INTERVIEW ERIC SCHWEIT­ZER „Schäu­b­le legt die Axt an den Mit­tel­stand“

Der Chef des In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges ist zur Hälf­te der Wahl­pe­ri­ode un­zu­frie­den mit der Po­li­tik der Ko­ali­ti­on.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - B. MARSCHALL FÜHRTE DAS GE­SPRÄCH.

Die Kran­ken­kas­sen­bei­trä­ge stei­gen, aber nur für Ar­beit­neh­mer. Die SPD will da­her die pa­ri­tä­ti­sche Fi­nan­zie­rung der Kran­ken­ver­si­che­rung wie­der ein­füh­ren. Wie re­agie­ren Sie? SCHWEIT­ZER Es wird im­mer au­ßer Acht ge­las­sen, dass die Ar­beit­ge­ber die Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall für die ers­ten sechs Wo­chen al­lein über­neh­men. Hier geht es um 51 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr. Das ist ein Viel­fa­ches von dem, was die Ar­beit­neh­mer ins­ge­samt für Zu­satz­bei­trä­ge in der Kran­ken­ver­si­che­rung auf­brin­gen müs­sen. Wenn die Po­li­tik die pa­ri­tä­ti­sche Fi­nan­zie­rung wie­der ein­füh­ren und den Ar­beit­ge­ber­bei­trag er­hö­hen will, müss­ten wir auch über die pa­ri­tä­ti­sche Fi­nan­zie­rung der Lohn­fort­zah­lung re­den. Ich wä­re da­für, es bei der jet­zi­gen Lö­sung zu las­sen und nicht we­gen ei­nes leich­ten An­stiegs ei­ne Grund­satz­de­bat­te zu er­öff­nen. Was hal­ten Sie von der Wirt­schafts­po­li­tik der gro­ßen Ko­ali­ti­on bis­her? SCHWEIT­ZER Jetzt mer­ken wir, dass es in den letz­ten zehn Jah­ren kei­ne rich­ti­gen Re­for­men für Wohl­stand und Wachs­tum mehr gab. Schrö­ders Re­form­agen­da 2010 ist lan­ge her, die Ern­te längst ein­ge­fah­ren. Die Po­li­tik muss sich end­lich fra­gen: Wie wer­den wir wie­der wett­be­werbs­fä­hi­ger in ei­nem Land mit ei­ner ra­sant al­tern­den Be­völ­ke­rung? Doch die­se Ko­ali­ti­on fragt sich das of­fen­sicht­lich nicht. In der ers­ten Hälf­te der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode hat sie mas­siv Geld aus­ge­ge­ben, die Stich­wor­te lau­te­ten Ren­te mit 63 und Müt­ter­ren­te. In der zwei­ten Hälf­te kennt die Krea­ti­vi­tät zur Gän­ge­lung von Un­ter­neh­men kaum Gren­zen, die Stich­wor­te lau­ten hier Werk­ver­trä­ge, Zeit­ar­beit und Ent­gelt­gleich­heits­bü­ro­kra­tie. Und Schäu­b­le will auch noch die Erb­schaft­steu­er für Fir­mener­ben deut­lich er­hö­hen. War­um brin­gen Sie die Erb­schaft­steu­er-Re­form­plä­ne so sehr auf? SCHWEIT­ZER Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nir­gend­wo vor­ge­ge­ben, dass das Steu­er­auf­kom­men stei­gen muss. Mich är­gert es, dass ein CDU-Po­li­ti­ker wie Wolf­gang Schäu­b­le letzt­lich die Axt an die Wur­zel un­se­rer mit­tel­stän­di­schen Wirt­schaft legt. Die Uni­on hat­te zu­ge­sagt, dass es in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode kei­ne Steu­er­er­hö­hun­gen ge­ben soll. Schäu­bles Re­form­vor­schlag läuft aber auf 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro Mehr­be­las­tung für die Un­ter­neh­men hin­aus. Das ist ein Bruch des Wahl­ver­spre­chens der Uni­on. Wä­re es nicht ge­recht, wenn rei­che Fir­mener­ben mehr zah­len wür­den? SCHWEIT­ZER Wer die Ge­rech­tig­keits­dis­kus­si­on so führt, dem muss klar sein: Wir än­dern die Un­ter­neh­mens­struk­tur in Deutsch­land. Letzt­lich fehlt beim Be­triebs­über­gang ge­zahl­te Erb­schaft­steu­er für den Er­halt und die Schaf­fung von Ar­beits­plät­zen und für In­ves­ti­tio­nen. Zu­mal wir in Deutsch­land bis­her ei­nen Kon­sens hat­ten, dass wir die Un­ter­neh­menser­trä­ge be­steu­ern und nicht die Sub­stanz ei­nes Un­ter­neh­mens. Die Erb­schaft­steu- er ist ei­ne Sub­stanz­steu­er. Wenn ich al­so den bis­he­ri­gen Kon­sens auf­ge­ben will, muss ich auch da­mit le­ben, dass ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in Deutsch­land so kei­ne Zu­kunft mehr ha­ben. Könn­ten wir 2016 noch mal ei­ne Mil­li­on neue Flücht­lin­ge ver­kraf­ten? SCHWEIT­ZER Wich­tig ist, dass wir es schaf­fen, die Zahl der an­kom­men­den Flücht­lin­ge zu re­du­zie­ren. Wenn es rich­tig ist, dass 60 Pro­zent ei­ne Blei­be­per­spek­ti­ve ha­ben, dann müs­sen wir die an­de­ren 40 Pro­zent wie­der rasch in die Her­kunfts­län­der zu­rück­schi­cken. Die, die blei­ben, müs­sen wir mit Hoch­druck in­te­grie­ren. Nur we­ni­ge Flücht­lin­ge ha­ben ei­ne be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on, und na­he­zu kei­ner kann die deut­sche Spra­che. Wir dür­fen da kei­nen Il­lu­sio­nen un­ter­lie­gen: Im Durch­schnitt dau­ert der In­te­gra­ti­ons­pro­zess sie­ben bis zehn Jah­re. Die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern en­ga­gie­ren sich mit ei­nem bun­des­wei­ten Pro­gramm „An­kom­men in Deutsch­land“mit 20 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr und 170 Mit­ar­bei­tern. Soll es auch Aus­nah­men vom Min­dest­lohn für Flücht­lin­ge ge­ben? SCHWEIT­ZER Es wä­re völ­lig falsch, Aus­nah­men vom Min­dest­lohn nur für Flücht­lin­ge zu ma­chen. Das Letz­te, was wir brau­chen, ist, in­län­di­sche und aus­län­di­sche Ar­beit­neh­mer ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Ein An­satz wä­re es je­doch, Prak­ti­kan­ten grund­sätz­lich nicht nur drei Mo­na­te, son­dern sechs Mo­na­te vom Min­dest­lohn aus­zu­neh­men. Da­von wür­den dann Flücht­lin­ge und an­de­re jun­ge Men­schen hier­zu­lan­de glei­cher­ma­ßen pro­fi­tie­ren. Sie und Un­ter­neh­men hät­ten so län­ger Zeit, sich ken­nen­zu­ler­nen.

FOTO: LAIF

Eric Schweit­zer ist Prä­si­dent des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK), der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on der 80 IHKs.

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