Aa­chen ehrt den Papst als Stim­me des Ge­wis­sens

Fran­zis­kus er­hält den In­ter­na­tio­na­len Karls­preis 2016. Die Ver­lei­hung wird in Rom statt­fin­den.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON HORST THO­REN

AA­CHEN Die fro­he Bot­schaft kommt dies­mal aus Aa­chen: Papst Fran­zis­kus er­hält den Karls­preis. War­um? So fra­gen Kri­ti­ker, die den Hei­li­gen Va­ter zwar all­ge­mein lo­ben, sei­ne Ver­diens­te um Eu­ro­pa aber ver­mis­sen. Da­bei hat die­ser Papst wie kein an­de­rer der eu­ro­päi­schen Po­li­tik die Le­vi­ten ge­le­sen, in­dem er Ver­ant­wor­tung für Men­schen in Not ein­for­der­te und auch selbst den Flücht­lin­gen die Hand reich­te. Er fand Ge­hör, nicht übe­r­all, aber of­fen­sicht­lich bei der evan­ge­li­schen Pfar­rers­toch­ter An­ge­la Mer­kel, die aus christ­li­chem Mit­ge­fühl und po­li­ti­schem Prag­ma­tis­mus han­del­te und da­mit zum hel­fen­den En­gel für hun­dert­tau­sen­de Men­schen auf der Flucht wur­de. An­ge­la Mer­kel hät­te da­für den Karls­preis si­cher ver­dient. Sie hat ihn aber schon 2008 be­kom­men. Jetzt ist der Papst aus Süd­ame­ri­ka zum Vor­bild-Eu­ro­pä­er ge­wor­den, weil er die Sün­den der Ko­lo­ni­al­zeit gut­macht durch Wohl­ta­ten im hier und jetzt. Als mo­ra­li­sche In­stanz, als Welt­ge­wis­sen, hat er der eu­ro­päi­schen Po­li­tik den Spie­gel vor­ge­hal­ten und uns al­le an­ge­spro­chen, wenn er vom rei­chen Eu­ro­pa mehr for­dert als wohl­fei­le Al­mo­sen zur Weih­nachts­zeit.

Ob das Karls­preis­ko­mi­tee al­lein die­sen eu­ro­päi­schen Geist des so­zia­len Mit­ein­an­ders wür­digt oder bei der Preis­ver­ga­be auch auf die öf­fent­li­che Wir­kung des Paps­tes zielt, wird sich kaum klä­ren las­sen. Es ist aber durch­aus le­gi­tim, dass Aa­chen sich be­müht, durch gro­ße Na­men Wir­kung zu er­zie­len und dem Karls­preis neu­es Ge­wicht zu ge­ben. Das ist in der Ver­gan­gen­heit nicht im­mer ge­lun­gen. Papst Fran­zis­kus bie­tet jetzt als Preis­trä­ger die Fo­lie für ei­ne gro­ße, auch his­to­ri­sche In­sze- nie­rung. Schließ­lich wur­de der Na­mens­trä­ger des Prei­ses, Karl der Gro­ße, zu Weih­nach­ten des Jah­res 800 von Papst Leo in Rom zum Kai­ser ge­krönt. Der all­mäch­ti­ge Fran­ken­kö­nig, der mit Feu­er und Schwert ein Reich eu­ro­päi­scher Di­men­si­on schuf, steht für das christ­li­che, nicht un­be­dingt für das fried­li­che Eu­ro­pa. Der Preis aber wür­digt die fried­li­che Ei­ni­gung Eu­ro­pas und hat sei­ne Tra­di­ti­on im Frie­dens­pro­zess der Nach­kriegs­zeit mit Preis­trä­gern wie Ro­bert Schu­mann, Kon­rad Ade­nau­er, Wins­ton Chur­chill, Gis­card d´Esta­ing oder Kö­ni­gin Bea­trix. Da­zu passt Fran­zis­kus bes­tens. Er hat ei­ne Bot­schaft. Er bringt Glanz und öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit für die Kai­ser­stadt. Der Pon­ti­fex soll­te an sich in der Kai­ser-Pfalz, dem heu­ti­gen Rat­haus, die Eh­rung in Emp­fang neh­men. Sein Auf­tritt im wei­ßen Ge­wand könn­te auch der ka­tho­li­schen Kir­che in Deutsch­land hel­fen, sich auf die ei­ge­ne, seel­sor­ge­ri­sche Auf­ga­be zu kon­zen­trie­ren und das Ge­zänk um struk­tu­rel­le Gän­ge­lei auf­zu­ge­ben. Ei­ne schö­ne Vor­stel­lung: Der Papst in Aa­chen als Pil­ger am Schrein Karls des Gro­ßen. Da­zu wird es aber nicht kom­me – Fran­zis­kus bleibt im Va­ti­kan, der Preis kommt zu ihm.

Ei­gent­lich steht der hei­li­ge Karl, vor 850 Jah­ren zu Zei­ten Kai­ser Fried­rich Bar­ba­ros­sas aus macht­po­li­ti­schen Grün­den hei­lig­ge­spro­chen, für die eher un­hei­li­ge Rol­le der Kir­che. Im Jahr 1165 bot Karls Hei­lig­spre­chung dem schwan­ken­den Kai­ser die Mög­lich­keit, an die glor­rei­che Herr­schaft des all­mäch­ti­gen Vor­gän­gers an­zu­knüp­fen. Bar- ba­ros­sa sonn­te sich im Glan­ze Karls. Papst Fran­zis­kus kann mit sei­ner Strahl­kraft ver­gleich­ba­re Wir­kung er­zie­len. Sei­ne Eh­rung un­ter­streicht die Wer­tig­keit des Karls­prei­ses.

Die Au­ßen­wir­kung ist auch Mar­tin Schulz wich­tig, Der Prä­si­dent des Eu­ro­pa­par­la­ments, jüngs­ter Trä­ger des Karls­prei­ses und im Aa­che­ner Land zu Hau­se, sieht in al­lem die po­li­ti­sche Di­men­si­on. Grie­chen­land­kri­se, Fi­nanz­de­ba­kel, Flücht­lings­de­bat­te und Kli­ma­wan­del sind sei­ne The­men, die er als Eu­ro­pä­er mit Hei­mat im Drei­län­der­eck, nicht na­tio­nal, son­dern so­li­da­risch lö­sen will. Die Be­reit­schaft zur So­li­da­ri­tät ver­kör­pert der Papst. Schulz hät­te sich wohl auch Frank­reichs Prä­si­dent François Hol­lan­de als Preis­trä­ger vor­stel­len kön­nen. Nach den An­schlä­gen von Pa­ris und den An­grif­fen auf die Ka­ri­ka­tu­ris­ten von Char­lie Heb­do ha­be der Prä­si­dent den ver­ein­ten Kampf ge­gen den Ter­ror auf­ge­nom­men und deut­lich ge­macht, dass Eu­ro­pa sich die Frei­heit nicht ent­rei­ßen las­se.

Das Di­rek­to­ri­um hat ver­schie­de­ne Vor­schlä­ge dis­ku­tiert. Es soll auch um die Wür­di­gung der Flücht­lings­hil­fe ins­ge­samt ge­gan­gen sein, doch setz­te sich die Idee nicht durch, ei­nen frei­wil­li­gen Hel­fer bei­spiel­haft zu eh­ren. Schwie­rig war, so ver­lau­tet, die Ent­schei­dung des­halb, weil Eu­ro­pas Ei­ni­gungs­pro­zess auf­grund na­tio­na­ler Ego­is­men ge­fähr­det sei. Schulz spricht so­gar von ei­ner dro­hen­den Spal­tung und ei­ner ge­fähr­li­chen Ent­so­li­da­ri­sie­rung. Die Ent­schei­dung für den Papst, nach län­ge­rer Be­denk­zeit ge- trof­fen, löst den Preis von der Ebe­ne der Staats­len­ker. De­ren Ver­hal­ten war of­fen­sicht­lich nicht ge­eig­net, als eu­ro­paför­dernd ge­ehrt zu wer­den. Fran­zis­kus gibt dem Di­rek­to­ri­um die Chan­ce, ei­nen Re­for­mer mit Mut zu wür­di­gen, der kei­ne Rück­sicht auf Wäh­ler­stim­men neh­men muss. Der Papst ist nur ei­nem ver­pflich­tet – dem Al­ler­höchs­ten.

Der neue Preis­trä­ger ist ein Bü­ßer. Er hat der ka­tho­li­schen Kir­che die Un­schuld zu­rück­ge­ge­ben, in­dem er für Kreuz­zü­ge, In­qui­si­ti­on und Prunk­sucht Schuld an­er­kann­te. Das hat weit­rei­chen­de Fol­gen. Da­mit scheint es fünf Jahr­hun­der­te nach Lu­thers The­sen end­lich mög­lich, Eu­ro­pas Glau­bens­spal­tung zu­min­dest teil­wei­se zu über­win­den. Der Papst aus Süd­ame­ri­ka, der für ei­ne so­zia­le Kir­che steht, hat ge­schafft, was seit der Re­for­ma­ti­on die Chris­ten al­ler Kon­fes­sio­nen er­seh­nen: Ge­las­sen­heit im Um­gang mit­ein­an­der, Ver­ständ­nis für­ein­an­der. Sein Jahr der Barm­her­zig­keit, als hei­li­ges Pil­ger­jahr aus­ge­ru­fen, führt fort, was mit der Fa­mi­li­en­syn­ode im Herbst be­gon­nen wur­de. Der Pro­zess der Öff­nung, der Selbst­ver­ge­wis­se­rung, der nicht nur in­ner­kirch­lich wich­tig ist, hilft den Glau­ben­den, ih­re Rol­le in ei­nem ver­welt­lich­ten Um­feld zu fin­den. Er hat aber ei­ne eu­ro­päi­sche Di­men­si­on, wenn auch nicht al­le Bür­ger auf der blau­en Eu­ro­paf­lag­ge den Strah­len­kranz Ma­ri­ens er­ken­nen.

So kann die Eh­rung zum Got­tes­dienst wer­den, in je­dem Fall zum Hoch­amt für so­zia­le Ver­ant­wor­tung und eu­ro­päi­sche So­li­da­ri­tät. Die fro­he Bot­schaft aus Aa­chen, zur Weih­nachts­zeit ver­süßt mit Prin­ten, lau­tet: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“Wer den Papst will­kom­men heißt, darf Flücht­lin­ge nicht ab­wei­sen.

Der Papst hat ge­schafft, was Chris­ten er­seh­nen: Ge­las­sen­heit im Um­gang mit­ein­an­der, Ver­ständ­nis für­ein­an­der

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