Ei­ne Ober­gren­ze ist recht­lich mög­lich

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON ULRICH VOS­GERAU

Das deut­sche Recht ken­ne kei­ne Ober­gren­ze beim Asyl, sagt die Kanz­le­rin. Und weil die dau­ern­de Wie­der­ho­lung of­fen­bar das ein­zi­ge rhe­to­ri­sche Mit­tel ist, das wirk­lich wirkt, hö­ren wir den Satz nun tag­ein, tag­aus von Po­li­ti­kern und Jour­na­lis­ten. Wir sol­len glau­ben, es sei kei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung, son­dern dem Ver­fas­sungs­recht ge­schul­det, dass wir 2015 über ei­ne Mil­li­on neue Ein­wan­de­rer – vor al­lem jun­ge Män­ner – ins Land ge­las­sen ha­ben. Der Ver­weis auf Recht und Ge­setz ver­fängt im­mer bei den Deut­schen. Wenn es so in der Ver­fas­sung steht, kann man wohl nicht mehr dar­über dis­ku­tie­ren.

Das Pro­blem ist nur: Der Satz ist gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht ver­kehrt. Ers­tens: Na­tür­lich kennt das Asyl­recht (Ar­ti­kel 16a Grund­ge­setz) ei­ne Ober­gren­ze. Es han­delt sich näm­lich ju­ris­tisch ge­spro­chen nicht um ein Ab­wehr­recht, son­dern ein Leis­tungs­recht. Ein Leis­tungs­recht ist nicht auf schlich­tes Un­ter­las­sen ge­rich­tet (wie zum Bei­spiel das Fol­ter­ver­bot), son­dern es rich­tet sich auf ei­ne staat­li­che Leis­tung, in de­ren Ge­nuss man kom­men will, wie zum Bei­spiel ei­nen Stu­di­en­platz – oder eben Asyl.

Leis­tungs­rech­te ste­hen aber nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im­mer un­ter ei­nem still­schwei­gen­den Vor­be­halt des Mög­li­chen. Der Staat muss nicht so vie­le Uni­ver­si­tä­ten bau­en, bis wirk­lich al­le Stu­dier­wil­li­gen auch ei­nen Stu­di­en­platz ha­ben, son­dern nur die exis­tie­ren­den Stu­di­en­plät­ze ge­recht ver­tei­len. Das Glei­che gilt beim Asyl: Wenn die Leis­tungs­fä­hig­keit der Kom­mu­nen er­schöpft ist und al­le Turn­hal­len voll sind, dann ist die Ober­gren­ze er­reicht – wie seit ein paar Wo­chen im li­be­ra­len Schwe­den, das seit Jah­ren sehr vie­le Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men hat.

Zwei­tens: Fast nie­mand, der aus Sy­ri­en zu uns kommt (auch wenn er wirk­lich aus Sy­ri­en kommt!), ist hier asyl­be­rech­tigt. Asyl­grund ist näm­lich nur die in­di­vi­du­el­le po­li­ti­sche Ver­fol­gung; Krieg und Bür­ger­krieg sind kei­ne Asyl­grün­de, wirt­schaft­li­che Per­spek­tiv­lo­sig­keit in so un­ter­ent­wi­ckel­ten wie kin­der­rei­chen Ge­sell­schaf­ten schon gar nicht. Das Grund­recht auf Asyl spielt da­her fak­tisch hier gar kei­ne Rol­le.

Rich­tig ist: Wer als Kriegs- und Bür­ger­kriegs­flücht­ling nach Deutsch­land kommt und hier ei­nen Asyl­an­trag stellt, der aber er­folg­los blei­ben muss, weil kein Asyl­grund vor­liegt, der ist „sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt“(Pa­ra­graf 4 Asyl­ge­setz). Er darf nicht in das Kriegs­ge­biet zu­rück­ge­schickt wer­den. Dies gilt aber eben nur für Per­so­nen, die nach Deutsch­land ein­rei­sen und ei­nen Asyl­an­trag stel­len durf­ten. Hier liegt das Haupt­pro­blem: Nach dem kla­ren Wort­laut von Ar­ti­kel 16a Ab­satz 2 Grund­ge­setz und Pa­ra­graf 18 Asyl­ge­setz dür­fen die Grenz­be­hör­den ei­nen Ausländer oh­ne Vi­sum gar nicht ein­rei­sen las­sen – auch nicht, um ei­nen Asyl­an­trag zu stel­len –, wenn er aus ei­nem si­che­ren Dritt­staat ein­rei­sen will, wie zum Bei­spiel Ös­ter­reich. Denn al­le EU-Län­der sind in die­sem Sin­ne si­che­re Dritt­staa­ten, und je­der, der zu uns kom­men will, hat zu­vor meh­re­re EUStaa­ten durch­quert. Nach der Du­blinIII-Ver­ord­nung der EU, die nie auf­ge­ho­ben wor­den ist, aber fak­tisch of­fen­bar nicht mehr zur An­wen­dung kommt, muss er im ers­ten EU-Staat, den er be­tritt, sei­nen Asyl­an­trag stel­len und sich re­gis­trie­ren las­sen. Dass man nun seit Mo­na­ten täg­lich Asyl­be­wer­ber et­wa über die ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze ein­rei­sen lässt und die Gren­ze nicht dicht­macht, ist ein kla­rer Rechts­und Ver­fas­sungs­bruch.

Es gibt hier auch kei­ne Aus­nah­me­vor­schrift. Zwar er­öff­net Pa­ra­graf 18 Ab­satz 4 des Asyl­ge­set­zes die Mög­lich­keit, das ei­gent­lich be­nö­tig­te Vi­sum durch ei­ne Er­laub­nis des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters zu er­set­zen. Die­se Vor­schrift ist aber – weil ja ein Vi­sum er­setzt wird – nur auf kon­kre­te Ein­zel­per­so­nen an­zu­wen­den, de­ren Iden­ti­tät vor­ab be­kannt ist, nicht auf Men­schen­men­gen un­kla­rer Iden­ti­tät und Her­kunft. Auch der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter kann nicht ein­fach das Asyl­ge­setz und das Grund­ge­setz ins­ge­samt au­ßer Kraft set­zen.

Vie­len Po­li­ti­kern mag nun die­se Rechts­la­ge je­doch als in­hu­man er­schei­nen. Wenn dem so ist, dann muss der Bun­des­tag das Asyl­ge­setz und Ar­ti­kel 16a des Grund­ge­set­zes eben ent­spre­chend än­dern. Das tut der Bun­des­tag aber nicht, son­dern er schaut dem täg­li­chen Rechts- und Ver­fas­sungs­bruch ein­fach ta­ten­los zu.

Theo­re­tisch könn­te man auch noch er­wä­gen, ob viel­leicht ein „über­ge­setz­li­cher Not­stand“vor­liegt. Nur: Die Bun­des­re­gie­rung be­ruft sich ja kei­nes­wegs auf über­ge­setz­li­ches Not­stands­recht, son­dern be­haup­tet, nur in Ge­mäß­heit der Ver­fas­sung zu han­deln. Und das ist ein­deu­tig ge­lo­gen. Egal, wie häu­fig man es auf al­len Fern­seh­ka­nä­len wie­der­holt. Und wer sich ein­mal den Wort­laut des Ar­ti­kels 16a Grund­ge­setz und des Pa­ra­gra­fen 18 Asyl­ge­setz durch­liest, merkt das so­fort.

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