„Wir ha­ben Angst vor Mus­li­men“

Un­garns Bot­schaf­ter ver­tei­digt die Wei­ge­rung sei­nes Lan­des, mus­li­mi­sche Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Ei­ne fi­nan­zi­el­le Hil­fe sei aber denk­bar.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - MAT­THI­AS BEER­MANN FASS­TE DAS GE­SPRÄCH ZU­SAM­MEN.

Wür­den Sie sa­gen, dass Ihr Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­bán ein lu­pen­rei­ner De­mo­krat ist? GYÖRKÖS Er ist ein De­mo­krat. Was meint Or­bán, wenn er ei­ner „il­li­be­ra­len De­mo­kra­tie“das Wort re­det? GYÖRKÖS Man muss wis­sen, dass das Wort „li­be­ral“in Un­garn nicht so po­si­tiv be­setzt ist wie viel­leicht in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern. Der po­li­ti­sche Li­be­ra­lis­mus gilt in Un­garn als dis­kre­di­tiert. Und der un­ga­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent nimmt in sei­nen po­li­ti­schen Äu­ße­run­gen le­dig­lich Rück­sicht auf die ideo­lo­gi­sche Aus­rich­tung ei­ner brei­ten Mehr­heit in Un­garn – was soll­te dar­an un­de­mo­kra­tisch sein? Dass man Or­bán dann so­fort als glü­hen­den Pu­tin-Ver­eh­rer hin­ge­stellt hat, ist völ­lig ab­we­gig. Aber in sei­ner Welt­sicht steht er Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin doch si­cher viel nä­her als Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel? GYÖRKÖS Nein, denn das wür­de doch be­deu­ten, dass uns in Un­garn Russ­land nä­her steht als Deutsch­land, und das ist ein­deu­tig nicht der Fall. Mi­nis­ter­prä­si­dent Or­bán hat nur dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Eu­ro­pa sich in sei­ner heu­ti­gen Ver­fas­sung sel­ber schwächt und dass man sich doch ein­mal an­schau­en soll­te, wie Län­der mit ei­nem an­de­ren po­li­ti­schen Sys­tem, wie zum Bei­spiel Russ­land oder Chi­na, Er­fol­ge er­zie­len kön­nen. Es ist un­be­strit­ten, dass ei­ne brei­te Mehr­heit der Un­garn hin­ter Or­báns Po­li­tik steht. Sind die Un­garn ei­gent­lich ein­ge­fleisch­te Na­tio­na­lis­ten? GYÖRKÖS Ich wür­de sa­gen, wir pfle­gen ei­nen ge­sun­den Pa­trio­tis­mus. Auch in der Flücht­lings­kri­se? Or­bán hat klipp und klar ge­sagt, „wir wol­len die­se Men­schen nicht bei uns ha­ben“. War­um ei­gent­lich? GYÖRKÖS: Ganz ehr­lich, wir ha­ben ge­wis­se Angst vor ih­nen. Ich räu­me ein, mei­ne Lands­leu­te sind nicht un­be­dingt so welt­of­fen, wie man sich das viel­leicht in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern wün­schen könn­te. Da­für gibt es aber Grün­de. Wir ha­ben zwar in der Ge­schich­te viel Ein­wan­de­rung erlebt, aber im­mer aus un­se­rer Re­gi­on, nie aus dem mus­li­mi­schen Kul­tur­kreis. Und die 150 Jah­re der os­ma­ni­schen Herr­schaft sind auch nicht in all­zu gu­ter Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Die Un­garn sind nicht so na­iv ro­man­tisch wie die­je­ni­gen, die glau­ben, die In­te­gra­ti­on der mus­li­mi­schen Flücht­lin­ge lie­ße sich mal eben so schaf­fen. Das ist ei­ne frag­li­che Vi­si­on, die in Eu­ro­pa von links­li­be­ra­len Par­tei­en ver­brei­tet wird … Par­tei­en wie der CDU? GYÖRKÖS Das ha­ben Sie ge­sagt! Mi­nis­ter­prä­si­dent Or­bán hat je­den­falls klar­ge­macht, dass er die­se ver­fehl­te Po­li­tik in Eu­ro­pa mit al­ler Kraft be­kämp­fen wird. Er ist über­zeugt da­von, dass ei­ne mas­si­ve mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rung in christ­lich ge­präg­te Ge­sell­schaf­ten nicht gut ge­hen kann, dass in sol­chen Fäl­len am En­de der Is­lam in­ner­halb Eu­ro­pas die Ober­hand ge­win­nen wird. Das wol­len wir auf gar kei­nen Fall. Or­bán hat auch ge­sagt, die Flücht­lin­ge sei­en ein deut­sches Pro­blem … GYÖRKÖS Wir wis­sen, dass mehr als 90 Pro­zent die­ser Men­schen, die bei uns an­ka­men, in Wirk­lich­keit nach Deutsch­land woll­ten. Und das kann man ja auch ver­ste­hen. Sie re­den jetzt in Deutsch­land dar­über, Mil­li­ar­den für Woh­nungs­bau­pro­gram­me aus­zu­ge­ben, sie re­den über Bil­dungs­an­ge­bo­te und In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt. Da ist es doch kein Wun­der, dass al­le zu Ih­nen wol­len! Aber na­tür­lich ist Deutsch­land so groß und wich­tig, dass die deut­schen Pro­ble­me ir­gend­wie im­mer auch zu eu­ro­päi­schen Pro­ble­men wer­den. Und was ist mit der eu­ro­päi­schen So­li­da­ri­tät? Wä­re Un­garn nicht – wie üb­ri­gens al­len an­de­ren EU-Län­der – ver­pflich­tet, Deutsch­land da­bei zu hel­fen, den An­sturm der Flücht­lin­ge zu meis­tern? GYÖRKÖS Das ist der Punkt: Wir ha­ben mit Deutsch­land ei­nen kla­ren Dis­sens, was die Analyse der Ur­sa­chen wie auch die zu er­grei­fen­den Maß­nah­men an­geht. Wir glau­ben: Es han­delt sich in Wahr­heit nicht um ei­ne Flücht­lings­kri­se, son­dern um Ein­wan­de­rung. Es ist ei­ne Völ­ker­wan­de­rung mit gren­zen­lo­sem Nach­schub­po­ten­zi­al. Das Pro­blem ist, dass wir nicht ge­nau wis­sen, wie vie­le Men­schen nach Eu­ro­pa kom­men wol­len. Und so­lan­ge wir nicht we­nigs­tens die Kon­trol­le über die­sen Zustrom zu­rücker­langt ha­ben, brau­chen wir über die Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen gar nicht erst zu re­den. Noch ein­mal zu­rück zum 6. Sep­tem­ber, als Mer­kel tau­sen­den Flücht­lin­gen aus Un­garn die Ein­rei­se ge­stat­te­te. Hat­te sie denn über­haupt ei­ne an­de­re Wahl, hat sie nicht doch rich­tig ent­schie­den? GYÖRKÖS Nein, sie hat mensch­lich ent­schie­den. Die Pro­ble­me, die sind schon im Vor­feld die­ser Ent­schei­dung und vor al­lem auch da­nach ent­stan­den. Aber mal ganz ehr­lich, hat Mer­kel Un­garn mit der Grenz­öff­nung nicht ei­nen Di­enst er­wie­sen, wur­de da­mit nicht ei­ne Tra­gö­die ver­mie­den? GYÖRKÖS So wur­de das in Deutsch­land dar­ge­stellt. Ich glau­be eher, dass da von in­ter­es­sier­ten Krei­sen ganz be­wusst ei­ne hu­ma­ni­tä­re Not­la­ge am Bahn­hof von Budapest in­sze­niert wur­de … „In­ter­es­sier­te Krei­se“? GYÖRKÖS Ja, die Men­schen­schmugg­ler na­tür­lich, die durch un­se­re Ent­schei­dung zur Grenz­schlie­ßung ih­re lu­kra­tivs­te Rou­te nach Nord­eu­ro­pa be­droht sa­hen. Und selbst wenn: Das Leid der Men­schen war doch echt? GYÖRKÖS Ma­chen wir uns doch nichts vor, Grenz­si­che­rung ist kein schö­nes Ge­schäft. Aber an­ders geht es nicht, wenn wir Schen­gen ret­ten wol­len, und wir wol­len ge­nau das. Die Spa­nier ha­ben es vor ei­ni­gen Jah­ren auch nur mit Här­te ge­schafft, die Ein­wan­de­rung in ih­re nord­afri­ka­ni­schen En­kla­ven und auf die Ka­na­ri­schen In­seln zu stop­pen. Aber da­mit es erst gar nicht da­zu kommt, ist die Bot­schaft so wich­tig, dass die EU da­zu be­reit und in der La­ge ist, ih­re Au­ßen­gren­zen zu schüt­zen. Es geht da­bei ganz klar auch um Ab- schre­ckung. Vie­le sind doch gar kei­ne Kriegs­flücht­lin­ge, son­dern jun­ge, kräf­ti­ge Män­ner, die ger­ne auch an Eu­ro­pas Wohl­stand teil­ha­ben möch­ten. Das kann man ih­nen ja nicht ein­mal ver­den­ken. Aber sol­len wir sie des­halb al­le her­ein­las­sen? Un­se­re Prio­ri­tät ist ein­deu­tig: Grenz­kon­trol­le, Be­kämp­fung der Flucht­ur­sa­chen und Hil­fe für die Men­schen in den Kri­sen­re­gio­nen. Was hal­ten Sie von der For­de­rung, EU-Zah­lun­gen an je­ne Staa­ten zu kür­zen, die sich an der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen nicht be­tei­li­gen? GYÖRKÖS: Das ist vor al­lem der Ver­such, die ost­eu­ro­päi­schen Län­der an den Pran­ger zu stel­len. Da­bei sind es längst nicht nur wir im Os­ten der EU, die die­se Vor­stel­lun­gen nicht tei­len. Selbst EU-Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz hat un­längst von min­des­tens 20 EU-Staa­ten ge­spro­chen, die kei­ne Mi­gran­ten auf­neh­men wol­len. 20 von 28, das sagt doch schon viel, und si­cher nicht nur „Ost­eu­ro­pä­er“. Aber wir wür­den trotz­dem un­se­ren Bei­trag leis­ten, un­ter der Be­din­gung, dass wir in Brüssel ge­mein­sam über fi­nan­zi­el­le Hil­fen der EU für je­ne Län­der re­den, die sich die­ser Auf­ga­be ger­ne frei­wil­lig stel­len wol­len. Sie wür­den da­für be­zah­len, dass Deutsch­land die Flücht­lin­ge auf­nimmt? GYÖRKÖS: Wenn Sie so wol­len. So­li­da­ri­tät kann man in ver­schie­de­nen For­men aus­drü­cken. Wir leis­ten ja schon in­di­rekt un­se­ren fi­nan­zi­el­len Bei­trag, in­dem wir Per­so­nal zur Grenz­si­che­rung be­reit­stel­len (in Un­garn, in Slo­we­ni­en, in Ma­ze­do­ni­en) und die grüne Gren­ze durch ei­nen Zaun be­fes­tigt ha­ben. Un­ga­ri­sche Sol­da­ten sind im Irak und in Af­gha­nis­tan im Ein­satz, um dort ge­gen die Ur­sa­chen der Flücht­lings­kri­se zu kämp­fen. Es ist ja nicht so, dass Un­garn nichts tut.

FOTO: HANS-JÜR­GEN BAUER

Pé­ter Györkös (52), seit Sep­tem­ber Un­garns Bot­schaf­ter in Ber­lin, im Ge­spräch mit Re­dak­teu­ren der Rhei­ni­schen Post in Düsseldorf.

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