Un­ver­hoff­te Ga­ben

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA -

Am 4. Ad­vent 1945 ka­men wir – das sind Mut­ter mit fünf Kin­dern – aus der Eva­ku­ie­rung in Thü­rin­gen zu­rück, in ein zer­bomb­tes Oden­kir­chen und ein halb­zer­stör­tes Haus. Und dann war Weih­nach­ten. Die Jüngs­ten von uns wa­ren ge­spannt und freu­ten sich auf das Christ­kind. Ei­nen Tan­nen­baum hat­ten wir ja und selbst­ge­gos­se­ne Ker­zen. Auch die Krip­pe hat­te auf dem Spei­cher den Krieg über­lebt, und wir san­gen beim Ker­zen­schein Lie­der. Dann aßen wir Kar­tof­fel­sup­pe, und die Äl­tes­te konn­te die Trä­nen nicht zu­rück­hal­ten. Sie schob den Tel­ler weg. „Nicht ein­mal Weih­nach­ten et­was an­de­res als Kar­tof­fel­sup­pe!“Dann rann­te sie hin­aus. Wir schwie­gen. Un­ser stren­ger Va­ter sag­te: „An­de­re Kin­der ha­ben nicht ein­mal das. Al­so seid zu­frie­den.“

Dann schell­te es an der Tür. Aber da war nie­mand. Im Dun­keln stand ein Korb. Wir stan­den sprach­los vor lau­ter Kost­bar­kei­ten: Kon­ser­ven, Wurst, wei­ßes Brot und Sü­ßig­kei­ten. Aber wer war das Christ­kind? Wir ha­ben es nie er­fah­ren. Jo­han­nes Oh­lig, Mön­chen­glad­bach

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