Spa­ren im So­zia­len führt zu hö­he­ren Kos­ten

So­zi­al­de­zer­nen­tin Dör­te Schall äu­ßert sich im Re­dak­ti­ons­ge­spräch über un­be­glei­te­te Flücht­lings­kin­der, die ho­he Zahl von Ju­gend­li­chen oh­ne Schul­ab­schluss und die po­si­ti­ve Wir­kung, die meh­re­re Prä­ven­ti­ons­pro­jek­te ha­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - RALF JÜN­GER­MANN, GABI PE­TERS UND AN­GE­LA RIET­DORF FÜHR­TEN DAS INTERVIEW

Frau Schall, das ak­tu­el­le Flücht­lings­the­ma lässt uns nicht los. Wie ist Mön­chen­glad­bach auf­ge­stellt? Die Leicht­bau­hal­len wer­den jetzt be­zo­gen. Sind wir für die nächs­te Wel­le ge­rüs­tet, wenn sie denn kommt? SCHALL Wir pla­nen na­tür­lich wei­ter für die nächs­ten Mo­na­te. Häu­ser sol­len an­ge­mie­tet, Vor­han­de­nes er­tüch­tigt und auch In­ves­to­ren ein­ge­bun­den wer­den. So hof­fen wir, dass wir oh­ne Turn­hal­len aus­kom­men wer­den. Im Au­gen­blick die­nen noch zwei Turn­hal­len als Flücht­lings­un­ter­künf­te, aber sie sol­len in ab­seh­ba­rer Zeit leer­ge­zo­gen wer­den. So soll­te es dann blei­ben, aber die Pl­an­bar­keit ist wei­ter­hin schlecht. Wir wis­sen nicht im­mer, was auf uns zu kommt. Aber Sie rech­nen mit wei­te­ren Flücht­lin­gen, die in die Stadt kom­men? SCHALL Ja, die Zahl der Neu­an­kömm­lin­ge kann sich im drei­stel­li­gen Be­reich be­we­gen. Vor al­lem rech­nen wir mit wei­te­ren un­be­glei­te­ten Ju­gend­li­chen, die Mön­chen­glad­bach zu­ge­wie­sen wer­den. Hier er­fül­len wir un­se­re Quo­te noch nicht. 124 sind zur­zeit in der Stadt un­ter­ge­bracht. Die Quo­te liegt bei 160, und ich ge­he da­von aus, dass wir sie bis Jah­res­en­de er­fül­len. Wer küm­mert sich um die Ju­gend­li­chen und wo sind sie un­ter­ge­bracht? SCHALL Für un­be­glei­te­te ju­gend­li­che Flücht­lin­ge ist das Ju­gend­amt zu­stän­dig. Je nach Al­ter der Ju­gend­li­chen wird ei­ne pas­sen­de Ein­rich­tung ge­sucht. Sie wer­den in Wohn­grup­pen oder auch bei Pfle­ge­el­tern un­ter­ge­bracht. Die Un­ter­brin­gung er­folgt nach den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen wie bei deut­schen Ju­gend­li­chen auch. Al­ler­dings kann es bei Pfle­ge­el­tern da­durch be­son­ders schwie­rig wer­den, weil die leib­li­chen El­tern un­ter Um­stän­den bald nach­kom­men. Dann ver­lässt der Ju­gend­li­che die Pfle­ge­fa­mi­lie sehr schnell wie­der. Da­mit um­zu­ge­hen ist nicht so ein­fach. Wie sieht die Wohn­si­tua­ti­on der­zeit aus? Pla­nen Sie die Er­rich­tung wei­te­rer Leicht­bau­hal­len? Gibt es über­haupt ge­nug oder ex­plo­die­ren die Prei­se wie bei den Con­tai­nern? SCHALL Leicht­bau­hal­len sind am schnells­ten zu er­rich­ten, und es gibt noch kei­ne Eng­päs­se in die­sem Be­reich. Auch die Kos­ten stei­gen nicht so stark wie bei den Con­tai­nern. Aber die Pla­nun­gen für die fes­ten Ge­bäu­de lau­fen na­tür­lich wei­ter. Ins­ge­samt wer­den vier Flücht­lings­hei­me ge­baut: am Flee­ner Weg, in Ei­cken, Mül­fort und im Lui­sen­tal. Aber die Hei­me sind nur der ers­te Schritt bei der Un­ter­brin­gung der Flücht­lin­ge. Ir­gend­wann müs­sen sie Woh­nun­gen ha­ben. SCHALL Ja, vie­le der Flücht­lin­ge wer­den län­ger in Mön­chen­glad­bach blei­ben, und da­mit die In­te­gra­ti­on klappt, brau­chen sie Woh­nun­gen. Wir ha­ben jetzt ei­nen Mit­ar­bei­ter, der die Woh­nungs­an­ge­bo­te ab­te­le­fo­niert. Die In­te­gra­ti­on funk­tio­niert viel leich­ter, wenn die Men­schen in ei­ner ei­ge­nen Woh­nung ein nor­ma­les Le­ben füh­ren und Nach­barn ha­ben. Na­tür­lich müs­sen sie erst ein we­nig über das Le­ben in Deutsch­land ge­lernt ha­ben, zum Bei­spiel wie bei uns die Müll­tren­nung funk­tio­niert oder dass aus den Was­ser­häh­nen tat­säch­lich Trink­was­ser kommt. Die ei­ge­ne Woh­nung ist der zwei­te Schritt für Leu­te mit si­che­rer Blei­be­per­spek­ti­ve. Was mei­nen Sie? Schaf­fen wir das? Kön­nen wir die In­te­gra­ti­on stem­men? SCHALL Das kommt wirk­lich dar­auf an, wie schnell wir die Men­schen in Ar­beit brin­gen oder ob wir es schaf­fen, sie in die Ver­ei­ne zu in­te­grie­ren. Wenn die Leu­te sich wohl­füh­len, gibt es kei­ne Pro­ble­me. Die Ar­beits­agen­tur rich­tet jetzt ei­nen In­te­gra­ti­on-Po­int ein, wo die Men­schen im­mer ei­nen An­sprech­part­ner ha­ben. Das ist ein wich­ti­ger Schritt, aber oh­ne die Eh­ren­amt­ler gin­ge es gar nicht. In Mön­chen­glad­bach hilft die ge­sam­te Stadt­ge­sell­schaft, je­der Ver­ein macht mit, die Nach­barn ge­hen in die Hei­me und hel­fen un­bü­ro­kra­tisch. In der Stadt­ver­wal­tung ist die Stel­le ei­nes Flücht­lings­ko­or­di­na­tors aus­ge­schrie­ben. Auch das wird ei­ni­ges ver­ein­fa­chen. Und die Ge­sund­heits­kar­te? Sind Sie mit der jet­zi­gen Lö­sung zu­frie­den? SCHALL Wir müs­sen ab­war­ten, ob es wirk­lich ei­ne Ver­ein­fa­chung für die Ver­wal­tung und die Be­trof­fe­nen dar­stellt. Wenn ja, bin ich zu­frie­den. Dann be­deu­tet die Ge­sund­heits­kar­te ei­ne neue Qua­li­tät für die Flücht­lin­ge. Bis­her wa­ren sie auf die Öff­nungs­zei­ten der Ver­wal­tung an­ge­wie­sen, was na­tür­lich nicht op­ti­mal ist. Man wird ja nicht nur an Wo­chen­ta­gen zwi­schen 9 und 17 Uhr krank. Es be­steht im­mer die Sor­ge, dass die Stim­mung ge­gen­über den Flücht­lin­gen kippt. Se­hen Sie in Mön­chen­glad­bach die­se Ge­fahr? SCHALL Die Dis­kus­si­on dar­über trägt nicht ge­ra­de zur Be­ru­hi­gung bei. Aber grund­sätz­lich gibt es für die Bür­ger kei­nen Grund, Angst zu ha­ben. Je­der be­kommt wei­ter­hin, was ihm zu­steht. Nie­mand er­hält we­ni­ger, weil die Flücht­lin­ge da sind. Der So­zi­al­etat für das kom­men­de Jahr um­fasst 53 Mil­lio­nen Eu­ro. Reicht das? SCHALL Das krie­gen wir hin. Die Hö­he des Etats weckt im­mer wie­der Be­gehr­lich­kei­ten. Es wird eva­lu­iert und von Ein­spa­rungs­mög­lich­kei­ten ge­re­det. Kann man im so­zia­len Be­reich noch spa­ren? SCHALL Spa­ren im So­zi­al­be­reich führt letzt­end­lich meist zu hö­he­ren Kos­ten. Ein Bei­spiel: Wir spa­ren an Ki­tas, die El­tern kön­nen des­halb nicht Voll­zeit ar­bei­ten und zah­len we­ni­ger Steu­ern. Re­sul­tat: Wir ha­ben ge­spart und da­mit er­reicht, dass die Ein­nah­men sin­ken. Au­ßer­dem sind im Topf des So­zi­al­be­reichs sehr un­ter­schied­li­che Pro­jek­te un­ter­ge- bracht. Dort fin­den sich Ver­ei­ne wie Zorn­rös­chen, der Kin­der­schutz­bund, oder es wer­den auch die Frü­hen Hil­fen fi­nan­ziert, die jun­ge Fa­mi­li­en di­rekt nach der Ge­burt des Kin­des er­rei­chen sol­len. Hier will ei­gent­lich nie­mand spa­ren. Wir ha­ben dar­in al­ler­dings auch die sehr ho­hen Kos­ten für die Hil­fen zur Er­zie­hung. Und die sin­ken lei­der auch nicht. Was zeich­net denn die Mön­chen­glad­ba­cher So­zi­al­struk­tur aus? SCHALL Mön­chen­glad­bach hat im­mer noch ei­ne schwie­ri­ge So­zi­al­struk­tur. Es gibt vie­le Ar­beits­lo­se, und wir ha­ben im­mer noch ei­ne ho­he Quo­te von Ju­gend­li­chen oh­ne Schul­ab­schluss. Des­halb bes­sert sich die Si­tua­ti­on auch nicht. Das zieht sich durchs Le­ben. Mit dem Pro­jekt Ho­me+ ver­su­chen wir ge­gen­zu­steu­ern und ei­ne er­folg­rei­che Schul­kar­rie­re zu er­mög­li­chen. Da­durch soll der Über­gang zwi­schen der Grund­schu­le und der wei­ter­füh­ren­den Schu­le glat­ter ge­stal­tet wer­den. Es muss nicht je­der Abitur ma­chen, aber je­der Schü­ler soll­te den pas­sen­den Ab­schluss ma­chen. Auch das Pro­blem der Schul­ver­wei­ge­rer fällt in die­sen Be­reich. SCHALL Ja, bei Schul­ver­wei­ge­rern ist es sehr wich­tig, früh ein­zu­grei­fen. Al­le müs­sen auf­merk­sam sein und so­fort das Ge­spräch su­chen, wenn Schü­ler häu­fig feh­len. Mit den Schü­lern und mit den El­tern. Man­che El­tern glau­ben, dass ih­re Kin­der re­gel­mä­ßig in die Schu­le ge­hen, an­de­re ha­ben selbst ei­ne ge­bro­che­ne

Schul­kar­rie­re.

„Die In­te­gra­ti­on funk­tio­niert leich­ter, wenn Men­schen in ei­ner ei­ge­nen Woh­nung ein nor­ma­les Le­ben füh­ren“ „Es muss nicht je­der Abitur ma­chen, aber je­der Schü­ler soll­te den pas­sen­den Ab

schluss ma­chen“

Trotz­dem liegt der So­zi­al­etat nied­ri­ger als im ver­gan­ge­nen Jahr. SCHALL Ja, weil die Schul­so­zi­al­ar­bei­ter prä­ven­tiv ar­bei­ten und so dau­er­haft die Kos­ten sen­ken wer­den. Die Schul­so­zi­al­ar­bei­ter er­rei­chen die El­tern und kön­nen ei­ne Brü­cke zwi­schen Schu­le und El­tern­haus schla­gen. Auch an­de­re Prä­ven­ti­ons­pro­jek­te wie Ho­me, Frü­he Hil­fen, Fa­mi­li­en­zen­tren und Be­ra­tungs­an­ge­bo­te füh­ren zu ei­ner Ent­span­nung im So­zi­al­be­reich. Al­les zu­sam­men­ge­nom­men be­wirkt auf Dau­er ei­ne Kos­ten­re­du­zie­rung.

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