Der Ma­e­s­tro der deut­schen Ein­heit

Im Al­ter von 88 Jah­ren ist Kurt Ma­sur ge­stor­ben. Fast drei Jahr­zehn­te wirk­te er als Ka­pell­meis­ter des Leip­zi­ger Ge­wand­hau­ses. 1989 leis­te­te der vor­ma­li­ge DDR-Staats­künst­ler ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur deut­schen Ver­ei­ni­gung.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON WOLFRAM GOERTZ

LEIP­ZIG Un­ter den gro­ßen Di­ri­gen­ten der Ge­gen­wart war er der Hü­ne, ein Mann mit ge­wal­ti­gem Über­blick und wu­chern­dem Bart, und we­gen sei­ner Hö­he und im­po­san­ten Er­schei­nung ver­zich­te­te er dar­auf, auch noch den Al­ba­tros zu ge­ben. Sei­ne lan­gen Ar­me brach­ten es ge­wiss zu er­heb­li­cher Spann­wei­te und be­durf­ten kei­nes Takt­stocks. Doch lie­ber hat­te er sei­ne Ar­me nah am Kör­per, als sei er die Mit­te, die sie nicht zu ver­las­sen brauch­ten, weil aus die­ser Mit­te die Kon­zen­tra­ti­on kam, die gro­ße Mu­sik be­nö­tig­te.

Bei den Leip­zi­ger Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen im Ok­to­ber 1989

rief er zu Be­son­nen­heit auf

So be­hal­ten wir Kurt Ma­sur in Er­in­ne­rung: als Chris­to­pho­rus, der sei­ne ge­lieb­te Klas­sik je­den Tag aufs Neue aus den Stru­deln die­ser Welt barg. Das war kein lang­wei­li­ger Job wie Ba­de­meis­ter im lee­ren Schwimm­bad, Ma­sur war ein Ret­ter aus Hin­ga­be, der für die Klas­sik kämpf­te, als dro­he ihr der Atem aus­zu­ge­hen. Er hat­te die­ses Amt ja auch nicht ge­erbt, son­dern sich aus Lie­be erstrit­ten. Das un­ter­schied ihn von vie­len. Er war der Sohn ei­nes Elek­tri­kers aus Nie­der­schle­si­en, der im vä­ter­li­chen Ge­schäft früh wuss­te, wo die Ka­bel, Glüh­bir­nen und Si­che­run­gen her­um­la­gen; an man­chen Ta­gen half er aus, spä­ter er­lern­te er das Hand­werk selbst. Für sein spä­te­res Le­ben ge­fiel es ihm al­ler­dings deut­lich bes­ser, die Seh­nen und Lei­tun­gen gro­ßer Mu­sik zu er­kun­den und ihr als be­ru­fe­ner Tech­ni­ker das Licht leuch­ten zu las­sen.

Ur­sprüng­lich woll­te er Pia­nist wer­den, aber es war tat­säch­lich die Seh­ne ei­nes Fin­gers, die bei ihm zu kurz war. Heut­zu­ta­ge könn­te man das ope­rie­ren, da­mals schien das Ri­si­ko zu groß. Mit be­wun­derns­wer­ter Zä­hig­keit spann­te Ma­sur ein­mal sei­ne Ar­me aus, seufz­te kurz – und wur­de Di­ri­gent. Der Weg an die wich­ti­gen Pul­te war stei­nig und führte durch die Grä­ben (ost-)deut­scher Opern­häu­ser, Ma­sur ging den tra­di­tio­nel­len Weg des Ka­pell­meis­ters mit je­ner ehr­li­chen Ener­gie, die klei­ne Leu­te ent­wi­ckeln, die sich zu gro­ßen Din­gen be­ru­fen füh­len. Hat Ma­sur da­mals in Hal­le, Erfurt oder Schwe­rin ah­nen kön­nen, dass er mal für fast drei Jahr­zehn­te das Leip­zi­ger Ge­wand­haus­or­ches­ter be­feh­li­gen wür­de, das Re­nom­mier­or­ches­ter der ehe­ma­li­gen DDR? Viel­leicht hat er es ge­hofft, doch dürf­te es für den wahr­haf­ti­gen Mu- si­kus Ma­sur ei­ne noch grö­ße­re Er­he­bung ge­we­sen sein, dass man ihn auch in der wei­ten Welt nie­mals für ei­nen so­zia­lis­ti­schen G‘schaft­l­hu­ber hielt, der mit Ham­mer und Si­chel di­ri­gier­te. Er galt als Künst­ler, der als schle­si­scher Sach­se das Mut­ter­land der Klas­si­ker ver­kör­per­te.

So er­eil­te Ma­sur 1990 der Ruf der Neu­en Welt – die Ein­la­dung der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker, ihr Chef zu wer­den. Für die­sen Sprung an die Spit­ze ei­nes der Big Fi­ve gab es jen­seits der künst­le­ri­schen Di­gni­tät ei­ne welt­li­che Emp­feh­lung: Ma­sur hat­te bei der fried­li­chen deut­schen Re­vo­lu­ti­on ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt, er hat­te da­mals, bei den Leip­zi­ger Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen im Ok­to­ber 1989, zur Be­son­nen­heit auf­ge­ru­fen und da­mit die un­blu­ti­ge Wen­de ga­ran­tiert. Moch­ten man­che ihn auch für ei­nen Op­por­tu­nis­ten hal­ten, der erst sei­ne Stim­me er­hob, als das nicht mehr mit Ri­si­ken be­haf­tet war: Vor­bild­funk­ti­on war in New York ein ge­wich­ti­ges Pfund. Es soll­te sich spä­ter auch in Lon­don (beim Phil­har­mo­nic Orches­tra) und in Pa­ris (beim Orches­t­re Na­tio­nal de Fran­ce) aus­zah­len, wo Ma­sur eben­falls als Chef­di­ri­gent ge­fragt war.

Als In­ter­pret war Ma­sur ge­wiss kein Er­neue­rer, kein Re­vo­lu­tio­när, son­dern ein Be­wah­rer. Hört man ihn et­wa Beet­ho­vens Fünf­te mu­si­zie­ren, erlebt man ei­nen Di­ri­gen­ten, der Kunst mit hei­li­gem Ernst ge­gen die An­fech­tun­gen des Un­be­fug­ten, Schnö­den, Bei­läu­fi­gen ver­tei­dig­te. Es war ei­ne Ver­tei­di­gung mit Vor­satz: Ma­sur di­ri­gier­te sei­nen Beet­ho­ven so, als wol­le die Mu­sik das Ge­sicht des Kom­po­nis­ten in St­ein mei­ßeln. Tö­nen­de Aqua­rel­le schätz­te Ma­sur bei die­sem Säu­len­hei­li­gen der Klas­sik nicht so sehr, er be­vor­zug­te die Skulp­tur. Über Beet­ho­vens Stirn lie­fen Fur­chen, wenn Ma­sur ihn auf­führ­te, der Blick war un­wirsch, Lach­fal­ten um die Au­gen sah man nicht. Aber er­staun­lich war es zu er­le­ben, dass er auch Wer­ke wie Cé­sar Francks d-Moll-Sym­pho­nie vor­züg­lich hin­be­kam – flüs­sig, fan­ta­sie­voll und doch latei­nisch ge­er­det.

Seit Jah­ren litt Ma­sur un­ter der Par­kin­son-Krank­heit, es ka­men Weh­weh­chen hin­zu und dum­mer­wei­se auch Stür­ze. Dann mel­de­te sich ei­ne schwe­re Nie­ren­er­kran­kung. Am En­de di­ri­gier­te Ma­sur, nun gar kein Hü­ne mehr, son­dern bei­na­he ein Zwerg, im Roll­stuhl – und warf trotz­dem im­mer noch lan­ge Schat­ten.

Jetzt ist Kurt Ma­sur, der Ma­e­s­tro der deut­schen Ein­heit und Klas­sik, im Al­ter von 88 Jah­ren in Con­nec­ti­cut (USA) ge­stor­ben.

FOTO: DPA

Kurt Ma­sur 2001 bei Pro­ben im Leip­zi­ger Ge­wand­haus.

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