Spa­ni­ens Re­gie­rungs­chef sucht Part­ner

Ma­ria­no Ra­joy will an der Macht blei­ben, lässt aber of­fen, wo­her er jetzt die nö­ti­ge Mehr­heit im Par­la­ment neh­men will.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK -

MA­DRID (RP) Spa­ni­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­ria­no Ra­joy hat mit sei­ner kon­ser­va­ti­ven Volks­par­tei (PP) trotz dra­ma­ti­scher Ver­lus­te die Par­la­ments­wahl ge­won­nen. Er kann je­doch kei­nes­wegs si­cher sein, ob er an der Macht bleibt. Der 60-Jäh­ri­ge will ei­ne neue Re­gie­rung bil­den, doch ei­ne Mehr­heit für ein Bünd­nis zeich­net sich noch nicht ab. Nun sei die Zeit der Ver­hand­lun­gen ge­kom­men, be­ton­ten die Pres­se­kom­men­ta­to­ren ges­tern über­ein­stim­mend.

Ra­joy hat­te den PP zum Sie­ger der Wahl er­klärt. „Und wer die Wahl ge­won­nen hat, muss auch die Re­gie­rung bil­den“, sag­te der Re­gie­rungs­chef. Ein Mit­te-rechts-Bünd­nis sei­ner Par­tei mit den li­be­ra­len „Ci­u­dad­a­nos“(„Bür­ger“) blie­be un­ter der ab­so­lu­ten Mehr­heit. „Die neue Re­gie­rung hängt in der Luft“, ti­tel­te die Zei­tung „El Mun­do“.

Über Jahr­zehn­te hin­weg hat­ten sich der PP und die So­zia­lis­ten (PSOE) in Spa­ni­en an der Macht ab­ge­wech­selt. Klei­ne­re Par­tei­en nutz­ten sie bei Be­darf be­lie­big als Mehr­heits­be­schaf­fer für ein­zel­ne Ab­stim­mun­gen im Un­ter­haus. Nun sind die tra­di­tio­nel­len Macht­ver­hält­nis­se durch­ein­an­der­ge­wir­belt: Erst­mals in der jün­ge­ren Ge­schich­te wer­den vier statt zwei Par­tei­en mit star­ken Frak­tio­nen im Par­la­ment ver­tre­ten sein.

Ra­joy hat­te mit sei­nem PP am Sonn­tag zwar die meis­ten Sit­ze im Par­la­ment ge­won­nen, aber die ab­so­lu­te Mehr­heit weit ver­fehlt. Ne­ben den Kon­ser­va­ti­ven wur­den auch die So­zia­lis­ten von den Wäh­lern ab­ge­straft. Der PSOE er­ziel­te ihr schlech­tes­tes Er­geb­nis seit der Rück­kehr des Lan­des zur De­mo­kra­tie nach dem En­de der Fran­co-Dik­ta­tur im Jahr 1975.

Die So­zia­lis­ten konn­ten sich aber im La­ger der Lin­ken knapp vor der neu­en Par­tei „Po­de­mos“(„Wir kön­nen“) be­haup­ten. PSOE-Chef Pe­dro Sán­chez will des­halb beim nächs­ten Par­tei­tag für ei­ne Wie­der­wahl kan­di­die­ren. „Spa­ni­en will nach links und will ei­nen Wech­sel“, sag­te der bis­he­ri­ge Op­po­si­ti­ons­füh­rer.

„Po­de­mos“-Chef Pa­blo Igle­si­as be­schwor nach der Wahl „die Ge­burt ei­nes neu­en Spa­ni­en“. „Po­de­mos“ha­be zum Bei­spiel in Ka­ta­lo­ni­en und der Bas­ken­re­gi­on mehr Stim­men als je­de an­de­re Par­tei auf sich ver­ei­nen kön­nen, in wich­ti­gen Wahl­krei­sen wie in Ma­drid und Va­len­cia ran­gie­re sei­ne Par­tei auf Platz zwei. „Spa­ni­en wird nicht mehr das­sel­be sein, wir sind glück­lich. Un­ser Kampf ge­gen Kor­rup­ti­on geht wei­ter“, be­ton­te Igle­si­as.

Auch für ei­ne Links­al­li­anz von PSOE und „Po­de­mos“wür­de es aber nicht rei­chen – Spa­ni­en steht al­so vor po­li­tisch un­ge­wis­sen Zei­ten. Kann kein Kan­di­dat in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach der ers­ten Ab­stim­mung im Par­la­ment ei­ne Mehr­heit als Mi­nis­ter­prä­si­dent auf sich ver­ei­nen, muss es Neu­wah­len ge­ben.

Die So­zia­lis­ten und die „Ci­u­dad­a­nos“lehn­ten in­des ei­ne ge­mein­sa­me Ko­ali­ti­on mit dem PP ab. „Ci­u­dad­a­nos“-Chef Al­bert Rivera kün­dig­te al­ler­dings an, dass sei­ne Frak­ti­on bei ei­ner Ab­stim­mung über ei­ne Kan­di­da­tur Ra­joys zur Stimm­ent­hal­tung be­reit wä­re. Der PSOE er­teil­te auch Spe­ku­la­tio­nen über ei­ne mög­li­che gro­ße Ko­ali­ti­on ei­ne Ab­sa­ge. „Die So­zia­lis­ten wer­den ge­gen Ra­joy und den PP stim­men“, sag­te Vi­ze­par­tei­chef Cé­sar Lue­na.

Die EU-Kom­mis­si­on äu­ßer­te ges­tern die Hoff­nung, dass Spa­ni­en ei­ne sta­bi­le Re­gie­rung er­hal­ten wer- de. Das Land steht als De­fi­zit­sün­der un­ter be­son­de­rer Be­ob­ach­tung der EU-Wäh­rungs­hü­ter. Die An­le­ger re­agier­ten ver­un­si­chert auf die un­kla­re La­ge bei der Re­gie­rungs­bil­dung. Die Ak­ti­en­kur­se an der spa­ni­schen Bör­se ver­zeich­ne­ten her­be Ver­lus­te. Die Ri­si­ko­prä­mi­en für die Zin­sen spa­ni­scher Staats­an­lei­hen leg­ten zu.

Die po­li­ti­sche Unsicherheit wirft auch Schat­ten auf Ra­joys Re­form­pro­gramm, das zum En­de der Re­zes­si­on in der fünft­größ­ten Volks­wirt­schaft der EU bei­ge­tra­gen hat. Der Eu­ro-Staat hat al­ler­dings mit über 20 Pro­zent noch im­mer die zweit­höchs­te Ar­beits­lo­sen­quo­te nach Grie­chen­land. Vie­le Bür­ger wand­ten sich vom kon­ser­va­ti­ven PP ab, weil der Auf­schwung an ih­nen vor­bei­geht und sie we­gen Kor­rup­ti­ons­skan­da­len mit der Po­li­tik un­zu­frie­den sind.

FOTO: IMAGO

Ge­schwäch­ter Wahl­sie­ger: Ma­ria­no Ra­joy und sei­ne Frau El­vi­ra Fernán­dez fei­ern mit ih­ren An­hän­gern in Ma­drid.

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