Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Gran­ny“, sag­te ich, und nach ei­nem kur­zen Blick auf den Oran­gen­saft fiel mir ein, was ich sa­gen könn­te. „Mei­ne Ärz­tin, Dr. Mer­cer, meint, dass mei­ne Pro­ble­me et­was mit dem Ma­gen­pfört­ner zu tun ha­ben könn­ten, das ist der Mus­kel, der da­für zu­stän­dig ist, Nah­rung in den Ma­gen oder viel­leicht auch wie­der her­aus ge­lan­gen zu las­sen. Es ist ein sehr heik­ler Mecha­nis­mus, und man soll­te ihm kei­nen Zwang an­tun. Wür­de ich jetzt zum Bei­spiel –“

Ich brach ab, denn ich woll­te nicht nä­her über ir­gend­wel­che Kör­per­tei­le nach­den­ken, je­den­falls nicht so­lan­ge mein Ham­mer, Am­boss und Steig­bü­gel da oben drin ta­ten, was sie ge­ra­de ta­ten. An­de­rer­seits hat­te es kei­nen Sinn, mich Gran ge­gen­über zu zie­ren. Ich muss­te ir­gend­wie auf die Bei­ne kom­men und die­sem Tag ins Au­ge bli­cken, und ei­ne Mög­lich­keit, das zu er­rei­chen, war, ein biss­chen was zu es­sen. Den Ma­gen­pfört­ner zu sta­bi­li­sie­ren, und viel­leicht wür­den Ham­mer, Am­boss und Steig­bü­gel sich dann ja an­schlie­ßen.

„Pass auf“, sag­te ich, „lass uns mal Fol­gen­des ver­su­chen, ein­fach auf Ver­dacht. Ich quir­le ein Ei in den Oran­gen­saft, viel­leicht tut’s das.“

Gran­ny schau­te ver­wirrt drein, aber ich er­klär­te ihr das Prin­zip des ro­hen Eis nicht; es lin­dert Auf­ruhr, aber man darf nicht dar­über re­den. Ich trug mei­nen Oran­gen­saft zu der Ar­beits­plat­te ne­ben dem Spül­be­cken, kipp­te ihn zur Hälf­te in den Mi­xer, schlug ein Ei hin­ein und be­tä­tig­te den Schal­ter, was mir Lärm, aber auch ein schau­mi­ges, ei­ni­ger­ma­ßen ver­träg­lich aus­se­hen­des Ge­tränk ein­brach­te. Ich goss es in ein klei­ne­res Glas, ging da­mit zu­rück zur The­ke, sag­te: eins, zwei, drei und nahm ei­nen Schluck, dann hol­te ich drei­mal tief Luft und trank ei­nen wei­te­ren Schluck, und nach dem drit­ten war ich end­lich in der La­ge, so­wohl zu trin­ken als auch zu den­ken. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wann ich je vom Ma­gen­pfört­ner ge­hört hat­te, wahr­schein­lich in der Schu­le, aber ich war froh, dass er mir ein­ge­fal­len war – das war ei­ne in­tel­li­gen­te me­cha­ni­sche Theo­rie, die ich da ein­fach so aus dem Är­mel ge­schüt­telt hat­te: dem Ma­gen­pfört­ner kei­nen Zwang an­tun, den Ver­schluss nicht blo­ckie­ren. Wenn man mit ihm ko­ope­riert, tut er es auch. Und ich wuss­te jetzt, wenn ich die an­de­re Hälf­te des Oran­gen­safts mit ei­nem wei­te­ren ro­hen Ei und ei­nem or­dent­li­chen Schuss Co­gnac in den Mi­xer ge­ben könn­te, wür­de ich mög­li­cher­wei­se wie­der zu der Frau wer­den, die ich bin, oder je­den­falls zu der, die ich für die­sen An­lass wer­den muss­te. Die Fra­ge war nur, wie ich das ein­fä­deln soll­te.

„Weißt du noch“, sag­te ich zu Gran, „wie Ju­dy und ich frü­her vor dem Es­sen im­mer ei­nen Ess­löf­fel Port­wein schlu­cken muss­ten?“

„Nein, wann war das denn?“, frag­te Gran.

„Es war Dr. Bar­nes’ Idee“, sag­te ich, „als wir schlech­te Blut­wer­te hat­ten. Und das ent­spricht so un­ge­fähr der Theo­rie mei­ner Ärz­tin zu mei­nem Ma­gen­pfört­ner-Pro­blem. Das ro­he Ei wirkt be­ru­hi­gend und der Port­wein an­re­gend. Schau­en wir mal, was das Haus zu bie­ten hat.“

Ich guck­te in das Schränk­chen un­ter dem Tre­sen, aber dies­mal beug­te ich mich nicht vor. Ich mach­te ei­ne tie­fe Knie­beu­ge und in­spi­zier­te dann auf­recht, aber in der Ho­cke, die Vor­rä­te. In der ers­ten Rei­he stand ei­ne Co­gnac­fla­sche, Fi­ve-star-Hen­nes­sy, oh­ne Ver- schluss und mit kleb­ri­gem Hals, sehr lie­der­lich, und ich hielt sie ins Licht, um mir zu be­stä­ti­gen, was ich ver­mu­te­te und auch va­ge in Er­in­ne­rung hat­te: leer. Ich stell­te sie wie­der zu­rück, hin­ter die an­de­ren, und fand ei­ne Fla­sche Wod­ka, die ich zu­sam­men mit mei­nem ur­sprüng­li­chen, halb­vol­len Glas Oran­gen­saft zum Spül­be­cken trug. Mei­ne Groß­mut­ter leg­te ge­ra­de Speck in ei­ne Brat­pfan­ne, hielt jetzt aber in­ne, stell­te sich ne­ben mich und sah mir zu.

„Das ist aber kein Port­wein“, sag­te sie. „Oder?“

„Wei­ßer Port­wein“, sag­te ich, die Hand über dem Eti­kett. „Was an­de­res schei­nen wir nicht zu ha­ben.“Ich gab ei­ne wohl­be­dach­te Por­ti­on in den Mi­xer, trat ans Schränk­chen, voll­führ­te wie­der mein Plié und räum­te die Fla­sche ganz nach hin­ten, dann ging ich zu­rück, kipp­te den Oran­gen­saft da­zu, schlug ein wei­te­res Ei hin­ein und mix­te al­les durch.

„Soll­test du mal kei­ne Idee ha­ben, was du uns zum Ge­burts­tag schen­ken kannst“, sag­te ich, „wir könn­ten ei­nen Mi­xer ge­brau­chen.“

Ich goss das Ge­tränk in mein Glas, ließ Was­ser in den Mi­xer lau­fen und setz­te mich an den Tre­sen.

„Ich hat­te ei­gent­lich ge­dacht“, sag­te Gran, „dass wir Ju­dy und Jack ei­nen zur Hoch­zeit schen­ken könn­ten. Jack macht köst­li­che Erd­beerMilks­hakes. Dar­an hät­ten sie im nächs­ten Win­ter si­cher ih­re Freu­de.“

Mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit sie von Ju­dy und Jack sprach – als wä­ren es Fi­gu­ren in ei­nem Grund­schul-Le­se­buch. Hüpf, Jack, hüpf. Renn, Ju­dy, renn. Hüpft und rennt, Jack und Ju­dy. Scher dich zum Teu­fel, Jack. Renn, renn, renn, Ju­dy. Renn und ver­steck dich. Neu­es Wort. „Wie wä­re es“, sag­te Gran, „wenn ich ei­nen kau­fe, den du ih­nen dann schenkst.“

„War­um?“, frag­te ich ziem­lich laut. Mein Ma­gen­pfört­ner streik­te nicht, aber wer wuss­te schon, was pas­sie­ren wür­de, wenn die Un­ter­hal­tung so wei­ter­ging.

„Ach, ich dach­te ein­fach, es wä­re ei­ne net­te Idee“, sag­te Gran. „Hast du denn et­was für sie?“

„Selbst­ver­ständ­lich.“„Das ist ja schön. Ich hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass du ge­nug Zeit ha­ben wür­dest, um et­was für sie zu be­sor­gen. Was ist es denn?“Ich ver­säum­te es, zu ant­wor­ten, und Ver­säum­nis­se gou­tiert mei­ne Groß­mut­ter gar nicht. „Wenn es nicht zu viel ver­langt ist“, rang sie sich durch nach­zu­ha­ken, „wüss­te ich gern, was du für die bei­den be­sorgt hast.“Ich hät­te es ihr jetzt sa­gen kön­nen – wie ich die Sa­che sah, wie wir bei­de die Sa­che sa­hen, was wir ges­tern Nacht be­schlos­sen hat­ten –, in der Hoff­nung, dass ih­re Zu­nei­gung zu uns bei­den als Zwei­er­ge­spann sie auf un­se­re Sei­te zie­hen wür­de. Aber mir war we­der nach Über­zeu­gungs­ar­beit zu­mu­te, noch fühl­te ich mich zu dem Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und Charme im­stan­de, die solch ei­ne Er­klä­rung er­for­der­te. „Du wür­dest wirk­lich gern wis­sen, was ich für die bei­den be­sorgt ha­be, stimmt’s?“„Na­tür­lich. Das ist wie Weih­nach­ten, nur bes­ser.“„Al­so gut“, sag­te ich. „Was Hoch­geis­ti­ges.“Gran­ny schenk­te mir ein rei­zen­des Lä­cheln. „Wirk­lich, Cas­sie? Von wem denn?“

(Fort­set­zung folgt)

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