Der Die­sel-Kon­ti­nent

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAT­THI­AS BEER­MANN UND JAN DREBES

BER­LIN/DÜSSELDORF Nir­gend­wo sonst auf dem Pla­ne­ten ist der An­teil an die­sel­be­trie­be­nen Fahr­zeu­gen so hoch wie in Eu­ro­pa. Drei­vier­tel der rund zehn Mil­lio­nen ver­kauf­ten Die­sel-Au­tos welt­weit gin­gen 2014 an Kun­den in der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Der An­teil sol­cher Fahr­zeu­ge bei den Neu­zu­las­sun­gen in den 15 wich­tigs­ten EU-Län­dern lag im ver­gan­ge­nen Jahr im Schnitt bei 53,6 Pro­zent, in Ir­land so­gar bei 73 Pro­zent – Spit­zen­wert in der EU. Und in Deutsch­land hat sich 2014 fast je­der zwei­te Au­to­käu­fer für ei­nen Die­sel ent­schie­den.

Doch was steckt hin­ter dem eu­ro­päi­schen Boom selbst­zün­den­der Mo­to­ren­tech­nik? Und war­um ge­lingt den eu­ro­päi­schen Die­sel-Vor­rei­tern der Durch­bruch bis­her nicht auf den Mil­li­ar­den­märk­ten Ja­pans und der USA?

Der Die­sel-Auf­stieg in Eu­ro­pa lässt sich be­son­ders gut am Bei­spiel Frank­reichs ver­an­schau­li­chen. Zu Be­ginn der 80er Jah­re lag dort der Markt­an­teil von Die­sel­fahr­zeu­gen bei nur gut acht Pro­zent, heu­te sind es knapp 68 Pro­zent. Der Grund: Seit den 60er Jah­ren setz­te Frank­reich mas­siv auf bil­li­gen Nu­kle­ar­strom, der nach und nach auch die bis da­hin üb­li­chen Öl­hei­zun­gen in den Haus­hal­ten ver­dräng­te. Die fran­zö­si­schen Raf­fi­ne­ri­en blie­ben auf dem Stoff sit­zen, der im Grun­de nichts an­de­res ist als Die­sel­öl. Um den Ab­satz zu för­dern, dräng­te die fran­zö­si­sche Re­gie­rung den Au­to­her­stel­ler Peu­geot da­zu, mas­sen­taug­li­che Die­sel­mo­to­ren auch für klei­ne­re Pkw zu ent­wi­ckeln. 1983 er­hielt der da­ma­li­ge Peu­geot-Chef Jac­ques Cal­vet von Staats­prä­si­dent François Mit­ter­rand die Zu­sa­ge, dass der Steu­er­vor­teil auf Die­sel, der bis da­hin nur Land­wir­ten und Trans­port­un­ter­neh­mern ge­währt wur­de, künf­tig für al­le Die­sel­fahr­zeu­ge gel­ten wür­de. Bald dar­auf setz­te der Die­sel-Boom in Frank­reich mit vol­ler Wucht ein.

Doch ei­gent­lich ist Deutsch­land die Hei­mat des Die­sel­mo­tors. 1897 ent­wi­ckel­te der In­ge­nieur und Na­mens­ge­ber Ru­dolf Die­sel ei­nen sta­tio­nä­ren Mo­tor für in­dus­tri­el­le An­wen­dun­gen, der die Dampf­ma­schi­ne ab­lö­sen soll­te. An den Ein­satz in Pkw war da­mals noch längst nicht zu den­ken, der Mo­tor­block war mehr als zwei Me­ter breit und drei Me­ter hoch. Aber Die­sel leis­te­te ei­ne Re­vo­lu­ti­on: Sein Mo­tor konn­te rund ein Vier­tel der Treib­stof­fener­gie ab­schöp­fen, ei­ne koh­le­be­feu­er­te Dampf­ma­schi­ne er­reich­te le­dig­lich ei­nen Wir­kungs­grad von un­ter zehn Pro­zent. An­ders als in Frank­reich ist der Auf­stieg der Pkw-Die­sel­mo­to­ren in Deutsch­land aber nicht auf Sub­ven­tio­nen zu­rück­zu­füh­ren. Mer­ce­des-Benz bau­te 1936 mit dem 260 D das welt­weit ers­te se­ri­en­mä­ßi­ge Die­sel­au­to, wett­be­werbs­fä­hig wur­de die An­triebs­tech­nik erst Mit­te der 70er Jah­re. Bis da­hin gal­ten Die­sel­fahr­zeu­ge als laut, lang­sam und dre­ckig. Der ers­te Golf mit Die­sel­mo­tor brach­te 1975 die Tech­nik in die Kom­pakt­klas­se, wei­te­re 20 Jah­re spä­ter setz­te der Boom ein – auch oh­ne di­rek­te Geld­sprit­zen.

„Fi­nan­zi­el­le Vor­tei­le ha­ben sich vor al­lem da­durch er­ge­ben, dass der Staat zur Fi­nan­zie­rung der Bahn­re­form 1994 beim Die­sel ei­ne ge­rin­ge­re Mi­ne­ral­öl­steu­er­er­hö­hung als beim Ben­zin durch­ge­führt hat“, er­läu­tert Jür­gen Al­brecht vom ADAC. Das sei zum Schutz der Lkw-Spe­di­tio­nen ent­schie­den wor­den. „Zwar muss­ten Die­sel-Fah­rer dann bei der Kfz-Steu­er zum Aus­gleich weit­aus mehr be­zah­len. Die ver­brauchs­ar­men Mo­to­ren mach­ten das aber häu­fig an der Zapf­säu­le wie­der wett.“Da­her sei es in Deutsch­land kei­ne po­li­ti­sche Ab­sicht ge­we­sen, die Die­sel-Pkw zu för­dern. Viel­mehr sei die Mo­to­ren­tech­nik we­gen der güns­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen für Die­sel dras­tisch ver­bes­sert wor­den.

Und das brach­te dann gleich ei­nen Wan­del im Fahr­ge­fühl der au­to­lie­ben­den Deut­schen mit sich. Ein tur­bo­ge­la­de­ner Die­sel­mo­tor mit Di­rekt­ein­sprit-

„Ob man Die­sel oder Ben­zi­ner be­vor­zugt, hat welt­an­schau­li­chen Cha­rak­ter be­kom­men“

Jür­gen Al­brecht

ADAC

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