Städ­te ge­gen So­zi­al­hil­fe für Ausländer

Mehr als 100.000 Bür­ger aus an­de­ren EU-Staa­ten ha­ben nach ei­nem Ge­richts­ur­teil An­spruch auf So­zi­al­hil­fe in Deutsch­land. Die Kom­mu­nen war­nen vor enor­men Kos­ten und for­dern ein neu­es Ge­setz.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON BIRGIT MARSCHALL, DETLEV HÜWEL UND DENISA RICH­TERS

BER­LIN/DÜSSELDORF Nach ei­nem Ur­teil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) fürch­ten die Kom­mu­nen Las­ten in Mil­lio­nen­hö­he und ei­ne neue Mi­gra­ti­ons­wel­le aus Ost­eu­ro­pa auf sich zu­kom­men. An­fang De­zem­ber hat­te das BSG ent­schie­den, dass Bür­ger aus an­de­ren EU-Län­dern nach ei­nem „ver­fes­tig­ten Auf­ent­halt“von mehr als sechs Mo­na­ten selbst dann An­spruch auf So­zi­al­hil­fe ha­ben, wenn sie kei­ne Bei­trä­ge in die So­zi­al­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt ha­ben. Zwar hat das Ber­li­ner So­zi­al­ge­richt in­zwi­schen die­sem Grund­satz­ur­teil wi­der­spro­chen, doch hielt das hö­her­ran­gi­ge BSG in Kas­sel an sei­ner Recht­spre­chung fest. Die Bun­des­re­gie­rung müs­se den So­zi­al­hil­fe-An­spruch des­halb nun ge­setz­lich aus­schlie­ßen, for­dern die Kom­mu­nen.

„Das Ur­teil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts be­deu­tet, dass über 130.000 Per­so­nen bei uns auf ein­mal An­spruch auf So­zi­al­hil­fe be­kom­men“, sag­te Gerd Lands­berg, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des. Das wür­de die Kom­mu­nen fi­nan­zi­ell zu sehr be­las­ten. Zu­dem wer­de Deutsch­land durch die­ses Ur­teil für Men­schen in är­me­ren EU-Län­dern mit deut­lich ge­rin­ge­ren So­zi­al­leis­tun­gen noch at­trak­ti­ver, als es oh­ne­hin schon sei.

Trä­ger der So­zi­al­hil­fe sind die kreis­frei­en Städ­te und die Krei­se. Sie wird an Bür­ger aus­ge­zahlt, die in der Re­gel nicht er­werbs­fä­hig sind und kei­ne Hil­fe von An­ge­hö­ri­gen er­hal­ten. Die Hö­he der So­zi­al­hil­fe ent­spricht für ei­nen al­lein­ste­hen­den Er­wach­se­nen dem Hartz-IV-Re­gel­satz von der­zeit 399 Eu­ro im Mo­nat (ab Ja­nu­ar 2016 404 Eu­ro). Wer da­ge­gen als er­werbs­fä­hig ein­ge­stuft wird, er­hält in der Re­gel die Hartz-IV-Leis­tung, die auch Ar­beits­lo­sen­geld II ge­nannt wird. Hier ist der Zu­gang für Bür­ger aus an­de­ren EU-Län­dern eher be­schränkt: Hartz IV kann nur be­an­spru­chen, wer be­reits in Deutsch­land min­des­tens ein Jahr lang ge­ar­bei­tet und nach dem Be­zug des re­gu­lä­ren Ar­beits­lo­sen­gel­des kei­ne neue Stel­le ge­fun­den hat.

Das BSG hat­te den So­zi­al­hil­fe-An­spruch von EU-Aus­län­dern, die be­reits län­ge­re Zeit in Deutsch­land le­ben, mit dem „Grund­recht auf Ge­währ­leis­tung ei­nes men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums“be­grün­det. An­de­re EU-Län­der, vor al­lem in Ost- und Sü­d­eu­ro­pa, ge­wäh­ren aber er­heb­lich we­ni­ger So­zi­al­hil­fe. In Bul­ga­ri­en et­wa kommt ein Be­dürf­ti­ger nur auf rund 24 Eu­ro im Mo­nat.

„Die Kom­mu­nen müs­sen nach den Ur­tei­len des Bun­des­so­zi­al­ge­richts in Zu­kunft So­zi­al­hil­fe-Leis­tun­gen für ei­ne Viel­zahl von EU-Bür­gern auf­brin­gen, die sich in Deutsch­land auf­hal­ten“, sagt Hel­mut De­dy, Vi­ze-Ge­schäfts­füh­rer des NRW-Städ­te­tags, vor­aus. „In NRW dürf­ten die Städ­te be­son­ders be­trof­fen sein, die ei­ne grö­ße­re Zu­wan­de­rung aus Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en zu ver­zeich­nen ha­ben, wie et­wa Dort­mund, Duis­burg und Gel­sen­kir­chen.“

Der Düs­sel­dor­fer So­zi­al­de­zer­nent Burk­hard Hintz­sche rech­net da­mit, dass vor al­lem EU-Bür­ger aus Süd­ost­eu­ro­pa, die bis­her selbst­stän­dig tä­tig sei­en, An­sprü­che gel­tend ma­chen wer­den. In Düsseldorf le­ben rund 40.000 EU-Ausländer. Wie vie­le da­von An­spruch auf So­zi­al­hil­fe hät­ten, ist of­fen.

„Das Ur­teil wird die Kom­mu­nen noch teu­er zu ste­hen kom­men. Ge­ra­de in der jet­zi­gen Si­tua­ti­on ist das fa­tal“, warnt auch Es­sens Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Kufen (CDU): „Ent­we­der schafft der Bun­des­ge­setz­ge­ber Klar­heit, oder die Kom­mu­nen brau­chen ei­ne voll­stän­di­ge Kos­ten­er­stat­tung.“Ein Ge­setz for­dert auch der Land­kreis­tag. „Der Ge­setz­ge­ber muss klar­stel­len, dass die be­trof­fe­nen Per­so­nen­krei­se von So­zi­al­hil­fe aus­ge­nom­men sind“, so Haupt­ge­schäfts­füh­rer Hans-Gün­ter Hen­ne­ke. Auf die Krei­se kä­men sonst pro Jahr „Mehr­be­las­tun­gen von über 800 Mil­lio­nen Eu­ro“zu. Leit­ar­ti­kel

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