Isen­hei­mer Al­tar in neu­em Licht

Das Un­ter­lin­den­mu­se­um in Col­mar wur­de re­no­viert und er­wei­tert. Die kost­ba­re Samm­lung um­fasst Wer­ke aus sie­ben Jahr­tau­sen­den.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR - VON VEIT-MA­RIO THIEDE

COL­MAR Ist von Col­mars Un­ter­lin­den­mu­se­um die Re­de, kommt ei­nem so­fort sein größ­ter Schatz in den Sinn: der welt­be­rühm­te „Isen­hei­mer Al­tar“. Doch es hat weit mehr zu bie­ten. Sei­ne Samm­lun­gen um­fas­sen Ob­jek­te aus den letz­ten 7000 Jah­ren: ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de, Kunst­hand­werk so­wie Ge­mäl­de, Skulp­tu­ren, Gra­fi­ken und Fo­to­gra­fi­en. Al­ler­dings wa­ren die Samm­lungs­prä­sen­ta­ti­on so­wie die In­fra­struk­tur in die Jah­re ge­kom­men, und so fris­te­te die mo­der­ne wie zeit­ge­nös­si­sche Kunst man­gels Aus­stel­lungs­flä­che ein Schat­ten­da­sein. Für fri­schen Wind ha­ben die Bau­maß­nah­men ge­sorgt. Nach mehr­mo­na­ti­ger Schlie­ßung sind dem Pu­bli­kum jetzt schon rund 75 Pro­zent der Aus­stel­lungs­ein­hei­ten des „neu­en“Un­ter­lin­den­mu­se­ums zu­gäng­lich. Wei­te­re kom­men bis zur Er­öff­nungs­fei­er am 21. Ja­nu­ar hin­zu.

Das „neue“Un­ter­lin­den­mu­se­um hat sei­ne Flä­che auf 8000 Qua­drat­me­ter ver­dop­pelt. Die Bau­kos­ten von 44 Mil­lio­nen Eu­ro brach­ten die öf­fent­li­che Hand und pri­va­te Geld­ge­ber auf. Sei­ne Ge­bäu­de grup­pie­ren sich um den neu her­ge­rich­te­ten Un­ter­lin­den Platz. Auf der ei­nen Sei­te ste­hen frisch re­no­viert der Kreuz­gang und die Kir­che des im 13. Jahr­hun­dert er­bau­ten Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen­klos­ters, die 1853 zum Un­ter­lin­den­mu­se­um um­ge­wid­met wur­den. Auf der an­de­ren Sei­te be­fin­den sich die hin­zu­ge­won­ne­nen Häu­ser. Das 1906 er­rich­te­te ehe­ma­li­ge Stadt­bad er­strahlt nun wie­der in sei­ner Ju­gend­stil­pracht. Dar­an schließt sich nach ei­nem Ent­wurf des Ba­se­ler Ar­chi­tek­ten­bü­ros Her­zog & de Meu­ron der Neubau für die mo­der­ne und zeit­ge­nös­si­sche Kunst an. Das in die en­ge Alt­stadt­be­bau­ung „ein­ge­klemm­te“Haus er­hebt sich mit drei Aus­stel­lungs­ebe­nen auf lang­recht­ecki­gem Grund­riss. Die we­ni­gen spitz­bo­gi­gen Fens­ter grei­fen die Ar­chi­tek­tur­spra­che des go­ti­schen Alt­baus auf.

Die Er­schlie­ßung des Mu­se­ums er­folgt über den neu­en Ein­gang im Erd­ge­schoss der Nord­fas­sa­de des ehe­ma­li­gen Klos­ters. Der Rund­gang ist von den ar­chäo­lo­gi­schen Fun­den im Un­ter­ge­schoss des Alt­baus bis zur Mo­der­ne im Neubau chro­no­lo­gisch in­sze­niert. Ei­ne un­ter­ir­di­sche Ga­le­rie ver­bin­det die Ge­bäu­de. In ihr sind Land­schafts- und Por­trät­ma­le­rei über­wie­gend fran­zö­si­scher Meis­ter des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts un­ter­ge­bracht.

Auch die Kunst im Neubau ist über­wie­gend fran­zö­si­scher Her­kunft, dar­un­ter fi­gu­ra­ti­ve Ma­le­rei. Reich ver­tre­ten ist Je­an Du­buf­fet, des­sen mit Ku­gel­schrei­ber und Filz­stift her­ge­stell­te Bil­der ge­woll­te Un­ge­schick­lich­keit zum schöp­fe­ri­schen Prin­zip er­klä­ren. Zu den Hö­he­punk­ten zählt ein von Pi­cas­so au­to­ri­sier­ter Wand­tep­pich, den Jac­que­line de La Bau­me-Dür­bach nach des­sen be­rühm­ten An­ti­Kriegs­bild „Gu­er­ni­ca“ge­webt hat. Mit acht Ge­mäl­den und Zeich­nun­gen be­sitzt das Un­ter­lin­den­mu­se­um Frank­reichs größ­te Samm­lung der Wer­ke von Ot­to Dix. Er war nach dem Zwei­ten Welt­krieg in ei­nem Ge­fan­ge­nen­la­ger am Ran­de Col­mars in­ter­niert, durf­te aber künst­le­risch tä­tig sein. In­spi­ra­ti­on ver­schaff­te sich Dix bei Be­sich­ti­gun­gen des Un­ter­lin­den­mu­se­ums, wo er ins­be­son­de­re Grü­ne­walds Isen­hei­mer Al­tar und die Ma­le­rei Schon­gau­ers stu­dier­te.

Das Un­ter­lin­den­mu­se­um be­sitzt auch ei­ne in Frank­reich ein­zig­ar­tig reich­hal­ti­ge Samm­lung deut­scher Kunst des Mit­tel­al­ters und der Re­nais­sance. Seit der Wie­der­er­öff­nung ist Mar­tin Schon­gau­er und den Künst­lern sei­nes Um­krei­ses ein ei­ge­ner Saal ein­ge­rich­tet. Sei­ne Druck­gra­fi­ken mit re­li­giö­sen Mo­ti­ven dien­ten Künst­lern in ganz Eu­ro­pa als An­re­gung. Zu den we­ni­gen er­hal­te­nen Ge­mäl­den Schon­gau­ers ge­hö­ren die sich durch al­ler­größ­te An­mut der Fi­gu­ren­dar­stel­lung aus­zeich­nen­den Flü­gel ei­nes Al­tar­auf­sat­zes, die die Ver­kün­di­gung des Er­z­en­gels Ga­b­ri­el an Ma­ria, die Ge­burt Chris­ti und den hei­li­gen An­to­ni­us dar­stel­len. Zu Fü­ßen des An­to­ni­us kniet be­tend Je­an d’Or­lier, der Stif­ter der Ge­mäl­de. Die Flü­gel ge­hör­ten zu ei­nem nicht er­hal­te­nen Ma­ri­en­al­tar der Kir­che der An­to­ni­ter­prä­zep­to­rei von Isen­heim. Der Stif­ter war von 1463 bis 1490 Vor­ste­her die­ses Klos­ters. Es hat­te sich der Pfle­ge von Kran­ken ver­schrie­ben, die vom „An­to­ni­us­feu­er“– ei­ner Ver­gif­tungs­er­schei­nung auf­grund ver­dor­be­nen Ge­trei­des – be­fal­len wa­ren. Je­an d’Or­liers Nach­fol­ger als Vor­ste­her des 20 Ki­lo­me­ter von Col­mar ent­fernt ge­le­ge­nen Klos­ters war Guy Gu­ers. Er be­auf­trag­te den „Grü­ne­wald“ge­nann­ten Ma­ler Ma­this Gothart Nit­hart und den Bild­schnit­zer Ni­k­laus von Ha­genau mit der Her­stel­lung ei­nes Al­tars, der der Pas­si­on Chris­ti und dem hei­li­gen An­to­ni­us ge­wid­met ist. Bis zur Fran-

Das Mu­se­um in Col­mar

be­sitzt Frank­reichs größ­te Samm­lung der Wer­ke des deut­schen

Ma­lers Ot­to Dix

zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on stand der „Isen­hei­mer Al­tar“in der dor­ti­gen Klos­ter­kir­che. Um sei­ner Zer­stö­rung vor­zu­beu­gen, wur­de das Meis­ter­werk 1792 zer­legt und nach Col­mar ge­schafft. Dort hat es der im Chor der ehe­ma­li­gen Klos­ter­kir­che der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen auf­ge­stell­te Al­tar zum be­rühm­tes­ten Werk des Un­ter­lin­den­mu­se­ums ge­bracht.

Und zwar we­gen der un­ge­heu­ren Aus­drucks­macht der Licht­re­gie und Fi­gu­ren, die ih­re Ge­füh­le durch Mi­mik und Ges­tik of­fen­ba­ren. Ein Lei­dens­bild bie­tet Grü­ne­walds Ge­mäl­de des Ge­kreu­zig­ten. Vor schwar­zem Him­mel tritt sein lei­chen­grü­ner Leib in Er­schei­nung, der mit Wun­den und Dor­nen über­sät ist. Wie tri­um­phal ist da­ge­gen Je­su Au­fer­ste­hung in­sze­niert: Er schwebt über dem Gr­ab, prä­sen­tiert die Wun­den an Hän­den wie Fü­ßen und ist in Be­griff, sich zur Lich­t­er­schei­nung zu ent­kör­per­li­chen.

Mehr­fach ist der hei­li­ge An­to­ni­us ins Bild ge­setzt, pa­ckend ist die „Ver­su­chung“dar­ge­stellt: Un­ge­heu­er grei­fen den zu Bo­den ge­gan­ge­nen Hei­li­gen an. Doch Gott schickt En­gel aus, um das Bö­se zu be­kämp­fen. Die ein­drucks­volls­te Darstel­lung des hei­li­gen An­to­ni­us hat je­doch Ni­k­laus von Ha­genau bei­ge­steu­ert. Die far­big ge­fass­te, le­bens­gro­ße Holz­skulp­tur prä­sen­tiert ihn als Re­spekt ein­flö­ßen­den Greis, der über den Be­su­chern thront.

FOTO: DPA

Der be­rühm­te zwi­schen 1506 und 1515 ge­schaf­fe­ne Isen­hei­mer Al­tar von Mat­thi­as Grü­ne­wald zieht die Mas­sen ins fran­zö­si­sche Städt­chen Col­mar, wo das Meis­ter­werk jetzt wie­der im Un­ter­lin­den­mu­se­um be­staunt wer­den kann.

FOTO: MU­SE­UM

Kunst­haus in Col­mar

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