Ku­ba wagt ein biss­chen Ka­pi­ta­lis­mus

Seit En­de der di­plo­ma­ti­schen Eis­zeit mit den USA herrscht gro­ßes In­ter­es­se am Ka­ri­bik­staat. In­ves­to­ren ha­ben es aber schwer.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT -

HA­VAN­NA (RP/dpa) Im fünf­ten Stock des Art-dé­co-Hau­ses ist noch nicht viel Be­trieb. Das Ge­bäu­de hat schon bes­se­re Ta­ge erlebt – in der eins­ti­gen Fir­men­zen­tra­le des frü­he­ren ku­ba­ni­schen Rum-Her­stel­lers und heu­ti­gen Welt­kon­zerns Ba­car­dí in Ha­van­na brö­ckelt an ei­ni­gen Stel­len der Putz von den Wän­den. Der neue Mie­ter, das deut­sche Be­ra­tungs- und Wirt­schafts­prü­fungs­un­ter­neh­men Rödl & Part­ner, hofft aber bald auf gu­te Ge­schäf­te in dem so­zia­lis­ti­schen Ka­ri­bik­staat.

Die Be­ra­ter set­zen auf das wach­sen­de In­ter­es­se für den sich öff­nen­den ku­ba­ni­schen Markt – auch in Deutsch­land. Denn auf Ku­ba herrscht ge­ra­de Auf­bruch­stim­mung. Die Wen­de in den Be­zie­hun­gen mit den USA vor ei­nem Jahr lockt nicht nur ame­ri­ka­ni­sche Fir­men auf die In­sel, son­dern lässt auch Eu­ro­pä­er auf­hor­chen. Seit Jah­ren wagt Ku­ba Stück für Stück im­mer mehr Ka­pi­ta­lis­mus, nun schei­nen mit der An­nä­he­rung an Wa­shing­ton auch die po­li­ti­schen Si­gna­le zu stim­men.

Rödl & Part­ner glaubt, mit sei­ner Er­fah­rung am rich­ti­gen Ort zu sein. Das Un­ter­neh­men ar­bei­te­te nach dem Fall der Mau­er jah­re­lang in Staa­ten des ehe­ma­li­gen Ost­blocks, er­klärt der Lei­ter der neu­en Nie­der­las­sung in der ku­ba­ni­schen Haupt­stadt, Andre­as Voß. Man ken­ne al­so die Her­aus­for­de­run­gen in ei­nem Land, das ge­ra­de auf die freie Markt­wirt­schaft um­stel­le. Erst im Ok­to­ber er­öff­ne­te das Un­ter­neh­men aus Nürn­berg die Au­ßen­stel­le in der ku­ba­ni­schen Haupt­stadt. „Un­se­re Kun­den sind der deut­sche Mit­tel­stand“, sagt Voß.

Bei aus­län­di­schen In­ves­to­ren ist Ku­ba seit Jah­ren vor al­lem im Tou­ris­mus­sek­tor be­liebt. Die all­mäh­li­che Öff­nung bie­te nun wei­te­re Chan­cen, et­wa im Bau­we­sen oder im In­fra­struk­tur­be­reich, glaubt Voß. Nach Jahr­zehn­ten der Ver­wahr­lo­sung be­steht in dem Land ein im­men­ser Nach­hol­be­darf. Hoff­nun­gen setzt Voß auch auf den Be­reich der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en. Dort sei­en in Latein­ame­ri­ka al­ler­dings auch die Chi­ne­sen stark im Kom­men.

Seit dem En­de der Eis­zeit zwi­schen Wa­shing­ton und Ha­van­na im De­zem­ber 2014 sind auch Dut­zen­de US-Fir­men­ver­tre­ter in das Land ge­reist. Gou­ver­neu­re und Wirt­schafts­de­le­ga­tio­nen aus land­wirt­schaft­lich ge­präg­ten US-Bun­des­staa­ten wie Te­xas oder Ar­k­an­sas klopf­ten eben­falls bei den Cas­tro-Brü­dern an. Die In­sel kann seit lan­gem ih­ren ei­ge­nen Le­bens­mit­tel­be­darf kaum ab­de­cken. Reis und Boh­nen et­wa wer­den oft teu­er aus Bra­si­li­en oder Asi­en im­por­tiert.

Trotz des gro­ßen In­ter­es­ses aus dem Aus­land ist noch nicht viel pas­siert auf Ku­ba. Gro­ße In­ves­ti­tio­nen wer­den nur zö­ger­lich und oft mit mas­si­ven Auf­la­gen zu­ge­las­sen. Im Land be­reits tä­ti­ge Aus­lands­un­ter­neh­men dür­fen bei­spiels­wei­se ihr ört­li­ches Per­so­nal nicht di­rekt ein­stel­len – dies er­folgt nur über den ku­ba­ni­schen Staat, der gleich ei­nen be­trächt­li­chen An­teil der be­zahl­ten Löh­ne für die­se Ver­mitt­lung ein­kas­siert.

Auch in der vor zwei Jah­ren mit gro­ßen Er­war­tun­gen aus der Tau­fe ge­ho­be­nen Son­der­wirt­schafts­zo­ne von Ma­ri­el geht es nur lang­sam vor­an. Erst ei­ne Hand voll aus­län­di­scher Fir­men hat sich in der rund 40 Ki­lo­me­ter west­lich von Ha­van­na ge- le­ge­nen Ha­fen­ge­mein­de nie­der­ge­las­sen. Zu viel Bü­ro­kra­tie, zu vie­le Auf­la­gen be­schwe­ren sich vie­le In­ter­es­sen­ten hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand.

Der zö­ger­li­che Fort­schritt lässt sich mit al­ten an­ti­ka­pi­ta­li­schen Re­fle­xen er­klä­ren. In der Re­gie­rung von Staats­chef Raúl Cas­tro ge­be es vie­le, die Wi­der­stand aus ideo­lo­gi­schen Grün­den leis­ten wür­den, aber auch, „um In­ter­es­sen zu schüt­zen“, glaubt et­wa Micha­el Shif­ter von der US-Denk­fa­brik „In­ter­ame­ri­ka­ni­scher Dia­log“in Wa­shing­ton. Ih­nen ge­he es dar­um, die Kon­trol­le nicht zu ver­lie­ren.

Und schließ­lich spie­le auch das – trotz al­ler An­nä­he­rung – noch nicht ganz über­wun­de­ne Miss­trau­en ge­gen­über den USA ei­ne Rol­le bei vie­len ku­ba­ni­schen Funk­tio­nä­ren. „Sie ver­su­chen ge­ra­de raus­zu­fin­den, wie sie auf das gro­ße US-In­ter­es­se re­agie­ren sol­len“, ver­mu­tet Shif­ter. Im­mer­hin: Mit­te De­zem­ber ga­ben bei­de Staa­ten be­kannt, nach mehr als 50 Jah­ren den re­gu­lä­ren Flug­ver­kehr wie­der auf­zu­neh­men. Das Ab­kom­men er­lau­be täg­lich 110 Rund­flü­ge, wie es hieß.

FOTO: GA­B­RI­EL

Old­ti­mer in Ha­van­na

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