Der Qu­er­trei­ber

Mit 35 Jah­ren gilt Jens Spahn als ei­nes der gro­ßen Ta­len­te in der Uni­on, wenn­gleich er auch nicht da­vor zu­rück­schreckt, die Kanz­le­rin zu kri­ti­sie­ren. Ein Spa­zier­gang mit ihm und sei­nem Le­bens­ge­fähr­ten über den Weih­nachts­markt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON MAXIMILIAN PLÜCK

BER­LIN Das Ther­mo­me­ter in Ber­lin zeigt an die­sem Mit­tag früh­lings­haf­te 14 Grad. Der Weih­nachts­markt am Gen­dar­men­markt hat ge­ra­de sei­ne To­re ge­öff­net. Nur noch we­ni­ge St­un­den bis Hei­lig­abend. Men­schen drän­gen sich vor­bei an Glüh­wein­stän­den, Holz­hüt­ten mit Ge­klöp­pel­tem und Ge­schnitz­tem. Zwei hoch­ge­wach­se­ne Per­so­nen ste­hen an ei­ner Bu­de mit ge­brann­ten Man­deln und flach­sen mit der ita­lie­ni­schen Ver­käu­fe­rin. Der ei­ne, Da­ni­el Fun­ke, ist Jour­na­list, be­rich­tet als Lei­ter des Ber­li­ner Haupt­stadt­bü­ros der „Bun­ten“über Stars, Stern­chen und Adel. Fun­ke ist schlank, der dunk­le Voll­bart ist adrett ge­stutzt. Die­ser Mann könn­te pro­blem­los Hoch­glanz­wer­bung für ei­nen Her­ren­aus­stat­ter ma­chen.

Der an­de­re ist ein Stück grö­ßer und et­was stäm­mi­ger. Auf­fal­lend sind die brau­nen, kurz ge­scho­re­nen Lo­cken und das ver­schmitz­te, her­aus­for­dern­de Grin­sen. Wäh­rend der Mann mit der Ita­lie­ne­rin über de­ren Her­kunft fach­sim­pelt, dre­hen sich im­mer wie­der Leu­te nach ihm um. „Ist das nicht?“Ja, er ist es: Jens Spahn, Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um, Mit­glied im Prä­si­di­um der Bun­des­CDU und häu­fi­ger Gast im Talk­show-Zir­kus der Re­pu­blik. Der aus NRW stam­men­de Po­li­ti­ker gilt mit ge­ra­de ein­mal 35 Jah­ren als ei­nes der gro­ßen Ta­len­te in der Uni­on.

Doch für den deut­schen Kon­ser­va­ti­vis­mus un­ty­pisch: Spahn und Fun­ke sind seit April 2013 ein Paar, ei­ne ge­mein­sa­me Freun­din hat­te sie bei ei­ner Be­ne­fiz-Ga­la auf­ein­an­der auf­merk­sam ge­macht. Seit ver­gan­ge­nem Herbst woh­nen sie zu­sam­men. Ein Schwu­ler in ho­hen CDUPar­tei- und Re­gie­rungs­äm­tern? Das ist im Jahr 2015 zwar im­mer noch nicht völ­lig selbst­ver­ständ­lich, doch das Er­re­gungs­po­ten­zi­al hat sich merk­lich ge­legt. „Deutsch­land, das Müns­ter­land und auch die CDU sind in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren deut­lich of­fe­ner und ge­las­se­ner ge­wor­den – in vie­ler­lei Hin­sicht“, sagt Spahn. Sein me­dia­les Ou­ting vor drei­ein­halb Jah­ren war viel mehr dem Zu­fall ge­schul­det, als dass es ein kal­ku­lier­ter Akt war. Ein Re­por­ter der „Süd­deut­schen Zei­tung“hat­te – „weil er ver­mu­te­te, dass das längst rum sei“– in ei­nem Ar­ti­kel dar­über be­rich­tet. Spahn ging und geht mit sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät nicht hau­sie­ren. Im erz­ka­tho­li­schen west­li­chen Müns­ter­land, nur un­weit der nie­der­län­di­schen Gren­ze, heißt es zwar, man kön­ne auch ei­ne Kuh oder ei­nen Holz­klotz bei der Bun­des­tags­wahl an­tre­ten las­sen, so­lan­ge ein CDU-Par­tei­buch vor­han­den sei. Die Fra­ge, ob die länd­lich ge­präg­te Be­völ­ke­rung ei­nen of­fen schwu­len Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten ak­zep­tie­ren wür­de, stand aber na­tür­lich im Raum. Zu­dem möch­te Spahn nicht auf das La­bel „schwu­ler Po­li­ti­ker“re­du­ziert wer­den.

Ge­scha­det hat Spahn sein Co­m­ing-out nicht. Sei­nen Wahl­kreis Bor­ken I/St­ein­furt I ge­wann er seit 2002 vier­mal di­rekt. Sei­ne Be­liebt­heit stieg nicht nur mit sei­nem po­li­ti­schen Vor­an­kom­men vom Hin­ter­bänk­ler bis zur Re­gie­rungs­bank, son­dern auch, weil er Pro­mi­nenz in die müns­ter­län­di­sche Pro­vinz lockt. Bei sei­nen öf­fent­li­chen Ge­sprächs­aben­den im Ahau­ser Ba­rock-Was­ser­schlöss­chen ge­ben sich hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter aus Wirt­schaft und Po­li­tik die Klin­ke in die Hand. Spahn wech­selt dann von der Rol­le des In­ter­view­ten zum In­ter­view­er.

Ei­ni­ge in der NRW-CDU se­hen in dem 35-Jäh­ri­gen be­reits ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Ar­min La­schet, falls die­ser 2017 schei­tern soll­te. Vie­le im Wahl­kreis ha­ben kein Pro­blem da­mit, dass Spahn bei Fern­seh­auf­trit­ten zu­wei­len rup­pig, bis­wei­len so­gar ar­ro­gant rü­ber­kommt. Ge­winnt ei­nes sei­ner Lei­bund Ma­gen­the­men in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung an Be­deu­tung, dau­ert es in der Re­gel nicht lan­ge, bis er un­auf­ge­for­dert State­ments ver­schickt. Ob­gleich als ver­sier­ter Fach­po­li­ti­ker an­er­kannt, hat der CDU-Po­li­ti­ker in der Ver­gan­gen­heit auch po­pu­lis­ti­sche The­men be­dient: die Ab­schaf­fung der Mehr­bett­zim­mer in Kli­ni­ken et­wa oder die fi­nan­zi­el­le Be­tei­li­gung der El­tern von ko­ma­s­au­fen­den Ju­gend­li­chen an de­ren Be­hand­lungs­kos­ten. Dass er sich mit sol­chen For­de­run­gen wür­de durch­set­zen kön­nen, dürf­te er wohl selbst nicht ge­glaubt ha­ben. Sie brach­ten ihm aber die nö­ti­ge Auf­merk­sam­keit. Lan­ge galt er als Qu­er­trei­ber – ei­ne Rol­le, die er auch als Mit­glied der Re­gie­rung nur schwer ab­le­gen kann. Im Zu­ge der Flücht­lings­kri­se schwang er sich zum Kri­ti­ker am Kurs der Kanz­le­rin auf. „Ich ma­che mir gro­ße Sor­gen, denn die ge­ra­de erst ge­won­ne­ne Of­fen­heit Deutsch­lands kommt gleich von zwei Sei­ten un­ter Druck“, sagt er nach­denk­lich. Ei­ner­seits be­fürch­te er auf­grund der Sor­gen vie­ler Bür­ger an­ge­sichts der wei­ter­hin stei­gen­den Zahl an Flücht­lin­gen ei­nen Rechts­ruck in der Be­völ­ke­rung. „An­de­rer­seits kom­men Hun­dert­tau­sen­de jun­ger Män­ner zu uns, die in ih­rer Hei­mat oft­mals ei­nen we­nig zim­per­li­chen Um­gang mit Frau­en, Ju­den oder Schwu­len erlebt ha­ben.“

Zwar dürf­te der Kanz­le­rin die Kri­tik ih­res Staats­se­kre­tärs nicht ge­ra­de ge­le­gen kom­men, am En­de ist er der Che­fin ge­gen­über je­doch im­mer

Jens Spahn Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär

im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um loy­al ge­we­sen. Ein Kol­le­ge im CDUPrä­si­di­um wit­zelt: „Er kri­ti­siert Mer­kel nur so hart, wie es die Kanz­le­rin er­laubt.“Auch der di­rek­te Vor­ge­setz­te, Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le, lässt sei­nem Staats­se­kre­tär Frei­raum.

Auf­merk­sam­keit be­kommt Spahn aber auch durch Auf­trit­te ge­mein­sam mit sei­nem Part­ner. Fun­ke stammt wie Spahn aus klein­städ­ti­schen Ver­hält­nis­sen – wenn auch aus dem Schwä­bi­schen. Erst­mals be­wusst in den Blick der Öf­fent­lich­keit rück­te Fun­ke beim Wahl­kri­mi wäh­rend des Bun­des­par­tei­tags im ver­gan­ge­nen Jahr. Ent­ge­gen den für die CDU üb­li­chen Frie­dens­wah­len, bei de­nen nur so vie­le Kan­di­da­ten fürs Prä­si­di­um an­tre­ten, wie Plät­ze zu ver­ge­ben sind, hat­te Spahn mit sei­ner Kan­di­da­tur die Wahl span­nend ge­macht. Aus­ge­rech­net ge­gen den Mann muss­te er sich durch­set­zen, der ihm nach den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen den Wun­sch­job als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter weg­ge­schnappt hat­te: Her­mann Grö­he. Der Nie­der­rhei­ner zog wäh­rend des Wahl­gangs sei­ne Kan­di­da­tur zu- rück. Spahn sieg­te. Das Bild, wie er und Fun­ke sich in die Ar­me fal­len, brach­te die „Ta­ges­schau“groß.

Nun tre­ten bei­de öf­ter zu­sam­men in der Öf­fent­lich­keit auf – ob Hän­de­schüt­teln mit der Queen oder ro­ter Tep­pich beim Bun­des­pres­se­ball. Sie ge­nie­ßen es. Re­gel­mä­ßig ge­ben bei­de in ih­rer Woh­nung Abend­es­sen mit Po­li­ti­kern jeg­li­cher Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, Kul­tur­schaf­fen­den und Jour­na­lis­ten. „Ich fin­de es span­nend, un­ter­schied­li­che Leu­te zu­sam­men­zu­brin­gen“, sagt Fun­ke. Ge­sel­lig­keit, Fa­mi­lie – all dies sind Wer­te, die für bei­de ei­ne gro­ße Rol­le spie­len. Ge­ra­de erst wa­ren sie bei Spahns Fa­mi­lie in Ot­ten­stein, „um Weih­nach­ten vor­zu­fei­ern“.

Das Paar wird auf­merk­sam, als ei­ne Fa­mi­lie mit drei klei­nen Kin­dern an der Krip­pe an­hält. Die Kin­der in­spi­zie­ren die Hei­li­ge Fa­mi­lie im Stall. Ob sie sich denn auch vor­stel­len könn­ten, ir­gend­wann ein­mal Kin­der auf­zu­zie­hen? Spahn und Fun­ke schau­en ein­an­der an, dann ni­cken sie: „Ja“, sagt Spahn, „schon denk­bar, dass wir auch ein­mal Kin­der ha­ben.“

INTERVIEW BAR­BA­RA HEND­RICKS (SPD) „Schon denk­bar, dass wir auch ein­mal Kin­der ha­ben“

FOTO: MARC-STEF­FEN UN­GER

Jens Spahn (r.) und sein Le­bens­ge­fähr­te Da­ni­el Fun­ke bei ei­nem Be­such auf dem Ber­li­ner Gen­dar­men­markt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.