Hoch le­be Char­lie Brown

Die Pea­nuts kom­men ins Ki­no, und zwar in 3D. Wer sich fragt, ob so viel tech­ni­scher Auf­wand den fei­nen Ge­schich­ten nicht scha­de, sei be­ru­higt. Die Pro­duk­ti­on be­wahrt den Zau­ber der zeit­lo­sen Vor­la­ge. Ei­ne Ver­beu­gung.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜSSELDORF Es ist rüh­rend, die­sen Film zu se­hen. Die „Pea­nuts“sind ja nicht ir­gend­wel­che Co­mic­fi­gu­ren, sie sind wie wir, das darf man oh­ne zu über­trei­ben wohl sa­gen, und ih­re Aben­teu­er sind un­ser Le­ben. Wer sich nun al­so die­sen Film an­sieht, der blickt in ei­nen Spie­gel.

Da­bei mag man sich zu­nächst fra­gen, ob das wirk­lich sein muss, die Pea­nuts in 3D. Ob da nicht viel ver­lo­ren geht vom Charme der ein­fa­chen Bil­der­ge­schich­ten, die der

Das Sen­sa­tio­nel­le an die­sem Film: Man sieht erst­mals das klei­ne rot­haa­ri­ge Mäd­chen

im Jahr 2000 ge­stor­be­ne Charles M. Schulz von 1950 an ver­öf­fent­lich­te. Doch die Mo­der­ni­sie­rung scha­det dem Stoff nicht. Der epi­so­disch an­ge­leg­te Film wirkt wie ein „Best of“der be­kann­ten Mo­ti­ve und Fi­gu­ren; da wur­de lie­be­voll col­la­giert und kom­pi­liert, und man be­geg­net al­lem und al­len ger­ne wie­der. Man­ches ge­rät zwar zu lang, et­wa die Traum­se­quen­zen, die Sno­o­py als Flie­ger-Ba­ron im Ers­ten Welt­krieg zei­gen. Man­ches ist auch ein biss­chen kon­stru­iert, et­wa die Ge­schich­te mit dem Schul­test, bei dem aus­ge­rech­net Char­lie Brown als ein­zi­ger die vol­le Punkt­zahl er­reicht ha­ben soll. Der Vor­zug die­ses Films ist je­doch, dass er den Kern der Ge­schich­ten hegt und pflegt, dass er ih­ren Zau­ber be­wahrt.

Die Pea­nuts le­ben in ei­nem eigenartigen Zu­stand. Es ist die im­mer­wäh­ren­de Kind­heit in der Vor­stadt, aber ei­ne Kind­heit, die nach der Rei­fe kommt. Das Ver­hal­ten die­ser wei­sen Kin­der spie­gelt die Pro­ble­me der Er­wach­se­nen, von de­nen man nur ge­le­gent­lich ein Bein sieht oder ei­nen Arm, und wenn die Er­wach­se­nen mal re­den, kann man sie nicht ver­ste­hen, denn statt ih­rer Stim­men hört man le­dig­lich das Trö­ten ei­ner Po­sau­ne. Ge­nau ge­nom­men ist das schein­ba­re Pa­ra­dies der Pea­nuts – das Ge­wor­fen­sein in sei­ne Zeit-, Ort- und Aus­weg­lo­sig­keit – al­so die Höl­le. Und tat­säch­lich gibt es klu­ge Men­schen wie Um­ber­to Eco, die Be­ckett, Sart­re und Ca­mus zi­tie­ren, um das Phä­no­men Pea­nuts zu er­klä­ren. Exis­ten­zia­lis­mus, aber in bunt.

Das Groß­ar­ti­ge an die­ser Grup­pe kind­li­cher Freun­de ist nun, dass sie den Um­stän­den be­herzt trot­zen, in­dem sie hof­fen. Es gibt ei­ne herr­li­che Sze­ne in die­sem neu­en Film, da öff­net Char­lie Brown am Mor­gen sei­nen Klei­der­schrank. Dar­in hän­gen aus­schließ­lich die be­rühm­ten gel­ben T-Shirts mit dem brau­nen, ge­zack­ten Strei­fen, wohl ein Dut­zend da­von. Statt ein­fach eins her­aus­zu­grei­fen, steht Char­lie Brown da und über­legt; er zer­bricht sich den Kopf dar­über, wel­ches er denn neh­men soll, und dann fischt er ei­nes her­aus, und es ist das rich­ti­ge. Schö­ner kann man nicht ins Bild brin­gen, wie das ist, als Mensch ei­nen neu­en Tag zu be­gin­nen und so zu tun, als ha­be man ei­ne Wahl.

Die Cha­rak­te­re, die den Pea­nutsFi­gu­ren als Vor­bil­der die­nen, hat fast je­der Mensch in sei­nem Be­kann­ten­kreis. Je­der kennt ei­ne Lu­cy und ei­nen Schro­eder. Glück­lich zu­dem, wer auch ei­ne Pep­per­mint Pat­ty kennt, und fast je­der hat wie Char­lie Brown mehr Er­fah­rung mit dem Ver­lie­ren als mit dem Ge­win­nen. Man kann zu­dem so ziem­lich je­de my­thi­sche Fi­gur in die­sen Co­mics wie­der­fin­den, am häu­figs­ten aber Si­sy­phos. Le­ben ist ein ste­hen­der Sturm­lauf; es geht dar­um, es wie­der zu ver­su­chen, wie­der zu schei­tern, bes­ser zu schei­tern. Le­ben heißt auch, be­harr­lich der Er­in­ne­rung ans Pa­ra­dies nach­zu­spü­ren, und das tun Char­lie Brown und sei­ne Freun­de. Falls es doch mal all­zu hart kom­men soll­te, ist da im­mer noch die Schmu­se­de­cke von Li­nus. Die heißt im ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal üb­ri­gens „sa­fe­ty blan­ket“, Si­cher­heits­de­cke al­so: Sie schützt vor der Zu­d­ring­lich­keit der Rea­li­tät.

In die­ser mensch­li­chen Ko­mö­die ist Char­lie Brown der­je­ni­ge, der nicht auf­hört, nach Zärt­lich­keit und Zu­stim­mung zu su­chen, nach dem Ge­lin­gen. Er trifft den Foot­ball nie, sei­ne Dra­chen blei­ben nicht in der Luft. Aber er pro­biert es wie­der. Sein Seh­nen gibt ihm die Tran­szen­denz, die der Mensch zum Wei­ter­ma­chen braucht, und per­so­ni­fi­ziert wird das Ziel die­ses Trach­tens in der Fi­gur des klei­nen rot­haa­ri­gen Mäd­chens, in das sich Char­lie Brown ver­liebt hat. Es ist bei den bei­den wie mit dem Esel und der Möh­re: Er rennt ihr auf ewig hin­ter­her und er­reicht sie nicht, und dass er über­haupt rennt, liegt an der Möh­re, und oh­ne die Möh­re gä­be es kei­ne Be­we­gung. Esel und Möh­re, so tra­gisch ist der All­tag – und so ab­surd und lus­tig. Das klei­ne rot­haa­ri­ge Mäd­chen ist Pro­jek­ti­ons­flä­che für al­les Schö­ne, für das Ide­al, die Rück­kehr ins Pa­ra­dies. Sie ist die Tür ins Glück, sie ist al­les, was nie der Fall sein wird, der Traum von der bes­se­ren Welt, vom bes­se­ren Selbst.

Im neu­en Film kommt Char­lie Brown dem klei­nen rot­haa­ri­gen Mäd­chen sehr na­he, und das sind viel­leicht die schöns­ten Stel­len die­ser Pro­duk­ti­on. Ein biss­chen scha­de ist al­ler­dings, dass man das Mäd­chen nun tat­säch­lich sieht, dass der Schlei­er fällt und es ein Ge­sicht hat, ob­wohl die Co­mics es stets bei ei­nem Sche­men be­las­sen ha­ben. Dort blieb das klei­ne rot­haa­ri­ge Mäd­chen be­wusst ein Phan­tom, weil ja je­der ein an­de­res Ge­sicht vor sei­nem in­ne­ren Au­ge hat, wenn er an das Glück denkt.

Man kann es ganz gut aus­hal­ten in die­ser Welt, man kann sich ein­rich­ten in der Ver­zagt­heit, wenn man so auf­rich­tig wie die Pea­nuts lebt und sich Ar­g­lo­sig­keit und Nai­vi­tät be­wahrt. Das ist die Leh­re des Charles M. Schulz: Man braucht ei­gent­lich nur Hu­mor, Freund­schaft und ei­ne Schmu­se­de­cke. Wer weiß, viel­leicht zieht Lu­cy den Foot­ball ei­nes Ta­ges nicht mehr weg, viel­leicht bleibt der Dra­che tat­säch­lich am Him­mel. Und viel­leicht reicht ei­nem das klei­ne rot­haa­ri­ge Mäd­chen die Hand.

FOTO: DPA

Die Pea­nuts im neu­en Film (v.l.): Fran­klin, Lu­cy, Sno­o­py, Li­nus, Char­lie Brown, Pep­per­mint Pat­ty, Sal­ly.

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