlüs­sel im Zünd­schloss. So kann man sich im Zwei­fel schnell in Si­cher­heit brin­gen“, sagt Füh­re­rin An­na-Lena Ege­b­lad. Kri­mi­na­li­tät gibt es auf Spitz­ber­gen so gut wie kei­ne. Die Flucht­mög­lich­kei­ten sind arg be­grenzt. Das 40 Ki­lo­me­ter gro­ße Stra­ßen­netz bie­tet kaum Aus­weich­mög­lich­kei­ten, frü­her oder spä­ter en­det man im Eis.

Ege­b­lad hat am 5. Ok­to­ber zu­letzt die Son­ne ge­se­hen, nimmt es aber mit Hu­mor: „Ge­rüch­te­wei­se ha­be ich ge­hört, dass es sie noch ge­ben soll“, sagt sie. Ih­re Waf­fe muss sie an die­sem Tag nicht zie­hen. Eis­bä­ren sind nicht zu se­hen. Le­dig­lich ein paar Spitz­ber­gen-Ren­tie­re ver­su­chen, un­ter der Schnee­de­cke et­was Nahr­haf­tes auf­zu­spü­ren. Sie se­hen aus wie klei­ne be­haar­te wei­ße Schwei­ne.

Zeit für das Sil­ves­terdin­ner. Es fin­det in fei­er­li­chem Am­bi­en­te, aber auf So­cken statt. In den Häu­sern Spitz­ber­gens, egal ob bei ei­nem pri­va­ten Be­such, im Re­stau­rant oder in der Kn­ei­pe, wer­den am Ein­gang die Schu­he aus­ge­zo­gen. Um null Uhr gibt es Cham­pa­gner und ein Feu­er­werk – ein klei­ner Gruß an die Tra­di­tio­nen der Welt, aus der man mor­gens an­ge­reist ist. Doch ei­gent­lich hät­ten wir auf die Mit­ter­nachts­show ver­zich­ten kön­nen. Die Berg­s­il­hou­et­ten, die Nord­lich­ter und die At­mo­sphä­re sind ge­nug.

Nach 24 St­un­den in der Ein­öde lässt uns Pi­lot Wil­helm Heinz wie­der ab­he­ben. Ei­nen Kaf­fee gibt es nicht an die­sem Mor­gen. Das Was­ser muss­te in der Nacht ab­ge­las­sen wer­den – die Ge­fahr, dass es in den Lei­tun­gen friert, wä­re zu groß ge­we­sen. Kaf­fee wird erst wie­der nach der Lan­dung in der Zi­vi­li­sa­ti­on ser­viert. Und die ist fast sicht­bar: Hin­ter dem Nord­kap geht ge­ra­de die Son­ne auf. Die Re­dak­ti­on wur­de von der Deut­schen Po­lar­flug und Eclip­se Rei­sen zu der Rei­se ein­ge­la­den.

Or­ga­ni­sa­tor Manuel Klie­se (links), Pi­lot Wil­helm Heinz (Mit­te) und Co­Pi­lot Ar­ne Szy­sz­ka (rechts) sind für den Son­der­flug ver­ant­wort­lich.

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