Ei­ne Hel­din der Nach­kriegs­mo­der­ne

Gran­dio­se Re­tro­spek­ti­ve der abs­trak­ten Ex­pres­sio­nis­tin Jo­an Mit­chell im Mu­se­um Lud­wig.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR - VON ALEX­AN­DRA WACH

KÖLN Pla­ton hielt den Kör­per für den Kä­fig der See­le. Ha­ben die wil­den Män­ner des Abs­trak­ten Ex­pres­sio­nis­mus des­we­gen nicht nur die Lein­wän­de, son­dern auch ih­re Kör­per mit al­ler­lei Ex­zes­sen zu be­kämp­fen ver­sucht? Da­mit der Ge­fühls­aus­druck ih­rer Kunst mög­lichst ent­grenzt rü­ber­kommt?

In der Dis­zi­plin, an den in­ne­ren Git­ter­stä­ben mit dem Pin­sel zu rüt­teln, hat sie es zu Höchst­leis­tun­gen ge­bracht. Auch die Ma­le­rei von Jo­an Mit­chell (1925-1992) war oh­ne Al­ko­hol, Zi­ga­ret­ten, Streit und un­zäh­li­ge Sei­ten­sprün­ge nicht zu ha­ben. „Wenn du nicht fühlst, kannst du nicht ma­len“, sag­te sie ein­mal in ei­nem Film-Interview. Früh nahm sie Kurs auf die Selbst­zer­stö­rung und leb­te doch lang ge­nug, um die Hö­hen und Tie­fen ih­rer Kar­rie­re aus­kos­ten zu kön­nen. Heu­te ist Mit­chell in den wich­tigs­ten in­ter­na­tio­na­len Samm­lun­gen prä­sent. Ihr Werk war hier­zu­lan­de 1959 auf der Do­cu­men­ta II zu se­hen. Da­nach herrsch­te für Jahr­zehn­te Schwei­gen. Erst 2009 wid­me­te die Kunst­hal­le Em­den der Künst­le­rin ei­ne Aus­stel­lung. In den USA sieht es an­ders aus. Mit 11,9 Mil­lio­nen USDol­lar hielt sie 2014 zeit­wei­lig den Re­kord für das teu­ers­te Bild aus Frau­en­hand. Da dürf­te auch Ge­org Ba­se­litz ins Grü­beln kom­men, der dem weib­li­chen Ge­schlecht ger­ne ei­ne be­schränk­te Ma­le­rei-Kom­pe­tenz at­tes­tiert. Bei sol­chen Auk­ti­ons­sum­men muss schließ­lich et­was dran sein an die­ser Hel­din der Nach­kriegs­mo­der­ne.

Auf die sicht­bars­te Büh­ne, die zu ha­ben war, nach New York, zog es Mit­chell nach ei­nem Kunst­stu­di­um in Chi­ca­go 1947. Kunst­kri­ti­ker wie Ha­rold Ro­sen­berg oder Cle­ment Gre­en­berg lie­fer­ten ge­ra­de in ih­ren Ma­ni­fes­ten die Ge­brauchs­an­wei­sung für das Rol­len­fach Action Pain­ter. In der gran­dio­sen Re­tro­spek­ti­ve im Mu­se­um Lud­wig do­ku­men­tie­ren im Sou­ter­rain Fotos aus dem Archiv der Mit­chell-Foun­da­ti­on die­se von Dis­zi­plin ge­präg­te Le­bens­pha­se.

Glück­lich sieht Mit­chell auf ih­nen nicht aus. Es scheint, als hät­te sie schon früh be­grif­fen, was ihr als Frau be­vor­steht, wenn sie die An­er­ken­nung be­kom­men will, die ih­re El­tern be­ein­dru­cken könn­te und auch ih­rem Selbst­bild ent­sprach.

Im­mer­hin be­wei­sen mit­un­ter noch nie ge­zeig­te Do­ku­men­te, dass sie ans Ziel ge­kom­men ist. Hier fin­det sich auch „La­dy­bug“von 1957, das aus der Samm­lung des MoMA kommt. Es ent­stand nach ei­nem Kon­zert von Bil­lie Ho­li­day, in der Nacht, Mit­chells be­vor­zug­ter Ar­beits­zeit. Ein chao­ti­sches Durch­ein­an­der dün­ner und di­cker Pin­sel­stri­che, das man mit ei­ner ex­zes­siv mit Schnit­ten mal­trä­tier­ten Eis­flä­che ver­wech­seln könn­te, wä­re da nicht der Far­ben­rausch, der ei­nen Strom von vor­bei­ra­sen­den Be­ob­ach­tun­gen in der Abs­trak­ti­on bün­delt.

In Köln zieht sich der Par­cours bis ins Ober­ge­schoss. Chro­no­lo­gisch ge­hängt, hellt sich die Farb­pa­let­te der 30 Ar­bei­ten auf. Pink brei­tet sich et­wa über „Gran­des Car­riè­res“aus. Die Pig­men­te ge­hor­chen stür­mi­schen Schlen­ker-Be­we­gun­gen, die sich in plötz­li­chen Ex­plo­sio­nen aus Kleck­sen und Fle­cken ent­la­den.

Mit­un­ter dreht Mit­chell die Lein­wän­de, da­mit die Far­ben run­ter­flie­ßen. Je nach Wet­ter­la­ge oder Jah­res­zeit do­mi­niert re­gen­nas­ses Blau die At­mo­sphä­re. Oder er­di­ges Braun, das wie ein Ein­dring­ling das flo­ra­le Ele­ment ver­drängt.

Im Ober­licht­saal ge­lingt Di­rek­tor Yil­maz Dzie­wi­or mit vier rie­si­gen Qua­dri­pty­chen ein ve­ri­ta­bler Pau­ken­schlag. Im Al­ter schätzt die Ma­le­rin im­mer noch die Ab­wei­chung. Die spä­ten Lein­wän­de blei­ben an den Rändern mit­un­ter un­be­malt. „Mer­ci“von 1992 et­wa, dem Jahr, in dem sie starb, kommt mit blau­or­an­ge­nem Stak­ka­to aus. Ih­re Bil­der führ­ten ein Ei­gen­le­ben. Frei und un­ge­zähmt. Ei­ne längst fäl­li­ge groß­ar­ti­ge Wie­der­ent­de­ckung! Info Bis 21.2.16 im Mu­se­um Lud­wig Köln, Hein­rich-Böll-Platz. Di.-So. 10-18 Uhr

FOTO: KÖ­NIG/MU­SE­UM LUD­WIG

La­dy­bug (Ma­ri­en­kä­fer), Öl auf Lein­wand, 1957.

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