Die Zu­kunft der Bay­ern heißt An­ce­lot­ti

Ges­tern er­klär­te der Klub den Ab­schied von Trai­ner Guar­dio­la im Som­mer.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

MÜNCHEN/DÜSSELDORF Car­lo An­ce­lot­ti ist mit sei­nen 56 Jah­ren kein ganz jun­ger Mensch mehr. Aber er be­schäf­tigt ei­ne sehr zeit­ge­mäß ar­bei­ten­de Twit­ter-Ab­tei­lung. Bay­ern München hat­te kaum be­stä­tigt, dass der Ita­lie­ner im Som­mer als Trai­ner Nach­fol­ger von Pep Guar­dio­la wird, da er­freu­te An­ce­lot­ti die Öf­fent­lich­keit in vier Spra­chen auf Twit­ter mit die­ser Bot­schaft: „Es ist ei­ne gro­ße Eh­re für mich, in der kom­men­den Sai­son Teil vom FC Bay­ern zu sein. Als ich vom In­ter­es­se des Clubs an mir er­fuhr, kam für mich auch kein an­de­rer Club mehr in Fra­ge. Ich wün­sche Bay­ern München und mei­nem Freund Pep Guar­dio­la al­les er­denk­lich Gu­te für den Rest der Sai­son. Mir bleibt nur noch, den Bay­ern-Fans und euch al­len Fro­he Weih­nach­ten und ein fro­hes neu­es Jahr zu wün­schen.“Da­zu lä­chelt er in ei­nem ziem­lich staats­tra­gen­den Foto wie der Vor­sit­zen­de ei­nes Dax-Kon­zerns.

Auf Guar­dio­la, der nach drei Jah­ren in München wahr­schein­lich zu Man­ches­ter Ci­ty wech­selt, folgt er­neut ein Schwer­ge­wicht des in­ter­na­tio­na­len Fuß­balls. An­ce­lot­ti hat als Trai­ner schon drei­mal die Cham­pi­ons Le­ague ge­won­nen – zwei­mal mit dem AC Mai­land, ein­mal mit Re­al Ma­drid. Un­ter­wegs ver­schaff­te er sich den Ruf, ganz be­son­ders gut mit schwie­ri­gen Su­per­stars um­ge­hen zu kön­nen – wie sein Vor-Vor­gän­ger Jupp Heynckes. An­ce­lot­ti un­ter­strich das Ta­lent vor al­lem als Coach in Ma­drid. Er ließ den Stars das hoch ent­wi­ckel­te Ego, aber er brach­te es auch fer­tig, mann­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt zu schaf­fen.

To­ni Kroos er­leb­te den Ita­lie­ner in der ver­gan­ge­nen Sai­son. Und er sag­te in ei­nem Interview mit der „Zeit“: „Er konn­te die Er­folgs­be­din­gun­gen am bes­ten mi­xen: die tak­ti­sche Idee, das Mensch­li­che, was ge­ra­de bei Re­al Ma­drid nicht so ein­fach ist.“Das muss ihn nicht un­be­dingt von Guar­dio­la un­ter­schei­den, der zu­min­dest in der Öf­fent­lich­keit sei­ne Spie­ler aus­dau­ernd preist. An­ce­lot­ti aber hat ei­ne an­de­re Vor­stel­lung von der tak­ti­schen Aus­rich­tung. Guar­dio­la will, dass sei­ne Mann­schaft ihr Sys­tem mög­lichst in je­der Spiel­si­tua­ti­on än­dern kann. Des­halb schickt er sein Per­so­nal in ei­nen manch­mal wild an­mu­ten­den Wech­sel über je­de Po­si­ti­on auf dem Feld. Da­hin­ter steckt die ur­hol­län­di­sche Idee vom Voet­bal totaal, dem to­ta­len Fuß­ball, die Jo­han Cruyff einst dem FC Barcelona ver­pass­te. Guar­dio­la ist ein treu­er Schü­ler.

Der Ka­ta­la­ne gibt sei­ner Mann­schaft ein Sys­tem. An­ce­lot­ti rich­tet sein Sys­tem an den Ge­ge­ben­hei­ten aus, an sei­nen Spie­lern und de­ren Ei­gen­ar­ten. Er wä­re in Ma­drid nicht auf die Idee ver­fal­len, Cris­tia­no Ro­nal­do zeit­wei­se ei­ne Rol­le im zen­tra­len Mit­tel­feld zu ver­pas­sen, da­mit er auch das mal übt. Er ließ den por­tu­gie­si­schen Star die Frei­hei­ten, auf dem Platz zu im­pro­vi­sie­ren. Das war gut für die Mann­schaft.

An­ce­lot­ti ist klug ge­nug, auf Frei­heit zu set­zen, wenn sie auch ihm Nut­zen bringt. Er hält sich dann eher im Hin­ter­grund. Das un­ter­schei­det ihn eben­falls von Guar­dio­la. Der Ka­ta­la­ne ist oft der zwölf­te Mit­spie­ler, die so­ge­nann­te Coa­ching-Zo­ne reicht ihm bei wei­tem nicht. Er steht nicht sel­ten wild ges­ti­ku­lie­rend auf dem Feld, und er be­merkt das gar nicht, weil er so ge­fan­gen ist von der Vor­stel­lung.

Sein Nach­fol­ger hat ein völ­lig an­de­res Tem­pe­ra­ment, zu Tän­zen an der Li­nie fehlt ihm viel­leicht auch die Be­ga­bung. Je­den­falls er­trägt er zu­meist recht ent­spannt den Vor­trag sei­ner Spie­ler. Das ein­zi­ge Zei­chen für An­span­nung ist der Kau- gum­mi, den er hart­nä­ckig be­ar­bei­tet. Dar­über hin­aus lässt er den Din­gen ih­ren Lauf. Die Ar­beit am Pro­dukt hat er vor­her er­le­digt, und er schärft sie in der Pau­se bei Be­darf nach. Die neue Bun­des­li­ga-Sit­te, Spie­ler als Brief­trä­ger für tak­ti­sche Um­stel­lun­gen aufs Feld zu ja­gen, ist nicht nach An­ce­lot­tis Ge­schmack.

Da­für kann er sehr wohl ein Team und ei­ne Spiel­wei­se for­men. Das er­for­der­li­che Grund­wis­sen eig­ne­te er sich als Teil der gro­ßen Mi­lanMann­schaft der spä­ten 80er und frü­hen 90er Jah­re an. Er spiel­te ei­ne ähn­li­che Po­si­ti­on wie Guar­dio­la als Taktgeber im de­fen­si­ven Mit­tel­feld, dort, wo heu­te die Sech­ser ver­or­tet wer­den. Das sind im­mer je­ne Fuß­bal­ler, von de­nen ih­re Be­treu­er spä­ter sa­gen, sie hät­ten schon als Spie­ler wie Trai­ner ge­dacht.

Der Fuß­ball­leh­rer An­ce­lot­ti hat mit die­sem Wis­sen ei­ne wei­te­re gro­ße Milan-Elf ent­wi­ckelt. Als er mit dem AC Mai­land zwei­mal die Cham­pi­ons Le­ague ge­wann, da stan­den tak­ti­sche Na­tur­be­ga­bun- gen wie Mit­tel­feld­spie­ler Andrea Pir­lo oder Stür­mer Pip­po Inz­aghi auf dem Ra­sen. An­ce­lot­ti hat­te ih­re Fä­hig­kei­ten er­kannt.

Sie schätz­ten wie die Kol­le­gen in Ma­drid Re­al An­ce­lot­tis zu­rück­hal­ten­de Art und sei­nen Hu­mor. Bay­ern Mün­chens künf­ti­ger Trai­ner kann sehr ent­spannt plau­dern. Und er gilt als gro­ßer Es­ser. An­hän­ger ei­ner fi­gur­be­ton­ten Di­ät wird er in die­sem Le­ben nicht mehr. In sei­ner Bio­gra­fie schreibt er: „Ich sch­lin­ge Es­sen run­ter wie ein Pferd. Nehmt mich mit zu ei­ner Trat­to­ria und schaut mir ein­fach nur zu.“

Viel­leicht gibt es bald Orts­ter­mi­ne in München. Und viel­leicht wird er über sei­ne Lei­den­schaf­ten künf­tig auch auf Deutsch Aus­kunft ge­ben - auf Spa­nisch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch kann er es schon. „Wenn Gio­van­ni Tra­pat­to­ni Deutsch ler­nen kann, dann kann ich das si­cher auch“, hat er ver­gan­ge­ne Wo­che ge­sagt. Da wuss­te er, was jetzt al­le wis­sen: Bay­erns Zu­kunft heißt An­ce­lot­ti.

FOTO: PIX­ATH­LON

Zwei Her­ren beim Fuß­ball: Pep Guar­dio­la und Car­lo An­ce­lot­ti beim Cham­pi­ons-Le­ague-Spiel Bay­ern ge­gen Re­al.

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