Schö­ne Grü­ße von un­se­rem Prak­ti­kan­ten

Es sind nicht mehr nur Sala­fis­ten und die AfD, die Pau­schal­kri­tik an Me­di­en für ih­re Zwe­cke nut­zen. Auch die Mit­te der Ge­sell­schaft ver­mu­tet, dass bei Zei­tun­gen lau­ter Ah­nungs­lo­se sit­zen. Ei­ne Be­stands­auf­nah­me aus ge­ge­be­nem An­lass.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON RALF JÜN­GER­MANN

Be­gin­nen wir mit ei­nem ganz nor­ma­len Wo­che­n­en­de. Drei Fäl­le aus drei Ta­gen:

Sams­tag: Die RP be­rich­tet über die Ver­tei­lung des Gel­des, das Kom­mu­nen für Flücht­lin­ge be­kom­men. Über den Ar­ti­kel ent­spinnt sich auf Face­book ei­ne Dis­kus­si­on. Ei­ner schreibt: „Ich weiß schon, war­um ich mein Abon­ne­ment ge­kün­digt ha­be. Die Be­rich­te sind über­wie­gend ober­fläch­lich, ten­den­zi­ös und schlecht re­cher­chiert.“Das fin­det Ge­fal­len – zum Bei­spiel vom Pres­se­spre­cher der Stadt Mön­chen­glad­bach, Wolf­gang Speen. Er „li­ked“die­sen Post und er­klärt da­mit öf­fent­lich, wie er die Ar­beit der Rhei­ni­schen Post ein­schätzt.

Sonn­tag: Am Sonn­tag hat ein Bo­rus­sia-Fan ei­nen an­de­ren so schwer ver­letzt, dass zu­nächst nicht klar ist, ob die­ser über­le­ben wird. Nach­dem die Rheinische Post online und auf Face­book dar­über am Abend be­rich­tet hat, dau­er­te es nur we­ni­ge Mi­nu­ten, bis sich die ers­ten Kom­men­ta­to­ren mel­de­ten: Das sei ja aus dem Po­li­zei­be­richt ab­ge­schrie­ben und wahr­schein­lich voll­kom­men an­ders ge­we­sen. „Bei mei­nem Un­fall vor 20 Jah­ren hat die Rheinische Post auch Schwach­sinn ge­schrie­ben.“

Mon­tag: Die RP kom­men­tiert, dass nie­mand ernst­lich da­mit rech­nen kön­ne, dass Bo­rus­sia-Ka­pi­tän Gra­nit Xha­ka zum Vor­bild wer­de, Un­be­herrscht­hei­ten ge­hör­ten un­trenn­bar zu ihm da­zu. Ant­wort ei­nes Le­sers: „Was für ein geis­ti­ger Dünn­schiss! Xha­ka ist ein Heiß- sporn, na und? Al­so schreibt doch bit­te nicht so ei­ne Schei­ße...echt..“

Es ist egal, ob es um Po­li­tik geht oder Sport, um Un­glü­cke, um Er­freu­li­ches, um Nach­rich­ten, Mei­nung oder Re­por­ta­gen – die De­bat­te über die Über­mitt­ler die­ser The­men kommt ver­läss­lich. Und ge­nau so ver­läss­lich be­inhal­tet sie fol­gen­de Ste­reo­ty­pen: Bei Zei­tun­gen ar­bei­ten Prak­ti­kan­ten und/oder An­alpha­be­ten, in je­dem Fall Ah­nungs­lo­se, die voll­kom­men Ab­stru­ses, ex­trem Ein­sei­ti­ges oder kom­plett Ir­re­le­van­tes be­haup­ten, und das auch noch mut­wil­lig. Me­di­en zu be­schimp­fen, das ist längst so mehr­heits­fä­hig ge­wor­den wie Po­li­ti­ker raff­gie­rig und in­kom­pe­tent zu fin­den. Sie sind für die Kri­ti­ker Be­stand­tei­le des­sel­ben Sys­tems.

Noch vor ein paar Jah­ren wa­ren es vor al­lem Ex­tre­mis­ten, re­li­giö­se wie die Sala­fis­ten oder po­li­ti­sche wie die AfD, zu de­ren Gr­und­fes­ten Me­dien­schel­te ge­hör­te. Das ist klar. Frei ver­füg­ba­re, un­ge­fil­ter­te In­for­ma­tio­nen sind für das Ge­schäfts­mo­dell von Ex­tre­mis­ten ei­ne eher hin­der­li­che Sa­che. In­zwi­schen könn­ten sich AfD und ih­re lin­ken Kri­ti­ker, wenn sich ih­re De­mons­tra­ti­ons­zü­ge mal kreu­zen, im Zwei­fel im­mer­hin noch auf ei­nes ver­stän­di­gen: Die Me­di­en stel­len das meis­te falsch und ver­zerrt dar. Das ist längst Ge­mein­gut – auch in der Mit­te der Ge­sell­schaft. Als Pres­se­spre­cher ei­ner Stadt darf man so was heu­te of­fen­bar auch rich­tig fin­den.

Nur, da­mit wir uns nicht miss­ver­ste­hen: Me­di­en darf und muss man kri­ti­sie­ren – erst recht, wenn sie et­was falsch ma­chen. Und das kommt vor. Für un­se­re Aus­ga­be kann ich sa­gen: Wir ma­chen im­mer wie­der Feh­ler, ver­tau­schen Uhr­zei­ten, Ein­tritts­prei­se, Vor­na­men und är­gern uns selbst am al­ler­meis­ten dar­über und freu­en uns über Hin­wei­se auf Feh­ler, denn dann kön­nen wir sie kor­ri­gie­ren. Wir lie­gen auch rück­bli­ckend be­trach­tet schon mal mit ei­ner Ein­schät­zung, was gut oder schlecht für die Stadt ist, da­ne­ben. So weit, so selbst­ver­ständ­lich. Wir sind auch nicht mi­mo­sen­haft und wis­sen, dass wir so­gar noch gut weg­kom­men, zum Bei­spiel im Ver­gleich zu Mar­cel Reif, ei­nem an­er­kann­ten Fuß­bal­lfach­mann, der – ein­fach in­dem er sei­nen Job macht – Pro­test­stür­me auf sich zieht wie sonst nur Steu­er­er­hö­hun­gen.

Wir füh­len uns we­der per­sön­lich noch als Be­rufs­stand sub­stan­zi­ell an­ge­grif­fen. Wir stel­len uns nur ir­ri­tiert und be­sorgt ein paar Fra­gen: Wo­her kommt die­se Ag­gres­si­vi­tät, die­se un­ge­fil­ter­te Lust zum Pö­beln? Und was ist die nächs­te Stu­fe da­von? War­um ist es für vie­le Men­schen so schwer, an­de­re Mei­nun­gen als ih­re ei­ge­ne zu er­tra­gen? Was be­deu­tet das per­spek­ti­visch für un­se­re Ge­sell­schaft?

Egal, ob es auf die­se Fra­gen Ant­wor­ten gibt oder nicht, wir ma­chen ge­nau so wei­ter. Selbst­ver­ständ­lich! Sam­meln In­for­ma­tio­nen, nut­zen da­zu die ver­schie­dens­ten Qu­el­len, spre­chen mit den Be­trof­fe­nen, ge­wich­ten In­for­ma­tio­nen und be­rei­ten sie so auf, dass sie für an­de­re ver­ständ­lich sind, sa­gen un­se­re Mei­nung. Das ist un­ser Job, wir ha­ben ihn über vie­le Jah­re ge­lernt – und sind von sei­ner Sinn­haf­tig­keit zu­tiefst über­zeugt.

Üb­ri­gens: Wir ha­ben ge­ra­de auch ei­nen Prak­ti­kan­ten. Er macht das rich­tig gut. Und lässt schön grü­ßen.

FOTOS (2): IMAGO

Für die Kri­ti­ker sind die Me­di­en Be­stand­tei­le des raff­gie­ri­gen und in­kom­pe­ten­ten Sys­tems.

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