Die Jun­gen mi­schen Spa­ni­ens Po­li­tik auf

Ges­tern wur­de nicht nur das Par­la­ment in Ma­drid neu ge­wählt, son­dern ei­ne neue Ära ein­ge­läu­tet: Erst­mals seit dem En­de der Fran­co-Dik­ta­tur vor 40 Jah­ren ist das sta­bi­li­täts­för­dern­de Zwei­par­tei­en­sys­tem wohl zer­bro­chen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON HANS-GÜN­TER KELL­NER

MA­DRID Juan Mar­ro­quín (19) ist ges­tern be­geis­tert ins Wahl­lo­kal im Ma­dri­der Stadt­teil Valle­cas ge­gan­gen. Schon lan­ge in­ter­es­sie­re er sich für Po­li­tik, aber dies­mal ha­be er end­lich auch selbst ab­stim­men dür­fen, sag­te er. Seit 2011 hat die Pro­test­be­we­gung der Em­pör­ten mit Slo­gans wie „Sie re­prä­sen­tie­ren uns nicht“die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie in­fra­ge ge­stellt. Jetzt ist sie selbst ein Teil da­von. Juan hat für sie ge­stimmt.

Für die re­gie­ren­den Kon­ser­va­ti­ven war die gest­ri­ge Wahl ein De­sas­ter, ge­mes­sen an der ab­so­lu­ten Mehr­heit, die sie bis­lang im Par­la­ment be­sa­ßen. Die Spa­nier ha­ben ein un­über­sicht­li­ches Par­la­ment ge­wählt, mit stark ge­schrumpf­ten ehe­ma­li­gen Volks­par­tei­en, zwei star­ken klei­ne­ren Grup­pie­run­gen und wei­te­ren klei­nen Par­tei­en wie den Na­tio­na­lis­ten aus dem Bas­ken­land und Ka­ta­lo­ni­en oder den Post­kom­mu­nis­ten.

Vier Jah­re lang hat Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­ria­no Ra­joy re­giert, die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on ei­ni­ger­ma­ßen sta­bi­li­siert. Doch die Spa­nier ha­ben nicht ver­ges­sen, dass er vor vier Jah­ren mit dem Ver­spre­chen an­trat, kei­ne Steu­ern zu er­hö­hen, um we­ni­ge Wo­chen nach der Wahl ge­nau das Ge­gen­teil zu tun. Und Spa­ni­en ist nur auf den ers­ten Blick auf Kurs.

So wächst die Wirt­schaft zwar wie­der deut­lich über drei Pro­zent, auch im nächs­ten Jahr soll Spa­ni­en zu den Wachs­tums­mo­to­ren in der Eu­ro­Zo­ne ge­hö­ren. Dank des Wachs­tums ent­ste­hen wie­der Ar­beits­plät­ze. Die Un­ter­neh­men konn­ten ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit enorm stei­gern, so dass Spa­ni­en erst­mals mehr Au­tos pro­du­ziert als Frank­reich.

Doch die Las­ten der Kri­se wa­ren enorm un­gleich ver­teilt, sa­gen selbst sonst eher den Kon­ser­va­ti­ven na­he­ste­hen­de Wirt­schafts­ex­per­ten. Die Ein­kom­men der Ge­ring­ver­die­ner von bis zu 1000 Eu­ro sei­en seit Be­ginn der Kri­se um 22 Pro­zent ge­fal­len, rech­net Flo­ren­ti­no Fel­gue­r­o­so von der wirt­schafts­na­hen Stif­tung Fe­dea vor, die mitt­le­ren Ein­kom­men im­mer noch um zwölf Pro­zent. Die Top­ge­häl­ter sei­en hin­ge­gen so­gar noch ein­mal ge­stie­gen.

Nicht ein­mal die Ent­wick­lung auf dem Ar­beits­markt stellt Fel­gue­r­o­so zu­frie­den:. Der Rück­gang der Ar­beits­lo­sen­quo­te sei vor al­lem dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass vie­le Men­schen die Su­che längst auf­ge­ge­ben hät­ten. An­de­re ar­bei­te­ten Teil­zeit, weil sie kei­ne Voll­zeit­stel­le fin­den. Be­rück­sich­ti­ge man die­se Un­ter­be­schäf­tig­ten, ha­be Spa­ni­en in Wirk­lich­keit ei­ne Ar­beits­lo­sen­quo­te von 31 Pro­zent, sagt der Wirt­schafts­pro­fes­sor. Je­der vier­te in die­sem Jahr ab­ge­schlos­se­ne Ar­beits­ver­trag ha­be zu­dem ei­ne Lauf­zeit von we­ni­ger als ei­ner Wo­che.

Nicht nur Ra­joy, auch die So­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei muss zu den Ver­lie­rern ge­zählt wer­den. Sie hat es nicht ver­mocht, aus der Stim­mung in der Be­völ­ke­rung Ka­pi­tal zu schla­gen. Dies ist im Grun­de die ein­zi­ge gu­te Nach­richt für Pa­blo Igle­si­as, ob­wohl sei­ne Par­tei Po­de­mos (Wir kön­nen) of­fen­bar ges­tern so­gar zweit­stärks­te Kraft ge­wor­den ist. Der Shoo­ting-Star der spa­ni­schen Po­li­tik hat die not­wen­di­ge Mehr­heit für das pro­pa­gier­te Adi­os von der Spar­po­li­tik nicht er­rei­chen kön­nen.

Ei­ne kla­re Mehr­heit gibt es nun nicht mehr. Ob dies ins Cha­os führt, hängt von der Dia­log­be­reit­schaft ins­be­son­de­re der neu­en Par­tei­en ab. Fin­den die Po­li­ti­ker nicht zu­sam­men, wer­den die Spa­nier wohl im März er­neut an die Ur­nen ge­ru­fen.

FOTO: AP

Ei­ner der Hoff­nungs­trä­ger in Spa­ni­en, Pa­blo Igle­si­as, der Vor­sit­zen­de der Par­tei Po­de­mos, bei der Stimm­ab­ga­be in ei­nem Wahl­lo­kal in der Haupt­stadt Ma­drid.

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