„Mit dem IS kann man nicht ver­han­deln“

Die west­fä­li­sche Prä­ses und Vi­ze-Rats­vor­sit­zen­de der EKD über Krieg und Frie­den, über Angst vor den Flücht­lin­gen und ei­ge­ne Zö­ger­lich­keit.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - FRAN­ZIS­KA HEIN FÜHRTE DAS GE­SPRÄCH.

BIE­LE­FELD Es ist ein­fach, mit An­net­te Kur­schus ins Ge­spräch zu kom­men. Der Kaf­fee in ih­rer Tas­se wird kalt – sie kommt kaum zum Trin­ken, weil der Dia­log nie ins Sto­cken kommt. Wir tref­fen die Prä­ses der west­fä­li­schen Lan­des­kir­che, die seit sechs Wo­chen auch stell­ver­tre­ten­de Rats­vor­sit­zen­de der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) ist, im Bie­le­fel­der Lan­des­kir­chen­amt. Kur­schus, 52 Jah­re alt, hat sich um das EKD-Amt nicht ge­drängt, wie sie frei­mü­tig zu­gibt. Trotz­dem oder ge­ra­de des­we­gen: In der evan­ge­li­schen Kir­che gilt sie als Hoff­nungs­trä­ge­rin – die Syn­ode hat sie je­den­falls mit ei­nem ful­mi­nan­ten Er­geb­nis zur Stell­ver­tre­te­rin von Hein­rich Bed­ford-Strohm ge­wählt. Prä­ses Kur­schus, wel­che The­men will der neue Rat an­ge­hen? KUR­SCHUS Wir müs­sen uns der Tat­sa­che stel­len, dass Kir­che im­mer we­ni­ger ei­ne selbst­ver­ständ­li­che und al­le an­ge­hen­de Grö­ße un­se­rer Ge­sell­schaft ist. Auch wenn es na­tür­lich stimmt, dass nach wie vor zwei von drei Deut­schen ei­ner christ­li­chen Kir­che an­ge­hö­ren. Al­so wer­den wir ver­su­chen, Kir­che als ei­ne we­sent­li­che ge­sell­schaft­li­che Ak­teu­rin dar­zu­stel­len. Wir sind in den exis­ten­zi­el­len Fra­gen des Le­bens aus­kunfts­fä­hig. Mit Micha­el Die­ner sitzt erst­mals ein Evan­ge­li­ka­ler im Rat. Er­war­ten Sie Aus­ein­an­der­set­zun­gen? KUR­SCHUS Ich ge­he da­von aus, dass die Syn­ode Herrn Die­ner be­wusst des­we­gen in den Rat ge­wählt hat, da­mit wir auch die­ses Spek­trum des Pro­tes­tan­tis­mus ab­bil­den. Es gibt vie­le Men­schen, die hier be­hei­ma­tet sind. Da wird es si­cher hier und dort auch ein­mal Kon­tro­ver­sen ge­ben. Und wenn sich Herr Die­ner da als Brü­cken­bau­er en­ga­giert, dann stärkt das den Pro­tes­tan­tis­mus ins­ge­samt. Ih­re Leh­rer ha­ben mal zu Ih­nen ge­sagt, dass sie sich re­ge­re Be­tei­li­gung im Un­ter­richt von Ih­nen ge­wünscht hät­ten. Sind Sie ein stil­ler Mensch? KUR­SCHUS Tat­säch­lich zö­ge­re ich lan­ge und wä­ge ab, ehe ich mich in Gre­mi­en – frü­her war es der Schul- un­ter­richt – zu Wort mel­de mit mei­ner Mei­nung. Manch­mal zö­ge­re ich viel­leicht zu lan­ge. Das ist ein Phä­no­men, dem ich sel­ber auf der Spur bin. Ich ver­mu­te, die­se Zu­rück­hal­tung ist ei­ner star­ken in­ne­ren Zen­sur ge­schul­det. Nun sind Sie Vi­ze-Rats­vor­sit­zen­de. Ha­ben Sie da auch ge­zö­gert? KUR­SCHUS Das ist so, aber nicht in dem Sinn, dass man mich jetzt über­re­det und ge­drängt hät­te. Ich über­neh­me die­se Auf­ga­be nicht als Pri­vat­mensch, son­dern als Ver­tre­te­rin ei­ner gro­ßen Lan­des­kir­che. Was hat Sie über­zeugt? KUR­SCHUS Mir wur­de deut­lich, wie stark die Er­war­tung mei­ner ei­ge­nen Kir­che ist. Auch von­sei­ten der Kir­chen­kon­fe­renz und der EKD wur­de ich zur Kan­di­da­tur er­mu­tigt. Als mir dann nach mei­ner Vor­stel­lungs­re­de ei­ne sehr war­me Herz­lich­keit in der Syn­ode ent­ge­gen­schlug, ha­be ich mich schon ge­freut. Die Stim­mung ge­gen­über den Flücht­lin­gen kippt ge­ra­de ... KUR­SCHUS Wir sind als Chris­ten da­für ver­ant­wort­lich, dass auch die Men­schen, die an­ge­sichts der gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen Be­fürch­tun­gen und Be­sorg­nis­se äu­ßern, nicht so­fort in ei­ne be­stimm­te Ecke ge­stellt wer­den. Die­se Men­schen ver­die­nen auch Re­spekt. Es darf kei­ne Ta­bui­sie­rung von Ängs­ten ge­ben. Wie wür­den Sie die­sen Men­schen be­geg­nen? KUR­SCHUS Ich hö­re erst mal of­fen zu und ver­su­che nach­zu­voll­zie­hen, wo­her die Ängs­te kom­men. Oft­mals ent­sprin­gen Vor­ur­tei­le dar­aus, dass es kei­ne rea­len Be­geg­nun­gen mit dem Frem­den gibt. Ge­ra­de für Ängs­te ge­gen­über dem Is­lam scheint das zu gel­ten. Übe­r­all, da wo es die­se Be­geg­nun­gen gibt, ver­rin­gern sich Be­fürch­tun­gen. Das zeigt sehr an­schau­lich ei­ne in die­sen Ta­gen ver­öf­fent­lich­te Stu­die der EKD. Vie­le ha­ben Zwei­fel an­ge­sichts po­li­ti­scher Ein­mi­schung von der Kan­zel. KUR­SCHUS Es kommt dar­auf an, wie wir das tun. Wir kön­nen un­se­re Be- den­ken, An­stö­ße oder auch Er­mu­ti­gun­gen ein­brin­gen. Es gibt zu Recht ei­ne gro­ße Emp­find­lich­keit, wenn wir als mo­ra­li­sche Bes­ser­wis­ser und schlaue­re Ta­ges­po­li­ti­ker auf­tre­ten. Mit dem er­ho­be­nen mo­ra­li­schen Zei­ge­fin­ger zu win­ken, hal­te ich für ei­ne An­ma­ßung ge­gen­über ei­ner Po­li­tik, die Ent­schei­dun­gen über Krieg und Frie­den ja nicht leicht­fer­tig fällt. Grund­sätz­lich bin ich al­ler­dings der Mei­nung, dass es we­nig hilf­reich ist, auf Ge­walt mit Ge­walt zu ant­wor­ten. Und ich fra­ge mich mit vie­len an­de­ren, wo ge­nau der mi­li­tä­ri­sche Ein­satz in Sy­ri­en hin­füh­ren soll. Der EKD-Frie­dens­be­auf­trag­te hat den Ein­satz ab­ge­lehnt. Was sen­det das für ei­ne Bot­schaft an un­se­re Sol­da­ten? Der IS greift auch Chris­ten an. KUR­SCHUS Ge­nau die­se De­bat­te ha­ben wir in der Kir­chen­kon­fe­renz am Abend vor der Bun­des­tags­ab­stim­mung ge­führt. Wir sind nicht un­ter al­len Um­stän­den ge­gen den Ein­satz, se­hen aber nicht, wie der mi­li­tä­ri­sche Ein­satz auf ei­ne Frie­dens­lö­sung zie­len soll. Wo jetzt ein mi­li­tä­ri­sches Re­agie­ren statt­fin­det, wün­schen wir uns ein viel stär­ke­res und um­fas­sen­de­res frie­dens­po­li­ti­sches Agie­ren. Was müss­te denn in ei­nem Frie­dens­kon­zept ste­hen? KUR­SCHUS Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft ist ja ge­ra­de in ei­nem müh­se­li­gen Pro­zess da­bei, ein sol­ches Kon­zept für Sy­ri­en zu ent­wi­ckeln. Na­tür­lich kommt man da an Gren­zen, wenn man sich für den Vor­rang von Ver­hand­lun­gen und Frie­dens­über­ein­künf­te aus­spricht. Die Schwie­rig­keit ist, dass der IS kein Staat ist. Wir ha­ben es hier mit Men­schen zu tun, mit de­nen man letzt­lich nicht ver­han­deln kann. Hat es et­was Welt­frem­des, sich im­mer nur den Frie­den zu wün­schen? KUR­SCHUS Für die Men­schen, die vor Krieg und Ter­ror aus Sy­ri­en und aus dem Irak nach Deutsch­land flie­hen, ist der Wunsch nach Frie­den sehr kon­kret und welt­lich. Was wir hier auf Er­den schaf­fen kön­nen, sind kla­re Schrit­te zum Frie­den hin. Ich bin sehr wohl der Mei­nung, dass wir mit un­se­ren Mit­teln da­zu bei­tra­gen kön­nen, dass ak­tu­el­le Kriegs­her­de auf län­ge­re Sicht be­frie­det wer­den. Auch Deutsch­lands Waf­fen­lie­fe­run­gen tra­gen da­zu bei, dass an­ders­wo Men­schen Krieg ge­gen­ein­an­der füh­ren. Wenn wir von Frie­den spre­chen, hat das des­halb auch mit Selbst­kri­tik und Selbst­ver­pflich­tung zu tun. Frie­dens­be­mü­hun­gen be­inhal­ten, dass ich mir selbst den Spie­gel vor­hal­te und nicht nur mit dem Fin­ger auf an­de­re zei­ge. Ich per­sön­lich wer­de die Hoff­nung auf Frie­den nie auf­ge­ben. Frie­de auf Er­den ist uns von Gott ver­hei­ßen, und die­se Ver­hei­ßung wer­de ich nicht preis­ge­ben.

Wie wich­tig ist ge­ra­de jetzt der Dia­log zwi­schen den Re­li­gio­nen? KUR­SCHUS Vor al­lem In­for­ma­ti­on ist wich­tig. Als Kir­che sind wir auf­ge­for­dert, hier ak­tiv zu wer­den. Auch das zeigt üb­ri­gens die ak­tu­el­le EKD-Stu­die. Wir müs­sen da­für sor­gen, dass Men­schen von klein auf Kennt­nis­se über ih­re Re­li­gi­on ha­ben. Des­halb brau­chen wir auch is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt in un­se­rem Land. Der Is­lam wird zu un­se­rer Ge­sell­schaft ge­hö­ren. Es wä­re fa­tal, wenn we­gen der Ter­ror­an­schlä­ge Re­li­gi­on als sol­che in Miss­kre­dit ge­rie­te. Ich hal­te Re­li­gi­on für et­was fun­da­men­tal Wich­ti­ges im mensch­li­chen Le­ben. Fun­da­men­ta­lis­mus da­ge­gen ist ei­ne Spiel­art, die es zwar in al­len Re­li­gio­nen gibt, die ei­ne Re­li­gi­on je­doch ver­zerrt und ihr nicht sel­ten das Ge­gen­teil des­sen ent­lockt, was sie will: Ge­walt statt Frie­den. Wie ver­brin­gen Sie Weih­nach­ten? KUR­SCHUS Ich be­su­che am Hei­li­gen Abend Men­schen, die ar­bei­ten müs­sen, in ei­ner Flücht­lings­ein­rich­tung und bei ei­ner Ta­fel. Abends freue ich mich auf die Christ­ves­per und dann auf den Got­tes­dienst am ers­ten Weih­nachts­fei­er­tag. An­schlie­ßend wer­de ich mit mei­nem Va­ter und mei­nen Brü­dern und de­ren Fa­mi­li­en bei mir zu Hau­se zu­sam­men­sein.

FOTO: BAUER

Die ers­te Frau an der Spit­ze der west­fä­li­schen Kir­che: An­net­te Kur­schus (52).

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