Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Mir ging ei­ni­ges durch den Kopf, was ich da­zu hät­te sa­gen kön­nen, Vor­schlä­ge wie: Bleib doch bis um halb zwölf im Bett lie­gen, dann musst du nur noch ei­ne hal­be St­un­de war­ten, aber ich sag­te nichts, zum ei­nen, weil ich kei­ne Lust hat­te, den Mund auf­zu­ma­chen, zum an­de­ren, weil sie sich an mir als Früh­auf­ste­he­rin sicht­lich freu­te, und das war ein schö­nes Ge­fühl. Ich ging so­gar um den Tre­sen her­um, stell­te mich di­rekt vor sie, hielt die Luft an und gab ihr rasch ei­nen Kuss, oh­ne da­bei aus­zu­at­men, denn Gran­ny kriegt gern ei­nen Gu­te-Nacht- und ei­nen Gu­ten-Mor­gen-Kuss, und was den gest­ri­gen Gu­te-Nacht-Kuss an­ging, war ich mir nicht ganz si­cher, ob oder ob nicht. Wahr­schein­lich eher nicht, und wahr­schein­lich hät­te ich es auch heu­te Mor­gen lie­ber nicht ver­su­chen sol­len, denn ich muss­te mich da­zu et­was vor- und hin­un­ter­beu­gen. Aber ich schaff­te es, ge­lang­te da­nach auch wie­der zum Tre­sen, setz­te mich auf ei­nen der Ho­cker und kon­zen­trier­te mich, und sie ver­galt mir das mit Vor­schlä­gen und Fra­gen be­züg­lich des Früh­stücks, auf die sie Ant­wor­ten er­war­te­te. Ob ich zum Bei­spiel Grape­fruitsaft oder Oran­gen­saft wol­le?

Ich un­ter­brach mei­ne Kon­zen­tra­ti­on lang ge­nug, um zu sa­gen: we­der noch.

„We­der noch?“Ent­geis­ter­tes He­ben der Stim­me. (Wir bau­en Oran­gen an. Und ein paar Grape­fruits auch. Es sind un­se­re Pro­duk­te. Wir soll­ten sie schon aus Prin­zip kon­su­mie­ren.)

Ja, heu­te Mor­gen we­der noch, muss­te ich sa­gen.

„Gran­ny“, schob ich dann nach, „hast du zu­fäl­lig mei­ne Hand­ta­sche ge­se­hen – ei­ne wei­ße Un­ter­arm­ta­sche, schmal und ziem­lich lang für ih­re Hö­he, oder breit für ih­re Län­ge?“

„Du trinkst jetzt mal schön ei­nen Oran­gen­saft, Fräu­lein“, sag­te Gran­ny. „Der ge­hört zu den sie­ben Grund­bau­stei­nen.“

Sie hat­te ein Glas Frisch­ge­press­ten be­reit­ste­hen, ei­ne ab­so­lut wil­de Far­be, und stell­te den Saft vor mich auf den Tre­sen.

„Trink du ihn, Gran­ny, du hast ihn doch auch für dich aus­ge­presst. Du hast ja wohl kaum da­mit ge­rech­net, dass au­ßer dir noch je­mand vor heu­te Mit­tag auf­steht.“

„Ich ha­be drei Glä­ser aus­ge­presst – eins für dich, eins für Ju­dy und eins für eu­ren Va­ter. Ich es­se im­mer ei­ne Grape­fruit, aber wenn du lie­ber die Grape­fruit hät­test, dann trin­ke ich den Oran­gen­saft.“

Bei sol­chen The­men re­det Gran­ny Kl­ar­text.

„Al­so gut, lass das Glas hier ste­hen, und vie­len Dank fürs Aus­pres­sen.“

Ich weiß nicht, war­um die Far­be mich der­art be­un­ru­hig­te, aber der Saft war sehr, sehr oran­ge.

„Was für Grund­bau­stei­ne?“, frag­te ich, um mich ge­sprä­chig zu zei­gen, oh­ne viel zu sa­gen, und sah, wie der Mund mei­ner klei­nen Groß­mut­ter zu ei­nem ge­ra­den, fes­ten Strich wur­de, der an Be­lus­ti­gung gren­zen­de Ver­är­ge­rung aus­drück­te. Ich ha­be sie Ja­ne tau­send­mal auf die­se Wei­se an­schau­en se­hen.

„Du weißt ge­nau, was für Grund­bau­stei­ne. Die sie­ben Grup­pen von Nah­rungs­mit­teln, die je­den Tag auf dem Spei­se­plan ver­tre­ten sein soll­ten.“

Ich hät­te dar­auf noch et­was her­um­rei­ten und Zeit schin­den kön­nen, ehe ich mich mit dem Oran­gen­saft aus­ein­an­der­setz­te, doch es schien den Auf­wand nicht wert. Ei­nen mög­li­chen Aus­weg gab es al­ler­dings, ei­nen küh­nen, und ich wand­te den Blick vom Glas ab und ver­such­te es.

„Gran­ny“, sag­te ich, nicht zu laut und nicht zu lei­se, ein­fach sehr auf­rich­tig, „um ehr­lich zu sein, geht’s mir nicht gut.“

Es wur­de still in der Kü­che. Ich sah mei­ne Groß­mut­ter nicht an, aber ich hör­te, wie sie den Löf­fel auf den Grape­fruit­tel­ler leg­te, und spür­te das Mit­ge­fühl, das sich auf ih­rem Ge­sicht aus­brei­te­te.

„Schätz­chen“, sag­te sie ganz lei­se. „War­um hast du das denn nicht ge­sagt?“„Ha­be ich doch ge­ra­de.“„Aber nicht ges­tern Abend. War­um hast du es mir da nicht ge­sagt?“

Ich woll­te schon ant­wor­ten, dass es mir da noch nicht schlecht ge­gan­gen sei, erst heu­te, über­leg­te es mir dann aber doch an­ders. Es soll­te ru­hig so ste­hen blei­ben, denn ob­jek­tiv be­trach­tet war mein Ge­sund­heits­zu­stand im zwei­ten Se­mes­ter ins­ge­samt tat­säch­lich nicht so be­rühmt ge­we­sen. Ziem­lich la­bil, mei­ne Ge­sund­heit.

„Es ist nichts Dra­ma­ti­sches“, sag­te ich.

„Du hast aber nicht wie­der an­ge­fan­gen zu rau­chen?“, frag­te Gran.

„Nein, nein“, sag­te ich. „Es ist nicht wie bei Ja­ne. Im Prin­zip ist al­les in Ord­nung. Mir geht’s ein­fach nicht so gut – we­gen al­lem Mög­li­chen.“„Warst du schon beim Arzt?“„Ja“, sag­te ich, durch­aus wahr­heits­ge­mäß, denn seit sie­ben Mo­na­ten ver­brach­te ich je­de Wo­che ei­ne St­un­de bei ei­ner Psych­ia­te­rin, ei­ner au­ßer­or­dent­lich ver­ständ­nis­vol­len Ärz­tin, die sich al­les an­hör­te, was ich zu sa­gen hat­te, und mir dann Wie­der­ho­lungs­re­zep­te für mei­ne Me­di­ka­men­te aus­schrieb.

„Und was sagt er?“, frag­te Gran in dem erns­ten Kran­ken­zim­mer­ton, den schon die leicht­fer­ti­ge Er­wäh­nung der Man­deln bei ihr aus­lö­sen kann.

„Sie meint vor al­lem, dass ich zu viel ar­bei­te“, sag­te ich. „Was mir et­was auf die Ner­ven geht.“

„Das ha­be ich gleich ge­dacht, als ich dich ges­tern Abend sah“, sag­te Gran, „du hast so ab­ge­spannt aus­ge­se­hen. Sie? Ei­ne Frau?“

Ich nick­te. „Dr. Ve­ra Mer­cer. Sie ist ziem­lich re­nom­miert.“

Ich weiß nicht war­um, aber ich lach­te laut auf. Mei­nem Kopf tat das nicht gut. Aber es half Gran­ny.

„Du soll­test nach Put­nam fah­ren, so­lan­ge du hier bist, und mit Dr. Bar­nes spre­chen. Er wird ein Blut­bild ma­chen und dir ein Stär­kungs­mit­tel ge­ben.“

„Bist du si­cher, dass du mei­ne Ta­sche nir­gends ge­se­hen hast, Gran­ny?“

Sie griff nach ih­rem Löf­fel und wid­me­te sich wie­der ih­rer Grape­fruit.

„Ich schaue nach dem Früh­stück da­nach“, sag­te sie. „Trink dei­nen Oran­gen­saft, Cas­sie.“

„In die­ser Ta­sche sind näm­lich di­ver­ses­te Stär­kungs­mit­tel drin – so ziem­lich al­les, was ich brau­chen könn­te, ich muss sie wirk­lich fin­den.“

„Trink dei­nen Oran­gen­saft. Wir wer­den sie fin­den.“

Sie aß ih­re Grape­fruit fer­tig, ging zum Spül­be­cken und wusch den Tel­ler ab, dann öff­ne­te sie den Kühl­schank und frag­te mich, ob ich Speck, Schin­ken oder Wurst zu mei­nen Ar­men Rit­tern wol­le.

(Fort­set­zung folgt)

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