Grieß­sup­pe als Fest­mahl

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA -

Ich er­in­ne­re mich, dass mei­ne Mut­ter, mein Bru­der und ich (da­mals 14) un­se­re lie­be Not hat­ten, in dem guss­ei­ser­nen Herd ein Feu­er an­ge­facht zu be­kom­men. Mit der „Schlamm­koh­le“war das näm­lich ein Kunst­stück. Al­le an­de­ren Räu­me wa­ren un­ge­heizt, mit Eis­blu­men an den Fens­tern. Vom al­ten Kull­mann, der im Be­sitz ei­ner Zie­ge war, be­ka­men wir ei­nen Li­ter Zie­gen­milch. Dar­aus fa­bri­zier­te mei­ne Mut­ter ei­ne köst­li­che Grieß­sup­pe mit ge­trock­ne­ten „Ost­mann’s Sup­pen­ge­wür­zen“, ein fürst­li­ches Weih­nachts­es­sen.

Es herrsch­te bei uns drei­en ein Grund­ge­fühl der Dank­bar­keit über zu­rück­ge­won­ne­ne Frei­heit vor, denn mei­ne Mut­ter hat­te bis zur An­kunft der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen im April 1945 we­gen Wehr­kraft­zer- set­zung seit De­zem­ber 1944 im Ge­fäng­nis ge­ses­sen. Als sie in mei­nem Bei­sein von der Gesta­po ver­haf­tet wur­de, war ich 13 Jah­re alt. Mein Bru­der hat­te mit sei­nen 19 Jah­ren den Krieg als Luft­waf­fen­hel­fer und Sol­dat heil über­stan­den. Un­se­re Woh­nung blieb von Bom­ben ver­schont. Dies al­les war Grund ge­nug, sich zu freu­en und dank­bar zu sein. Aber den­noch war un­se­re Stim- mung ge­drückt, da un­ser Va­ter, da­mals 54 Jah­re alt, noch in Ge­fan­gen­schaft war und wir nur spär­li­che Nach­rich­ten von ihm hat­ten.

Und so war es selbst­ver­ständ­lich, dass das Wich­tigs­te der Be­such der Mit­ter­nachts­met­te war. Die bre­chend vol­le Kir­che war un­ge­heizt, fast je­der hat­te sich ei­ne Woll­de­cke von zu Hau­se mit­ge­bracht. Die Men­schen ver­such­ten, durch Ge- sang und Ge­be­te ih­re Ge­füh­le im Zaum zu hal­ten. Denn fast je­der ver­miss­te ei­nen An­ge­hö­ri­gen, vie­le hat­ten ihr Zu­hau­se ver­lo­ren, vie­le hat­ten flüch­ten müs­sen, und al­le wa­ren arm und hung­rig. Da wird das Weih­nacht­sevan­ge­li­um zu ei­ner tröst­li­chen, fröh­li­chen Bot­schaft.

Es ist im­mer wie­der gut, dar­an er­in­nert zu wer­den, in wel­chem Lu­xus wir le­ben. Kar­la Geis­mann, Neuss

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