Stil­le Nacht? Stres­si­ge Nacht!

Zu Weih­nach­ten ver­sam­melt sich oft die gan­ze Fa­mi­lie – und das ist schön. Doch al­le Ter­mi­ne und Be­dürf­nis­se un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, ist nicht ein­fach, wie zwei Frau­en er­zäh­len.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - JES­SI­CA KUSCHNIK (33) IST RE­DAK­TEU­RIN IM RES­SORT RE­PORT. CLAU­DIA BROSCHAT*(43) LEBT IM BER­GI­SCHEN LAND.

Nach Weih­nach­ten ist vor Weih­nach­ten – frei nach die­sem Mot­to wird in mei­ner Fa­mi­lie schon nach der Be­sche­rung das Ter­ri­to­ri­um für das nächs­te Fest mar­kiert. Nen­nen wir das Kind beim Na­men: Es wer­den Be­sitz­an­sprü­che gel­tend ge­macht. Der Be­sitz, das sind wir, die Kin­der. Die Fak­ten sind be­kannt: Es gibt drei Weih­nachts­fei­er­ta­ge, al­so drei Ter­mi­ne, die zu ver­ge­ben wä­ren. Klar könn­te man jetzt sa­gen: Schmeißt doch ein­fach ein gro­ßes Fest mit al­len. Ist aber nicht so ein­fach, wenn die ge­schie­de­nen El­tern das Wohn­zim­mer mit ho­her Wahr­schein­lich­keit in ei­ne Gla­dia­to­ren­a­re­na ver­wan­deln wür­den, die Schwie­ger­el­tern un­gern wo­an­ders als in ih­rem Traum­haus fei­ern möch­ten – wo­bei un­gern auf kei­nen Fall be­deu­tet – und die Schwes­ter di­rekt nach der Be­sche­rung wie ein ge­öl­ter Blitz zur Fa­mi­lie ih­res Freun­des muss.

Al­so wer­den im Ja­nu­ar die Ter­min­ka­len­der ge­zückt – und dann wird ge­feilscht. Da­bei zieht im­mer die „Ich kann nicht mehr so“-Kar­te. Der Schwie­ger­va­ter sagt: „Ich wür­de ja Weih­nach­ten zu euch kom­men, aber ihr müsst zu mir, denn ich kann ja nicht mehr so wei­te Stre­cken fah­ren.“Mei­ne Mut­ter sagt: „Ich wür­de ja den zwei­ten Weih­nachts­tag neh­men, aber die Ta­ge da­vor sind so an­stren­gend, da bin ich am 26. De­zem­ber ka­putt. Ich kann halt nicht mehr so.“Mei­ne Schwes­ter sagt: „Mein Freund und ich ha­ben jetzt so an­stren­gen­de Jobs, da se­hen wir uns kaum, und da­her muss ich Hei­lig­abend da hin – ich kann halt jetzt nicht mehr so.“Et­wa elf Mo­na­te spä­ter hat man sich ge­ei­nigt. Zu­frie­den ist je­der. Denn wer un­zu­frie­den ist, der weiß, dass ihm das die „Dies­mal darf ich ent­schei­den“-Kar­te fürs nächs­te Jahr ein­bringt.

Sind die Ter­mi­ne end­lich ge­klärt, steht die Es­sens­fra­ge an. Mei­ne Mut­ter will die­ses Jahr an Hei­lig­abend ins Re­stau­rant. Denn klar, sie woll­te uns al­le bei sich ha­ben, ihr ist dann aber wie­der ein­ge­fal­len, dass das Dreck macht und sie stun­den­lang am Herd ste­hen muss. Al­so hat sie be­schlos­sen, dass sie ja ko­chen wür­de, aber „nicht mehr so kann“. Das Es­sen am ers­ten Weih­nachts­fei­er­tag wird dann aber selbst ge­kocht – vom Ther­mo­mix. Den schen­ken sich die Schwie­ger­el­tern selbst und wol­len mir an die­sem Tag die Wun­der­welt die­ser Höl­len­ma­schi­ne nä­her­brin­gen – da­bei will ich doch nur ei­nen ru­hi­gen Tag bei ih­nen ver­brin­gen. Der zwei­te Weih­nachts­tag wird zum Spieß­ru­ten­lauf für mich, weil die Frau mei­nes Va­ters auch nach fünf Jah­ren glaubt, mein Ve­ge­ta­ris­mus sei ei­ne Pha­se und der Bra­ten wür­de mir schon schme­cken.

Der Ge­schen­ke­ma­ra­thon ist für mei­ne Fa­mi­lie üb­ri­gens stress­frei, aber nicht für mich. Denn ich be­sor­ge die Ge­schen­ke – für al­le von al­len. Und al­le er­war­ten, dass ich in Vor­kas­se tre­te. Na­tür­lich muss ich ih­nen auch ei­ne Lis­te mit mei­nen Wün­schen schi­cken, mit Preis und de­tail­lier­ter Be­schrei­bung, wo sie was be­kom­men. Viel­leicht soll­te ich an­bie­ten, auch das gleich mit zu be­sor­gen – wo ich eh un­ter­wegs bin. Die Fei­er­ta­ge sind dann aber meist doch sehr schön – ich hab euch ja auch al­le lieb. Bis nach der Be­sche­rung, wenn der Ers­te fragt: „Und, wo fei­ert ihr nächs­tes Jahr Hei­lig­abend?“

Vor fünf Jah­ren ha­ben mein Mann und ich ein Haus ge­kauft, und es war der Be­ginn für un­se­re Hei­lig­abend-Tra­di­ti­on. Nur wir zwei und un­se­re zwei Kin­der, die mitt­ler­wei­le fünf und acht Jah­re alt sind. Wir woll­ten ei­ge­ne Ri­tua­le schaf­fen, mit den Kin­dern den Got­tes­dienst in un­se­rem Ort be­su­chen, zu Fuß in die Kir­che ge­hen. Und die Hei­lig­aben­de zu­vor wa­ren auch echt an­stren­gend, weil wir uns auf meh­re­re Fei­ern auf­tei­len muss­ten.

Denn da­vor sind wir nie zu Hau­se ge­we­sen, erst ging es zu mei­nen El­tern zum Kaf­fee, zwi­schen­durch in den Got­tes­dienst und dann zu den Schwie­ger­el­tern zum Abend­es­sen. Die Fa­mi­lie wohnt zwar im Um­kreis von 20 Ki­lo­me­tern im Ber­gi­schen Land, das ist gut mach­bar, aber auch nicht nur mal kurz auf die an­de­re Stra­ßen­sei­te. Auch des­halb wa­ren die Hei­lig­aben­de der to­ta­le Stress: Im­mer wie­der muss­ten wir die Kin­der warm ein­pa­cken und mit ih­nen raus ins kal­te Au­to. Wirk­li­che Ru­he kommt nicht auf, denn ir­gend­wie schielt man stän­dig mit ei­nem Au­ge auf die Uhr. Al­le Auf­bauGe­schen­ke wie zum Bei­spiel von Le­go und Play­mo­bil muss­ten erst ein­mal war­ten, da­mit uns die Klein­tei­le auf dem Heim­weg bloß nicht ver­lo­ren gin­gen. Die Kin­der hat­ten da­für nur teil­wei­se Ver­ständ­nis, und weil wir den gan­zen Tag nur un­ter­wegs wa­ren, Tür auf, Tür zu, ha­ben mein Mann und ich uns erst spät­abends un­se­re Ge­schen­ke ge­ge­ben, wenn die Kin­der schon im Bett la­gen.

Er­staun­li­cher­wei­se ha­ben un­se­re Ver­wand­ten un­se­re Ent­schei­dung, die­sen Tag al­lein bei uns in „un­se­rem Nest“zu fei­ern, oh­ne Mur­ren ak­zep- tiert. Ich glau­be, wir hat­ten es auch ein­fa­cher, weil wir zwei Kin­der ha­ben. Wenn du ei­ge­ne Fa­mi­lie hast, sind im­mer die Ar­gu­men­te auf dei­ner Sei­te: Wir kön­nen nicht so lan­ge blei­ben, das Kind schläft nur im ei­ge­nen Bett ein. Wir müs­sen schon fah­ren, das Kind ist schon über­mü­det. Ir­gend­was zieht im­mer.

Ich ver­ste­he schon, dass es für mei­ne El­tern und Schwie­ger­el­tern nicht ein­fach ist. Mei­ne El­tern fei­ern al­lei­ne, mei­ne Schwie­ger­el­tern auch. So wie wir un­se­re Tra­di­tio­nen als Fa­mi­lie auf­bau­en und be­le­ben, so müs­sen sie sich von ih­ren auch ver­ab­schie­den. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter hat seit 40 Jah­ren für sich, ih­ren Mann und die Kin­der an Hei­lig­abend Fo­rel­le ge­macht, nun sitzt mit ih­nen kei­ner mehr am Tisch. Das ist schon trau­rig, aber auch der Lauf der Zeit.

Und es ist ja nicht so, als wür­den wir uns Weih­nach­ten nicht se­hen. Am ers­ten Fei­er­tag bre­chen wir nach dem Früh­stück zu den Schwie­ger­el­tern auf, Mit­tag­es­sen mit drei Gän­gen und Kaf­fee­trin­ken, am spä­ten Nach­mit­tag zie­hen wir wei­ter zu mei­nen El­tern, wie­der drei Gän­ge. Am zwei­ten Fei­er­tag kommt mei­ne Schwä­ge­rin mit Fa­mi­lie zum Kaf­fee zu uns. Ich ha­be für je­den Tag ei­ne Klapp­box mit Ge­schen­ken, die ich für al­le Kin­der im Auf­trag der Ver­wand­ten ge­kauft ha­be.

Und am drit­ten Fei­er­tag hat mein Schwie­ger­va­ter Ge­burts­tag, am zwei­ten Ja­nu­ar mein Va­ter, am fünf­ten mei­ne Schwie­ger­mut­ter – da sit­zen wir schon wie­der beim Kaf­fee, ob­wohl ein Sekt für mei­ne Lau­ne si­cher bes­ser wä­re.

INTERVIEW GERLINDE BREIDLING

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