Ama­zon ver­spricht Lie­fe­rung bis Hei­lig­abend

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

RHEIN­BERG Im Ok­to­ber gab sich Ralf Kle­ber noch ge­las­sen: „Das Glatt­eis be­rei­tet uns je­des Jahr mehr Kopf­zer­bre­chen als die Ver­di-Ak­tio­nen.“An­ge­sichts früh­som­mer­li­cher Tem­pe­ra­tu­ren könn­te der Deutsch­land­Chef von Ama­zon den Fei­er­ta­gen al­so ei­gent­lich ent­spannt ent­ge­gen­bli­cken – doch der Ge­werk­schaft dürf­te es nun eben­falls ge­lun­gen sein, den Online-Händ­ler ins Sch­lin­gern zu brin­gen.

Erst ließ die Ge­werk­schaft er­folg­reich die Sonn­tags­ar­beit am vier­ten Ad­vent in meh­re­ren deut­schen Lo­gis­tik­zen­tren ver­bie­ten. Ges­tern rief sie dann auch noch an vier Stand­or­ten zum Streik auf – teil­wei­se bis Hei­lig­abend. An den NRW-Stand­or­ten Rhein­berg und Wer­ne leg­ten zu Be­ginn der Früh­schicht 250 be­zie­hungs­wei­se 80 Mit­ar­bei­ter die Ar­beit nie­der. Im Ta­ges­ver­lauf dürf­te die Zahl ge­stie­gen sein. „An den Streiks be­tei­li­gen sich in der Re­gel durch­schnitt­lich 500 Mit­ar­bei­ter in Rhein­berg und 150 in Wer­ne“, sagt Sil­ke Zim­mer, die bei Ver­di in NRW den Fach­be­reich Han­del lei­tet. Sie be­tont: „Die Be­schäf­tig­ten strei­ken nicht ger­ne ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber, aber es geht ih­nen um fai­re Löh­ne und An­er­ken­nung für ih­re Ar­beit.“Ver­di will ei­nen Ta­rif­ver­trag zu Kon­di­tio­nen des Ein­zel­han­dels durch­set­zen, Ama­zon lehnt das ab.

Der Online-Händ­ler be­tont zwar, dass die Streiks „über­haupt kei­ne Aus­wir­kun­gen auf un­se­re Lie­fer­zu­sa­gen für die Kun­den“ha­ben – doch mit die­ser For­mu­lie­rung ver­spricht man im Grun­de nur, dass Be­stel­lun­gen bis Hei­lig­abend an­kom­men. Doch be­deu­tet das auch, dass Kun­den des kos­ten­pflich­ti­gen Ser­vice Pri­me, wie ver­spro­chen, Be­stel­lun­gen am nächs­ten Tag be­kom­men?

Denn selbst wenn Ama­zon für die Be­lie­fe­rung sei­ner Kun­den in­zwi­schen auf ein eu­ro­pa­wei­tes Netz von Lo­gis­tik­zen­tren zu­rück­greift – an den deut­schen Stand­or­ten stö­ren die Ar­beits­nie­der­le­gun­gen den Be­triebs­ab­lauf. „Na­tür­lich wer­den die Streiks die Ar­beit be­las­ten“, sagt Jörg Schü­ring, Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der in Rhein­berg. Dies be­gin­ne da­mit, dass Kol­le­gen aus der Wa­re­n­an­nah­me in die Wa­ren­aus­ga­be ver­scho­ben wür­den, sich al­so um das Zu­sam­men­stel­len und Ver­pa­cken von Be­stel­lun­gen küm­mern. „Da wird ir­gend­wann die neu an­ge­lie­fer­te Wa­re vor der Tür ste­hen blei­ben.“

Auch das Ver­bot der Sonn­tags­ar­beit dürf­te die Pla­nun­gen bei Ama­zon er­schwert ha­ben – zu­mal an­schei­nend deut­lich we­ni­ger Sai­son­ar­beits­kräf­te ein­ge­setzt wer­den als ge­plant. Ama­zon woll­te al­lein in Rhein­berg bis zu 1800 Sai­son­ar­beits­kräf­te für das Weih­nachts­ge­schäft ein­stel­len – und hat­te da­für Shut­tle­Bus­se bis ins 50 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Es­sen ein­ge­rich­tet. Laut Be­triebs­rat ar­bei­ten ak­tu­ell je­doch nur et­wa 1500 Sai­son­kräf­te am Nie­der­rhein.

Um die Be­stel­lun­gen recht­zei­tig lie­fern zu kön­nen, müs­sen die Mit­ar­bei­ter in Rhein­berg ak­tu­ell län­ger ar­bei­ten. „Im Rah­men ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung wird von Mon­tag bis Mitt­woch je­den Tag neun statt acht St­un­den pro Schicht ge­ar­bei­tet“, sagt Schü­ring, der nicht an den Streiks teil­nimmt, weil er par­al­lel ver­sucht, für mög­lichst vie­le der Sai­son­kräf­te ei­nen An­schluss­ver­trag zu ver­han­deln: „Der Be­triebs­rat steht aber wei­ter­hin voll hin­ter den Zie­len der Ge­werk­schaft.“

Ama­zon wan­delt im­mer wie­der nach dem Weih­nachts­ge­schäft Zeit­ver­trä­ge in un­be­fris­te­te Stel­len um – im Ja­nu­ar sol­len es noch ein­mal 200 sein. „Die be­fris­te­ten Ver­trä­ge bie­ten ein enor­mes Druck­po­ten­zi­al“, kri­ti­siert Sil­ke Zim­mer. Für Ver­di ist die Zahl der be­fris­te­ten Ver­trä­ge auch ei­ne Er­klä­rung da­für, war­um sich ein Groß­teil der rund 10.000 Ama­zonMit­ar­bei­ter nicht am Streik be­tei­ligt. Wir­kung zeigt er aus Ver­di-Sicht den­noch: „Die Ta­rif­er­hö­hun­gen im Ein­zel­han­del im Sep­tem­ber hat Ama­zon an die Be­schäf­tig­ten wei­ter­ge­ge­ben.“Ku­ri­os dar­an: Wie­so gibt Ama­zon Ta­rif­er­hö­hun­gen im Ein­zel­han­del wei­ter – ob­wohl man sich doch nach ei­ge­nen An­ga­ben als Lo­gis­ti­ker sieht?

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