INTERVIEW ROLF BUCH „Nie­mand will Tra­ban­ten­städ­te wie in den 70ern“

Der Chef des Im­mo­bi­li­en­kon­zerns Vo­no­via über die Flücht­lings­kri­se, die Über­nah­me der Deut­sche Woh­nen und die Re­form des Miet­preis­spie­gels.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - REIN­HARD KO­WA­LEW­SKY, THO­MAS REI­SE­NER UND STE­FAN WEI­GEL FÜHR­TEN DAS INTERVIEW.

Al­lein 2015 sind 339.000 Flücht­lin­ge nach NRW ge­kom­men. Wo sol­len die al­le woh­nen? BUCH Das ist in der Tat ei­ne ech­te Auf­ga­be. Der Be­darf liegt der­zeit bei bun­des­weit 400.000 Neu­bau­woh­nun­gen pro Jahr. Es wer­den aber nur 200.000 ge­baut, und nur 60.000 da­von sind für nor­ma­le Ein­kom­men be­zahl­bar. Wir hat­ten schon vor der Flücht­lings­kri­se Eng­päs­se vor al­lem in den Groß­städ­ten, jetzt ex­plo­die­ren die­se Pro­ble­me. Die­ses Land ist der­zeit we­der bau­tech­nisch noch ge­neh­mi­gungs­tech­nisch dar­auf vor­be­rei­tet, das kurz­fris­tig zu stem­men. Was muss pas­sie­ren? BUCH Ers­tens: Wir müs­sen die be­hörd­li­chen Ge­neh­mi­gungs­pro­zes­se deut­lich be­schleu­ni­gen. Je nach Kom­mu­ne müs­sen wir auf ei­ne Bau­ge­neh­mi­gung der­zeit bis zu vier Jah­re war­ten. Das kann das Land sich nicht mehr leis­ten. Zwei­tens: Wir müs­sen die ge­setz­li­chen Bau­vor­ga­ben über­den­ken. Ein Neubau-Qua­drat­me­ter kos­tet der­zeit schon im Schnitt 2500 Eu­ro. Die neue Ener­gie­spar­ver­ord­nung treibt den Preis um wei­te­re zehn Pro­zent. Sol­che Woh­nun­gen kann man dann nicht mehr für 5,60 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter ver­mie­ten. Auf die Po­li­tik ver­wei­sen ist ein­fach. Wel­chen Bei­trag kann die Woh­nungs­wirt­schaft selbst leis­ten? BUCH Ei­nen er­heb­li­chen. Wir ha­ben in der Bran­che ge­ra­de ei­ne um­fang­rei­che Kon­so­li­die­rung ge­se­hen, an de­ren En­de we­sent­lich grö­ße­re Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­men ste­hen. Die kön­nen jetzt ih­re Grö­ßen­vor­tei­le aus­spie­len. Wir bei Vo­no­via ha­ben ein Kon­zept ent­wi­ckelt, mit dem wir den Qua­drat­me­ter für 1500 statt für 2500 Eu­ro bau­en kön­nen. So­was kann man für sechs bis sie­ben statt für neun Eu­ro pro Qua­drat­me­ter kalt ver­mie­ten, oh­ne Geld zu ver­lie­ren. Wie geht das? BUCH Durch Nach­ver­dich­tung. Wir wol­len auf be­ste­hen­de Ge­bäu­de zu­sätz­li­che Stock­wer­ke auf­set­zen. Da­bei ar­bei­ten wir mit Stan­dard­mo­du­len, die wir in Se­rie her­stel­len las­sen. Da­bei wer­den uns gan­ze Wän­de ge­lie­fert. Das ist we­sent­lich güns­ti­ger, als neue Bau­wer­ke hoch­zu­zie­hen. Wir könn­ten al­so ei­ni­ge tau­send Woh­nun­gen schnell bau­en. Noch mehr Men­schen auf glei­chem Raum – das klingt nicht so, als wür­de das Wohn­um­feld da­durch at­trak­ti­ver wer­den … BUCH Was ist die Al­ter­na­ti­ve? Wir kön­nen auch Tra­ban­ten­städ­te um die Kern­städ­te her­um­bau­en, wie das in den 1970er-Jah­ren bei uns ver­sucht wur­de und auch im Aus­land zum Teil noch ge­macht wird. Dort woh­nen dann Ge­ring­ver­die­ner, und die Rei­chen blei­ben un­ter sich in den In­nen­städ­ten. Das will ja auch nie­mand. Letzt­lich ist das aber ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung. Sie pla­nen ge­ra­de die feind­li­che Über­nah­me der Deut­sche Woh­nen. War­um wehrt die sich so da­ge­gen? BUCH Ich weiß, dass die­ses Bild öf­fent­lich ge­zeich­net wird. Aber ich weiß gar nicht, ob es stimmt. Ich hal- te Deut­sche-Woh­nen-Chef Micha­el Zahn für ei­nen ex­zel­len­ten Ma­na­ger – er selbst war frü­her ei­nem Zu­sam­men­schluss mit Vo­no­via ge­gen­über gar nicht ab­ge­neigt. Aber in sol­chen Pha­sen muss eben je­der Vor­stand sei­ne Ak­tio­nä­re be­die­nen. Ich bin sehr zu­ver­sicht­lich, dass der Zu­sam­men­schluss er­fol­gen wird, un­ser An­ge­bot ist at­trak­tiv. Wird es Per­so­nal­ab­bau ge­ben? BUCH Un­ter dem Strich nicht. Na­tür­lich wer­den wir nicht zwei Per­so­nal­lei­ter, zwei Pres­se­stel­len und zwei Ein­kaufs­ab­tei­lun­gen brau­chen. Aber Vo­no­via hat sich ge­gen das frü­her mo­der­ne Out­sour­cing ent­schie­den. Wir stel­len ge­ra­de zum Bei­spiel sehr vie­le Hand­wer­ker ein und bau­en nach dem Zu­sam­men­schluss mit der Gag­fah in Dresden ein neu­es Kun­den­cen­ter auf. Wir wol­len, dass die Di­enst­leis­ter, die wir brau­chen, auch un­se­re Mit­ar­bei­ter sind. Al­les an­de­re hat sich in der Woh­nungs­wirt­schaft nicht be­währt. Lohnt sich der pri­va­te Im­mo­bi­li­en­kauf ei­gent­lich noch? BUCH Na­tür­lich pro­fi­tie­ren auch Pri­vat­an­le­ger von den nied­ri­gen Zin­sen. Aber man soll­te den gan­zen Auf­wand, ein sol­ches Ob­jekt zu ver­mie­ten und zu be­treu­en, nicht aus dem Au­ge ver­lie­ren. Da­ge­gen liegt die Ren­di­te bei uns bei drei Pro­zent auf das Ei­gen­ka­pi­tal – und das bei ge­rin­gem Ri­si­ko. Mit Ren­di­te mei­ne ich nur die Di­vi­den­de – die Kurs­ent­wick­lung kommt noch hin­zu. Jus­tiz­mi­nis­ter Maas will in den Miet­preis­spie­gel künf­tig auch Mie­ten der letz­ten zehn Jah­re statt der letz­ten vier Jah­re ein­rech­nen. Gu­te Idee? BUCH Nein, das wür­de den Markt mas­siv schä­di­gen. Wenn heu­ti­ge Mie­ten auf Ba­sis von Prei­sen von vor zehn Jah­ren be­rech­net wer­den, wä­re das ja so, als ob es die Milch oder ein ähn­li­ches Pro­dukt im Su­per­markt jetzt güns­ti­ger ge­ben muss, nur weil der Preis vor zehn Jah­ren nied­ri­ger war. Dies könn­te vie­le Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaf­ten und kom­mu­na­le Woh­nungs­fir­men in die bi­lan­zi­el­le Über­schul­dung trei­ben, weil der Wert der Im­mo­bi­li­en we­gen der un­si­che­re­ren Er­trags­aus­sich­ten sin­ken wür­de. Da­mit ent­zieht man den­je­ni­gen, die für den Bau neu­er Woh­nun­gen ge­braucht wer­den, die Ba­sis.

FOTO: BAUER

Rolf Buch (50) ist Chef des Dax-Kon­zerns Vo­no­via. Vor sei­ner Zeit bei dem Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­men war er Vor­stands­mit­glied bei Ber­tels­mann.

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