Das Zeit­al­ter der Ablen­kung

Ich ver­ra­te Ih­nen ein Ge­heim­nis: Men­schen, die sich im Netz ei­nen Na­men ge­macht ha­ben, sind nicht im­mer im Netz.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rheinische-post.de

Ich bin süch­tig nach mei­nem Smart­pho­ne. Vor ei­ni­gen Ta­gen gab es in un­se­rer Zei­tung ei­nen Ver­hal­tens­test, den auch ich brav ab­sol­vier­te. Die Zahl der Kreuz­chen lässt nur ei­nen Schluss zu: Ich bin süch­tig. Ge­ra­de jetzt vor Weih­nach­ten gibt es al­ler­or­ten Auf­ru­fe, das Smart­pho­ne doch ein­mal zur Sei­te zu le­gen. In Me­di­en, so­gar in ei­nem Te­le­kom-Wer­be­spot oder von be­son­ders be­sorg­ten Men­schen im ei­ge­nen Um­feld.

Fa­mi­li­en, die es das gan­ze Jahr ge­wohnt wa­ren, über WhatsAp­pG­rup­pen zu kom­mu­ni­zie­ren, wer­den jetzt über die Weih­nachts­fei­er­ta­ge in der Koh­len­stoff­welt mit­ein­an­der kon­fron­tiert. Da ge­rät der Griff zum Smart­pho­ne zur Aus­weich­hand­lung, die so­gleich mit stren­gen Bli­cken ge­ahn­det wird. Aber eins muss ich sa­gen: Das In­ter­net oder das Smart­pho­ne zu boy­kot­tie­ren, löst nicht das adres­sier­te Pro­blem. Es geht um ei­ne zen­tra­le Fra­ge: Was ma­che ich mit den gan­zen In­for­ma­tio­nen? Be­herr­schen die mich, oder be­herr­sche ich sie?

In Bi­b­lio­the­ken ha­ben wir den Um­gang mit die­sem Pro­blem ge­lernt. Wenn Men­schen In­for­ma­ti­ons­über­fluss nicht be­herrsch­ten, wür­den sie beim Auf­ent­halt in Bi­b­lio­the­ken we­gen Über­for­de­rung zu­sam­men­bre­chen. Aber das pas­siert nicht. Wir ge­hen mit ei­ner Fra­ge­stel­lung rein, re­cher­chie­ren die Bü­cher, neh­men sie ge­zielt aus dem Re­gal, le­sen, ma­chen un­se­re No­ti­zen und ge­hen wie­der raus. Die­se Kom­pe­tenz ha­ben je­doch vie­le Men­schen in der di­gi­ta­len Welt noch nicht. Statt­des­sen han­geln sie sich von Tweet zum Link, vom Face­book-Up­date zum nächs­ten Foto. Die Zeit ver­rinnt. Statt die ei­ge­nen Zie­le zu ver­fol­gen, lässt man sich von den Ge­dan­ken an­de­rer fern­steu­ern.

Da­zu ver­ra­te ich Ih­nen ein Ge­heim­nis: Men­schen, die sich im Netz ei­nen Na­men ge­macht ha­ben, sind nicht im­mer im Netz. In­ter­net-Er­klä­rer und Blog­ger Sascha Lo­bo zum Bei­spiel be­stell­te je­den über­flüs­si­gen E-Mail­ver­tei­ler ab, nur da­mit er nicht ab­ge­lenkt wird. „Nie zu­vor gab es bes­se­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel“, wie es vor Stu­den­ten an ei­ner US-Uni ge­sagt wur­de. „Vor nicht all­zu lan­ger Zeit dach­te man noch, man be­fin­de sich in ei­nem ,Zeit­al­ter der Auf­klä­rung’. Doch es wird mehr und mehr zu ei­nem ,Zeit­al­ter der Ablen­kung‘.“Wie viel Wah­res in die­sen Wor­ten steck­te. Nur: Sie fie­len vor 60 Jah­ren. Statt um Smart­pho­ne ging es da­mals um Il­lus­trier­te, Funk & Fern­se­hen.

Am En­de ist al­les ei­ne Fra­ge der Prio­ri­tät. Was ist mir wich­tig, was nicht? Wenn jetzt die Fei­er­ta­ge an­ste­hen, dann tut es Ih­nen be­stimmt auch gut, nicht sich selbst mit un­sin­ni­gen Ver­bo­ten zu be­le­gen oder gar an­de­ren sol­che Ver­bo­te auf­zu­drü­cken. Fra­gen Sie sich lie­ber, wo Ih­re Prio­ri­tä­ten lie­gen. Der Rest re­gelt sich von al­lei­ne. Wenn ich jetzt bei mei­ner Fa­mi­lie bin, dann liegt mei­ne Prio­ri­tät bei ihr – nicht nur über die Fei­er­ta­ge.

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