Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

An je­nem Tag, an dem wir un­se­ren Lieb­ling fan­den, lern­ten wir, wo der Schmerz sitzt und wo Trost zu fin­den ist. Und jetzt, wäh­rend die Vö­gel auf mein Hirn ein­hack­ten, be­griff ich, war­um ich zur Hoch­zeit ein­ge­la­den war. Ich war ein­ge­la­den, weil ich das Gan­ze noch recht­zei­tig stop­pen, weil ich in letz­ter Mi­nu­te Ret­tung brin­gen konn­te.

Ich schau­te noch ein­mal hin: Es war lan­ge her, dass ich sie hat­te schla­fen se­hen, und mir fiel auf, dass sie mir schla­fend ähn­li­cher sah als wach. An­span­nung zeich­ne­te sich auf ih­rer Stirn ab, ein schmerz­vol­ler Aus­druck, der vom Schlaf ver­schlei­ert wur­de. Ich ha­be die­sen Ge­sichts­aus­druck bei mei­ner schla­fen­den Mut­ter im Kran­ken­haus ge­se­hen, und ich spür­te, wie ei­ne lei­se Wut in mir zu gä­ren be­gann und he­fe­ar­tig auf­trieb, denn ich will nicht, dass die­ses Mäd­chen ir­gend­et­was ver­schlei­ern muss. Ju­diths ur­ei­gens­te Na­tur ist Ge­las­sen­heit, sie ist sämt­li­che öst­li­chen Re­li­gio­nen in Person; die An­ge­spann­te bin ich, und ich kann auch für zwei an­ge­spannt sein, wenn ihr das da­durch er­spart bleibt. Das klingt tu­gend­reich und barm­her­zig, ist es aber nicht – es ist ein­fach so, dass Ju­diths Ge­müts­ru­he mir selbst noch am ehes­ten so et­was wie See­len­frie­den oder Ent­span­nung er­mög­licht. Wenn sich auf ih­rer Stirn auch nur ei­ne Fal­te der An­span­nung ab­zeich­net, zieht mir das den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg.

Aber sie war da. Sie war un­über­seh­bar. Ju­diths Li­der la­gen nicht brav ent­spannt über ih­ren Au­gen. Sie wa­ren hin­un­ter­ge­zwun­gen wor­den, und ich über­leg­te, wie das sein konn­te, nach dem ver­gan­ge­nen Abend, der Wie­der­er­ken­nung. Aber ich war nicht in der Ver­fas­sung, um lo­gisch zu den­ken. Ich hat­te nur das Glas, an dem ich mich fest­hal­ten konn­te, und die­ses Glas brach­te mich schließ­lich dar­auf, dass bei Ju­dith nichts grund­sätz­lich im Ar­gen lag. Es war ein­fach so, dass sie ei­gent­lich ein maß­vol­ler Mensch ist, am Abend zu­vor aber aus ir­gend­ei­nem Grun­de deut­lich mehr ge­trun­ken hat­te, als ich es je bei ihr erlebt hat­te. Na­tür­lich bei Wei­tem nicht so viel, wie ich im Lau­fe der Nacht in mich hin­ein­ge­kippt hat­te, aber weit mehr als ihr üb­li­ches Maß und ge­nug, um die fest ge­schlos­se­nen Li­der zu recht­fer­ti­gen.

Ich dach­te Fol­gen­des: Viel­leicht wer­de ich, wenn wir wie­der zu­sam­men sind – wo im­mer wir uns dann zu le­ben ent­schei­den, mög­li­cher­wei­se für ei­ne Wei­le auf Te­ne­rif­fa –, mal et­was Neu­es aus­pro­bie­ren, ver­su­chen, mich aus­ge­wo­gen zu er­näh­ren, mich bräu­nen, viel schwim­men, am Strand lau­fen ge­hen, mor­gens von sechs bis zehn schrei­ben und den rest­li­chen Tag Neu­es in mir auf­stei­gen las­sen, ein Boot or­ga­ni­sie­ren und ein biss­chen se­geln, war­um denn nicht? Und wenn sich das zwi­schen­durch ver­kehrt an­füh­len soll­te, neh­men wir Reiß­aus und wer­den Strand­gut­samm­ler, aber im Gro­ßen und Gan­zen le­ben wir ge­sund und hal­ten durch um je­ner Mo­men­te wil­len, die kom­men müs­sen und auch kom­men, wo es nur uns bei­de gibt und der Rest der Welt ver­schwun­den ist.

Mo­men­tan war das Wich­tigs­te, sie nicht mehr an­zu­schau­en, mich nicht mehr zu fra­gen, war­um sie nicht ent­spannt aus­sah, und sie half mir, in­dem sie sich plötz­lich auf die Sei­te dreh­te und das Ge­sicht von mir ab­wand­te. Sie be­frei­te da­bei ih­ren ei­nen Arm, und das La­ken ver­rutsch­te, doch ich be­schloss, es nicht zu­recht­zu­zie­hen, son­dern sie mit nack­tem Rück­grat schla­fen zu las­sen, soll­te sie sich doch um­dre­hen und al­les durch­ein­an­der­brin­gen, wenn sie nicht ru­hig und ge­las­sen schla­fen konn­te. Es wür­de zu­rück­kom­men, sie wür­de es wie­der­fin­den und mir da­von ab­ge­ben.

Ich er­hob mich lang­sam, blieb ste­hen. Das Bes­te und Na­he­lie­gen­de wä­re für mich jetzt, die Pil­len­do­se zu fin­den, die ich nachts ver­geb­lich ge­sucht hat­te, mich voll­zu­pum­pen und ein­zu­schla­fen. Bis nach­mit­tags zu schla­fen, ganz all­mäh­lich auf­zu­ste­hen, mich ei­ne Wei­le in die Ba­de­wan­ne zu le­gen und den rest­li­chen Tag auf in­va­li­de zu ma­chen – mich von Gran­ny mit Zimt­schne­cken und Ovo­mal­ti­ne päp­peln zu las­sen, Pa­pas Aus­füh­run­gen über des Men­schen un­ver­bes­ser­lich dürf­ti­ges Ver­ständ­nis der klei­nen wie der gro­ßen Din­ge zu lau­schen, Ju­dith mal zu se­hen und mal auch nicht, aber sie zu Hau­se zu wis­sen, in mei­ner Nä­he. So ein Tag. Das wär’s. Aber so ein Tag konn­te es nicht wer­den, denn es muss­te mein gro­ßer Tag wer­den, ich muss­te das Heft in die Hand neh­men, fest blei­ben, den Ton an­ge­ben, ver­ant­wort­lich sein. Auch für so et­was gibt es – bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad – Pil­len, und ich hat­te so­gar wel­che, aber die Pil­len­do­se war in mei­ner Hand­ta­sche, mei­ner wei­ßen Le­der­hand­ta­sche, ei­ner lan­gen, schma­len Un­ter­arm­ta­sche, wo im­mer sie ab­ge­blie­ben sein moch­te. Ich hielt es für un­wahr­schein­lich, dass ich sie in der Not­fall-Te­le­fon­zel­le ver­ges­sen hat­te oder dass sie mir beim Trin­ken an dem Be­ton­be­cken her­un­ter­ge­fal­len war. Und ich wuss­te, dass ich sie nicht im Au­to hat­te lie­gen las­sen, denn da hat­ten wir nachts schon ge­schaut. Ich hat­te den Bo­den ab­ge­tas­tet und Ju­dith die Sit­ze, doch wir wa­ren bei­de auf nichts ge­sto­ßen, was sich wie ei­ne lan­ge, schma­le Un­ter­arm­hand­ta­sche an­fühl­te. Kei­ne Pil­len. Des­halb hat­ten mich die Vö­gel so früh er­wischt.

Ich ging ins Bad, be­trach­te­te mich flüch­tig im Spie­gel, klapp­te ihn auf und schau­te im Me­di­zin­schränk­chen nach ir­gend­ei­nem Schmerz­mit­tel oder we­nigs­tens Kin­der-As­pi­rin mit Ge­schmack. Ich er­in­ner­te mich dar­an, so et­was frü­her ge­nom­men zu ha­ben, aber es muss der­art gut ge­we­sen sein, dass wir es kom­plett ver­zehr­ten, denn ich fand nur al­len mög­li­chen Kram vor, den ich nicht ge­brau­chen konn­te, Son­nen­milch, Ra­sie­rer, Ra­sier­klin­gen, Li­dschat­ten, Au­gen­brau­en­stift, al­les kei­ne Hil­fe. Ich mach­te das Schränk­chen wie­der zu und spritz­te mir et­was Was­ser ins Ge­sicht, oh­ne mich noch ein­mal an­zu­schau­en. Es fühl­te sich gut an, aber ich muss­te mich da­zu vor­beu­gen, al­so ließ ich es sein. Ich ging aus dem Bad, vor­bei an Ju­diths sanft ge­schwun­ge­nem Rück­grat, hin­aus in den Flur und dann durchs Wohn­zim­mer zur The­ke. Ich hat­te nicht da­mit ge­rech­net, so früh schon je­man­den an­zu­tref­fen, aber da kann­te ich mei­ne Groß­mut­ter schlecht. Sie war in der Kü­che, frisch und sau­ber und gna­den­los mun­ter. Ver­gnügt, neu­gie­rig und froh, mich zu se­hen, denn sie früh­stückt gern in Ge­sell­schaft, kann aber nicht bis zur Mit­tag­es­sens­zeit auf die­ses Pri­vi­leg war­ten, und die Zeit von sechs bis um zwölf ist sehr lang, wenn man nicht ge­früh­stückt hat.

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