Op­fer ver­gibt „Stra­ßen­bahn-Schub­ser“

Die Köl­ne­rin The­re­sa B. wur­de vor ei­ne Stra­ßen­bahn ge­schubst. Sie hat dem Tä­ter ver­zie­hen und hofft, dass er ei­ne mil­de Stra­fe be­kommt. Der so­ge­nann­te Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich wird aber viel zu sel­ten an­ge­wandt, kri­ti­sie­ren Ex­per­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

DÜSSELDORF Es ist wohl nur der Geis­tes­ge­gen­wart des 64 Jah­re al­ten Stra­ßen­bahn­fah­rers der Köl­ner Li­nie 1 zu ver­dan­ken, dass The­re­sa B. heu­te noch am Le­ben ist.

Ein 49-jäh­ri­ger be­trun­ke­ner Mann hat­te die 36-Jäh­ri­ge im Au­gust die­ses Jah­res in ei­ner U-Bahn­Sta­ti­on ins Gleis­bett vor ei­ne ein­fah­ren­de Stra­ßen­bahn ge­schubst. Der Fah­rer konn­te ge­ra­de noch recht­zei­tig brem­sen. Der Mann wur­de um­ge­hend in der U-Bahn-Sta­ti­on fest­ge­nom­men. Die Frau er­litt ei­nen Schock, blieb an­sons­ten aber un­ver­letzt. Die Staats­an­walt­schaft wirft dem Mann ver­such­ten Tot­schlag vor. Ges­tern war Pro­zess­be­ginn vor dem Land­ge­richt. Sechs Ver­hand­lungs­ta­ge sind an­ge­setzt.

Doch die 36-Jäh­ri­ge hofft auf ein mil­des Ur­teil. Sie hegt kei­nen Groll ge­gen den Mann, durch den sie bei­na­he ums Le­ben ge­kom­men wä­re. „Ich ha­be ihm ver­ge­ben“, sag­te sie un­se­rer Re­dak­ti­on. In ei­nem klä­ren­den Ge­spräch im Zu­ge des so­ge­nann­ten Tä­ter-Op­fer-Aus­gleichs (TOA), das we­ni­ge Ta­ge vor der Ver­hand­lung statt­fand, ha­ben sich die bei­den zum ers­ten Mal nach der er­schre­cken­den Tat wie­der­ge­se­hen.

Der TOA bie­tet Op­fern und Tä­tern die Mög­lich­keit, ei­ne au­ßer­ge­richt­li­che Kon­flikt­schlich­tung zu er­rei­chen, die so­wohl in ei­ner Ver­söh­nung oder Be­frie­dung, aber auch in ei­ner Wie­der­gut­ma­chungs­ver­ein­ba­rung be­ste­hen kann. Der Op­fer­ver­band „Wei­ßer Ring“un­ter­stützt den Aus­gleich. „Bei dem Tä­ter kann bei er­folg­reich durch­ge­führ­tem TOA ei­ne Straf­mil­de­rung oder so­gar ei­ne Ver­fah­rens­ein­stel­lung in Be­tracht kom­men“, er­klär­te ei­ne Ver­bands­spre­che­rin. Im Fall des Stra­ßen­bahn-Schubsers kommt das auf­grund der Schwe­re der Straf­tat al­ler­dings nicht in Be­tracht.

The­re­sa B. hat­te sich das Tref­fen ge­wünscht, um die Sa­che bes­ser ver­ar­bei­ten zu kön­nen, um zu ver­ste­hen, wie­so der Mann sie schubs­te. „Und um end­lich da­mit ab­schlie­ßen zu kön­nen“, be­tont B. Das sei ihr auch ge­lun­gen, sagt sie. Statt auf den Mann wü­tend zu sein, ha­be sie eher Mit­leid mit ihm. So viel sie weiß, ist er al­ko­hol­krank. Al­le The­ra­pi­en, ihn von der Sucht zu be­frei- en, sei­en ge­schei­tert. „Für ihn ist die gan­ze Ge­schich­te schwie­ri­ger als für mich“, sagt die jun­ge Frau. Sie weiß, dass das für Au­ßen­ste­hen­de nur schwer zu be­grei­fen sei. Aber so füh­le sie eben. Wich­tig ist The­re­sa B., dass er nicht lan­ge ins Ge­fäng­nis muss. Das sei nicht der rich­ti­ge Weg, je­man­den von der schie­fen Bahn weg­zu­be­kom­men. „Ich will, dass er so et­was Schreck­li­ches nicht noch ein­mal macht“, sagt sie. „Dar­um wün­sche ich mir, dass er Hil­fe be­kommt, und das so­zia­le Netz ihn auf­fängt.“Ein Rich­ter ist da­zu ver­pflich­tet, ein TOA-Ge­spräch in sei­ne Ur­teils­bil­dung mit ein­zu­be­zie­hen. In­iti­iert wird das Ver­fah­ren meist von der Staats­an­walt­schaft, es kann aber auch durch Po­li­zei, Ge­richt, Op­fer oder Tä­ter an­ge­regt wer­den. Im ak­tu­el­len Fall in Köln war es The­re­sa B., die die Idee hat­te. Die Teil­nah­me ist so­wohl für das Op­fer als auch für den Tä­ter frei­wil­lig. Für Gerd De­latt­re, Lei­ter des bun­des­wei­ten Ser­vice­bü­ros für Kon­flikt­schlich­tung, ist der „Stra­ßen­bahn-Schub­ser-Fall“ein Be­weis da­für, „dass der Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich für al­le Straf­tat­be­stän­de ge­eig­net sein kann“. Die Ge­schä­dig­ten emp­fän­den es oft als Be­frei­ung, die Tä­ter per­sön­lich mit den ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen ih­rer Ver­ge­hen zu kon­fron­tie­ren. „Op­fer von Straf­ta­ten, die nicht nur Recht, son­dern Ge­hör für ih­re emo­tio­na­len Ver­let­zun­gen er­hal­ten wol­len, pro­fi­tie­ren er­heb­lich von ei­nem Me­dia­ti­ons­ge­spräch“, so De­latt­re.

Doch von der Mög­lich­keit wer­de in Deutsch­land noch zu sel­ten Ge­brauch ge­macht, mei­nen Op­fer­schüt­zer. Tat­säch­lich ist die­se jus­tiz­na­he So­zi­al­ar­beit bun­des­weit rück­läu­fig, ob­wohl nie­mand den Nut­zen in Fra­ge stellt. Im ver­gan­ge­nen Jahr fand er in Deutsch­land nur in rund 35.000 Fäl­len An­wen­dung. Ge­mes­sen an der Zahl der jähr­li­chen Ge­richts­ver­fah­ren sei das „kaum der Re­de“wert, so De­latt­re. Er führt das un­ter an­de­rem auf ei­ne über­las­te­te Jus­tiz zu­rück. „Die Ge­rich­te ha­ben so viel zu tun, dass vie­le Rich­ter den bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand für den TOA für zu groß hal­ten“, sagt er.

The­re­sa B. hat den Vor­fall gut ver­ar­bei­tet. „Das Ge­spräch mit dem Tä­ter half mir da­bei. Jetzt schaue ich nur noch po­si­tiv in die Zu­kunft.“

FOTO: SALCHERT

Ei­ne Köl­ner U-Bahn­sta­ti­on wur­de im Au­gust Tat­ort ei­nes Ver­bre­chens: Ein Mann schubs­te ei­ne Frau auf das Gleis­bett ei­ner ein­fah­ren­den Bahn. Der Fah­rer konn­te im letz­ten Mo­ment brem­sen.

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