End­lich Ge­bor­gen­heit

Antje Wey­er und ihr Mann ha­ben Pfle­ge­kin­der bei sich auf­ge­nom­men. Ei­ne zwei­te Chan­ce für die Schütz­lin­ge, die teil­wei­se schwer trau­ma­ti­siert sind. Erst lang­sam ha­ben sie ge­lernt, dass sie in ih­rer neu­en Fa­mi­lie in Si­cher­heit sind.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CA­RO­LIN SKIBA

DÜSSELDORF Ei­ne Fa­mi­lie auf Zeit woll­ten die Wey­ers* nie sein. Wenn sie je­mand in ih­re Ob­hut neh­men, wenn sie sich für ei­nen Men­schen ent­schei­den, soll der auch blei­ben dür­fen. Das hört sich selbst­ver­ständ­lich an, für El­tern zu­mal. Ist es aber nicht. Die Wey­ers ha­ben Nach­wuchs von Frem­den bei sich auf­ge­nom­men, oft aus de­so­la­ten Ver­hält­nis­sen. Vier Kin­der ins­ge­samt, zu­sätz­lich zu ih­ren zwei ei­ge­nen. Dar­aus macht Antje Wey­er kein Hehl. We­der vor Frem­den noch vor ih­ren Schütz­lin­gen. Es än­dert auch nichts dar­an, dass sie al­le glei­cher­ma­ßen liebt. Und wenn die Kin­der fra­gen, sagt sie: „Ihr kommt nicht aus mei­nem Bauch, son­dern aus mei­nem Her­zen.“

Dass die 50-Jäh­ri­ge ein­mal vier wei­te­re zu ih­ren zwei leib­li­chen Kin­dern ha­ben wür­de, war nicht ge­plant. „Ei­nes Ta­ges kam ein Pär­chen, das wir schon lan­ge kann­ten, mit ei­nem frem­den Kind an der Hand an“, er­zählt Wey­er. Ein Pfle­ge­kind, wie sich her­aus­stell­te. Das

„Uns ging es so gut, wir hat­ten ge­sun­de Kin­der, war­um soll­ten wir nicht et­was zu­rück­ge­ben?“

Antje Wey­er Pfle­ge­mut­ter klei­ne Mäd­chen brach­te die Wey­ers ins Grü­beln. „Uns ging es so gut, wir hat­ten ge­sun­de Kin­der und gu­te Jobs – war­um soll­ten wir nicht et­was zu­rück­ge­ben?“

So leicht war es dann aber doch nicht. Ein An­ruf beim Ju­gend­amt war der nächs­te Schritt, um zu er­fah­ren, was die Vor­aus­set­zun­gen sind, um ein Pfle­ge­kind auf­zu­neh­men. An ers­ter Stel­le steht ein ge­re­gel­tes Ein­kom­men, an zwei­ter Stel­le ge­nü­gend Platz. All das hat Fa­mi­lie Wey­er, die auf ei­nem gro­ßen Bau­ern­hof am Nie­der­rhein mit vie­len Tie­ren und noch mehr Frei­raum wohnt. Es folg­ten vie­le per­sön­li­che Ge­sprä­che und ein Wo­che­n­end­se­mi­nar für wer­den­de Pfle­ge­el­tern. „Das war sehr gut. Dort hat man et­was über Rech­te, Pflich­ten und auch über Her­kunfts­fa­mi­li­en er­fah­ren.“Fast ein Jahr be­such­ten die Wey­ers die Pfle­ge­el­tern­grup­pe, wo über al­les of­fen und ehr­lich ge­spro­chen wird. Und sag­ten sich im­mer, die schlim­men Ge­schich­ten, die wer­den wir nicht er­le­ben. Wie das eben so ist. Bis sie Jens auf­nah­men.

Jens’ Mut­ter hat­te wäh­rend der Schwan­ger­schaft ge­trun­ken. Sein Le­ben wur­de da­durch un­wi­der­ruf­lich ge­prägt. Er ist geis­tig be­hin­dert, wird nie al­lein le­ben kön­nen. Als er zu den Wey­ers kam, war das al­les noch nicht ab­zu­se­hen. Erst nach und nach zeig­te sich das Aus­maß der Schä­di­gung. Ihn wie­der ab­zu­ge­ben, dar­an hat die Fa­mi­lie trotz­dem nie ge­dacht. „Jens ist mit drei­ein­halb Jah­ren zu uns ge­kom­men. Sei­ne El­tern moch­ten uns zu­erst nicht. Aber wir ha­ben ih­nen klar ge­macht, dass wir ihn nicht raus­ge­nom­men, son­dern auf­ge­nom­men ha­ben und nur wol­len, dass es ihm rich­tig gut geht“, sagt Antje Wey­er.

Na­tür­lich sind nicht im­mer al­le El­tern gut auf die Pfle­ge­fa­mi­lie zu spre­chen. Nur in man­chen Fäl­len wen­den sich Er­wach­se­ne, die über­for­dert mit ih­ren Zög­lin­gen sind, selbst ans Ju­gend­amt. Das sind Glücks­fäl­le, da die­se Men­schen ein­ge­se­hen ha­ben, dass sie ih­ren Schutz­be­foh­le­nen nicht gut tun. Meis­tens ist es das Ju­gend­amt, dass die Kin­der aus den Fa­mi­li­en holt. Das kann zu Span­nun­gen füh­ren.

So lief es auch mit Ben­ja­mins Er­zeu­gern nicht im­mer gut. Der heu­te 13-Jäh­ri­ge soll­te zu­nächst nur für kur­ze Zeit blei­ben, doch die Wey­ers woll­ten ihn nicht mehr weg­ge­ben. Um ihn zu be­hal­ten, gin­gen sie bis zum obers­ten Lan­des­ge­richt. „Es gab ja Grün­de für un­se­re Ent­schei­dung“, sagt Wey­er. So er­litt Ben­ja­min, be­vor er zu den Wey­ers durf­te, ei­ne Hirn­blu­tung. Die Ärz­te ver­mu­te­ten, dass die El­tern über­for­dert wa­ren und ih­ren Sohn ge­schüt­telt hat­ten. Mitt­ler­wei­le sind die El­tern ein­ver­stan­den, dass ihr Sohn bei den Wey­ers lebt. Sie ha­ben so­gar ein Al­bum mit Ba­by­fo­tos ge­schickt, doch das will der Jun­ge nicht se­hen. Antje Wey­er be­wahrt die Bil­der trotz­dem auf, falls ih­re Kin­der ei­nes Ta­ges wis­sen wol­len, wo ih­re Wur- zeln lie­gen. Dass die Kin­der kei­nen Kon­takt zu ih­ren leib­li­chen El­tern wol­len, kann die Pfle­ge­mut­ter ih­nen nicht ver­übeln. Sie wur­den nicht grund­los in Ob­hut ge­nom­men. Teil­wei­se ha­ben sie Ge­walt erlebt, nie ha­ben sich die El­tern aus­rei­chend um sie ge­küm­mert. „Oft sind Al­ko­hol oder Dro­gen im Spiel und die El­tern über­for­dert“, er­klärt Wey­er. Sie ver­dam­me die­se Men­schen nicht, sagt sie, „die kön­nen ein­fach nicht an­ders.“Trotz­dem: Die Kin­der tra­gen ei­ne gro­ße Bür­de, sind teil­wei­se bin­dungs­un­fä­hig, schwer trau­ma­ti­siert. „Da sind Din­ge, die ste­cken rich­tig tief.“Bis ei­ner ih­rer Söh­ne auf­ge­hört hat, die Ar­me aus Angst vor Schlä­gen um den Kopf zu sch­lin­gen, wenn je­mand ge­klatscht hat, dau­er­te Jah­re. „Am An­fang ha­ben wir noch ge­dacht, mit Lie­be geht al­les.“

Die Wirk­lich­keit sah aber an­ders aus, war schwie­ri­ger zu kit­ten. Ei­ne ih­rer Töch­ter hat sich am An­fang selbst ver­letzt, hat ih­ren Kopf auf den har­ten Bo­den ge­schla­gen. Ein an­de­rer ih­rer Zög­lin­ge hat re­gel­mä­ßig den Kühl­schrank leer ge­räumt und die Le­bens­mit­tel ge­hor­tet.

„Die­se Kin­der muss­ten in ih­ren Fa­mi­li­en teil­wei­se ums Über­le­ben

kämp­fen“

Antje Wey­er Pfle­ge­mut­ter „Die­se Kin­der muss­ten in ih­ren Fa­mi­li­en teil­wei­se ums Über­le­ben kämp­fen. Wo­her soll­ten sie denn plötz­lich wis­sen, dass ich ih­nen je­den Tag et­was zu es­sen ge­be, sie an­zie­he und nicht drau­ßen ver­ges­se, wenn sie spie­len?“

Das al­les muss­ten ih­re Pfle­ge­kin­der ler­nen. Ge­nau­so wie es für die Wey­ers ein müh­sa­mer Weg war. Trotz­dem be­reu­en sie nichts, wür­den es im­mer wie­der tun. Ob­wohl sie sich im­mer wie­der vor dem Ju­gend­amt, vor Gut­ach­tern und Be­hör­den „aus­zie­hen“müs­sen, wie Wey­er sagt. „Die wol­len al­les wis­sen. Schau­en sich je­den Win­kel des Hau­ses an, stel­len je­de er­denk­li­che Fra­ge und hö­ren nie auf, ei­ne Rol­le in dei­nem Le­ben zu spie­len. Wir hat­ten da aber gro­ßes Glück und tol­le So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen.“

Glück hat­ten aber vor al­lem die Kin­der, weil sie ei­ne zwei­te Chan­ce be­kom­men ha­ben. Bei al­len vier war re­la­tiv bald klar, dass sie mög­lichst nicht auf Zeit, son­dern für im­mer blei­ben soll­ten, wenn denn die Che­mie stim­me. Das war den Wey­ers wich­tig, auch dem ei­ge­nen Nach­wuchs zu­lie­be. Wie recht sie mit ih­rer Ein­schät­zung hat­ten, zeigt der Um­stand, dass sich al­le Kin­der gut ent­wi­ckelt ha­ben. Weil al­le als klei­ne Kin­der in die Fa­mi­lie ka­men, sind die Bin­dun­gen eng, hat­ten Zeit zu wach­sen, sich zu ver­flech­ten. Na­tür­lich liegt es auch dar­an, was die Wey­ers zu ge­ben hat­ten: Re­geln, Halt und vor al­lem Lie­be. Mit der lässt sich viel­leicht nicht al­les re­geln, aber – fast al­les. *Na­men ge­än­dert

FOTO: LAIF

Durch Re­geln, Halt und vor al­lem Lie­be ha­ben es die Wey­ers ge­schafft, dass sich ih­re Pfle­ge­kin­der ge­bor­gen füh­len und gut ent­wi­ckelt ha­ben. Sie ge­hö­ren mitt­ler­wei­le ge­nau­so zur Fa­mi­lie wie die leib­li­chen Kin­der.

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