Die­se Rech­te ha­ben Leih­ar­bei­ter

Im Drei­ecks­ver­hält­nis zwi­schen Leih­ar­bei­ter, Ver­lei­her und Ent­lei­her ist oft un­klar, wel­che Rech­te die Be­schäf­tig­ten ha­ben. Da­bei gibt es kla­re Re­geln.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON JU­LIA NAUE

Zeit­ar­beit boomt. Den Un­ter­neh­men bringt die fle­xi­ble Be­schäf­ti­gung vie­le Vor­tei­le. Sie kön­nen ih­ren Per­so­nal­be­darf schnell an die Auf­trags­la­ge an­pas­sen. Für die Leih­ar­beit­neh­mer sieht es in der Re­gel we­ni­ger ro­sig aus. „Ob Lohn, Zuf­rie­den­heit, Be­schäf­ti­gungs­si­cher­heit oder -dau­er: Leih­ar­bei­ter schnei­den in all die­sen Be­rei­chen schlech­ter ab als an­de­re Ar­beit­neh­mer“, kri­ti­siert Toralf Pusch von der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­lerStif­tung.

Wolfram Lin­ke sieht fle­xi­ble Be­schäf­ti­gung hin­ge­gen als Chan­ce – ge­ra­de für Men­schen, die in der frei­en Wirt­schaft kei­nen Job fin­den. Der Spre­cher des In­ter­es­sen­ver­bands Deut­scher Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men (IGZ) glaubt, dass Ar­beit­neh­mer die Zeit­ar­beit als Sprung­brett nut­zen und sich so in ver­schie­de­nen Be­rei­chen aus­pro­bie­ren kön­nen. „Da wer­den Na­tur­ta­len­te ent­deckt und kön­nen dann Kar­rie­re ma­chen.“Die Zeitar- beit sei ei­ne Art vor­ge­schal­te­te Pro­be­zeit und kann zu ei­ner Fest­an­stel­lung füh­ren – das nennt sich Kle­be­ef­fekt. Ei­ni­gen Stu­di­en zu­fol­ge blei­ben zwi­schen sie­ben und 14 Pro­zent der Leih­ar­bei­ter kle­ben, die Bran­che selbst geht von rund 30 Pro­zent aus.

Für Pusch von der Han­sBöck­ler-Stif­tung ver­schafft Leih­ar­beit et­wa Hartz-IVEmp­fän­gern ei­ne ver­bes­ser­te Po­si­ti­on. Die Bran­che ha­be al­ler­dings ei­ne ho­he Fluk­tua­ti­on. Die gro­ße Ar­beits­plat­z­un­si­cher­heit stres­se und kön­ne sich auch auf die Ge­sund­heit aus­wir­ken.

Ge­ra­de beim Lohn müs­sen Leih­ar­bei­ter Ab­stri­che ma­chen. Durch­schnitt­lich war ihr Ge­halt im Jahr 2013 um 43 Pro­zent nied­ri­ger als das an­de­rer so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Be­schäf­tig­ter. Da­bei gilt ei­gent­lich das Prin­zip: glei­che Be­zah­lung für glei­che Ar­beit. In der Pra­xis sieht das al­ler­dings oft an­ders aus. Denn so­bald ein wirk­sa­mer und ein­schlä­gi­ger Ta­rif­ver­trag vor­liegt, gilt das, was dar­in ver­ein­bart wur­de. Die­se Re­ge­lung nennt sich Ta­rif­öff­nungs­klau­sel. „Wür­de kei­ne Ge­werk­schaft ei­nen Ta­rif­ver­trag mit den Zeit­ar­beits­fir­men ab­schlie­ßen, wür­den Leih­ar­bei­ter das glei­che Ge­halt be­kom­men wie Stamm­mit­ar­bei­ter“, er­klärt Ha­rald Klin­ke vom Ver­band deut­scher Ar­beits­rechts­an­wäl­te. Die Ge­häl­ter in den Ta­rif­ver­trä­gen sind in der Re­gel nied­ri­ger. „Die bes­te Re­ge­lung für Leih­ar­bei­ter steht im Ge­setz – nicht in den je­wei­li­gen Ta­rif­ver­trä­gen.“

Wer al­so das Glück hat, bei ei­ner Zeit­ar­beits­fir­ma oh­ne Ta­rif­ver­trag an­ge­stellt zu sein, kann den glei­chen Lohn wie sei­ne Kol­le­gen im Ent­lei­h­un­ter­neh­men ver­lan­gen. „Das ist aber oft­mals schwer, weil man ja gar nicht weiß, was die Kol­le­gen be­kom­men“, sagt der Ar­beits­recht­ler Mat­thi­as Reich­wald. Es gibt aber ei­nen Aus­kunfts­an­spruch – der Ar­beit- neh­mer hat ein Recht dar­auf, das Ge­halts­ni­veau im Ent­lei­h­un­ter­neh­men zu ken­nen.

Wie viel Geld Zeit­ar­bei­ter in den Zei­ten ver­die­nen, in de­nen sie nicht in ei­ner Ent­leih­fir­ma ar­bei­ten, muss im Ar­beits­ver­trag mit der Ver­leih­fir­ma ste­hen. Dort sind sie wei­ter­hin an­ge­stellt, sie ist der Ar­beit­ge­ber – auch wenn es ge­ra­de kei­ne Auf­trä­ge gibt. Das Ge­halt kann nied­ri­ger sein, darf aber nicht we­ni­ger sein als die der­zeit in der Leih­ar­beit gel­ten­den Un­ter­gren­zen von 8,80 Eu­ro im Wes­ten und 8,20 Eu­ro im Os­ten. Mit der Ver­leih­fir­ma ent­steht ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­ver­hält­nis. „Sie ist ver­pflich­tet, So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ab­zu­füh­ren und den Lohn im Krank­heits­fall zu zah­len“, er­klärt Ha­rald Klin­ke. Es gel­ten die ge­setz­li­chen Kün­di­gungs­fris­ten. Dro­hen im Ent­lei­h­un­ter­neh­men be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen, ist das in der Re- gel schlecht für Leih­ar­bei­ter. Denn das Un­ter­neh­men baut zu­nächst ver­gleich­ba­re Leih­ar­bei­ter ab. Doch Leih­ar­bei­ter ha­ben im Ent­lei­h­un­ter­neh­men auch Rech­te. So dür­fen sie et­wa an Be­triebs­ver­samm­lun­gen teil­neh­men, Sprech­stun­den auf­su­chen und – wenn die Über­las­sung län­ger als drei Mo­na­te vor­ge­se­hen ist – schon ab dem ers­ten Tag in der Fir­ma den Be­triebs­rat wäh­len. Al­ler­dings kön­nen sie dort selbst kei­ne Be­triebs­rä­te sein. En­det das Ar­beits­ver­hält­nis mit der Ent­leih­fir­ma, kann der Zeit­ar­bei­ter ein Ar­beits­zeug­nis ein­for­dern. Al­ler­dings ist nur der Ar­beit­ge­ber – al­so die Zeit­ar­beits­fir­ma – ver­pflich­tet, ein sol­ches Zeug­nis aus­zu­stel­len.

„Oft­mals wis­sen Zeit­ar­beit­neh­mer nicht, was die Kol­le

gen ver­die­nen“

Mat­thi­as Reich­wald

Ar­beits­recht­ler

FOTO: BECKER&BREDEL

Männ­li­che Zeit­ar­beit­neh­mer ar­bei­ten häu­fig in der Me­tall- und Elek­tro­bran­che, Frau­en sind meist in den Be­rei­chen Verkehr, Lo­gis­tik und Rei­ni­gung tä­tig.

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