Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Al­so, um das zu er­läu­tern – ich hat­te die Vor­stel­lung ge­habt, dass man Hoch­geis­ti­ges als Syn­onym für Hoch­pro­zen­ti­ges ver­wen­den kann. Of­fen­bar irr­te ich.

„Ein­fach was Hoch­geis­ti­ges“, sag­te ich. „Klar und stark und rein, und da­zu ei­ne zim­mer­gro­ße Heiz­de­cke, die sich auch als hei­ßer Tep­pich nut­zen lässt.“

Sie brauch­te ei­nen Mo­ment, um zu sa­gen, was ich bin und schon im­mer war – un­mög­lich, wes­halb es auch un­mög­lich sei, ver­nünf­tig mit mir zu re­den –, denn sie muss­te zu­erst die Lip­pen auf­ein­an­der­pres­sen und die Au­gen ver­dre­hen. Dann konn­te sie es sa­gen.

„Cas­sie Ed­wards – du bist un­mög­lich.“„Wahr­schein­lich“, sag­te ich, „trotz­dem ha­ben mich vie­le Men­schen ge­liebt, und man­che tun es im­mer noch.“

Wei­te­res Au­gen­ver­dre­hen. Ich trank et­was Oran­gen­saft und sann über das nach, was ich ge­ra­de ge­sagt hat­te. Es stimm­te, und ich war sehr dank­bar da­für. Ich wür­de mich zu ge­ge­be­ner Zeit als wür­dig er­wei­sen, mei­ner Auf­ga­be ge­wach­sen sein.

„Kannst du denn nicht ein­mal ernst sein?“, frag­te Gran, und wä­re es ei­ne ernst­haf­te Fra­ge ge­we­sen, hät­te ich ihr viel­leicht ge­ant­wor­tet, denn nur das ist es ja, was ich im Le­ben will – et­was fin­den, das es wert ist, ernst ge­nom­men zu wer­den. Wenn man mich fragt, ob ich nicht ein­mal ernst sein kann, lau­tet die Ant­wort, dass ich es im­mer bin, ich kann gar nicht an­ders, bin es im­mer ge­we­sen und wer­de es im­mer sein. Ge­nau das ist ja mein Pro­blem, aber zu­gleich ist es auch mei­ne ei­ne Ge­wiss­heit – ich weiß, wie ernst ich das neh­me, was ich lie­be. Ich ha­be mich so rück­halt­los der Ernst­haf­tig­keit ver­schrie­ben, dass ich mei­ne Zeit da­mit ver­brin­ge, al­len mög­li­chen Un­sinn aus dem Weg zu schaf­fen.

„Brat für mich kei­nen Speck, Gran­ny“, sag­te ich. „Ich ha­be ja jetzt zwei Eier in­tus, und ich füh­le mich all­mäh­lich – na ja, al­so, nicht mehr so hung­rig.“„Bist du wie­der auf dem Gleis?“„Was soll denn das hei­ßen, wie­der auf dem Gleis?“, gab ich un­wirsch zu­rück. Ich ha­be die Frei­mü­tig­keit mei­ner Groß­mut­ter nie son­der­lich ge­schätzt. Ge­nau ge­nom­men ist sie nicht frei­mü­tig, son­dern takt­los, und ich ver­su­che sie durch schnip­pi­sche Ant­wor­ten dar­auf hin­zu­wei­sen. Oder durch ent­spre­chen­de Bli­cke. Wir ma­chen das al­le so. Ei­nes der auf­re­gends­ten Er­leb­nis­se mei­ner Kind­heit war es, Pa­pas Ge­sicht zu se­hen, nach­dem Gran­ny ihn ei­nes Mor­gens ge­fragt hat­te, war­um er ei­gent­lich im Haus ei­ne Son­nen­bril­le tra­ge. Sie ist wie ein Kind. Wenn ihr ei­ne Fra­ge in den Kopf kommt, stellt sie sie. Und be­kommt ab und zu ei­ne recht lau­te Ant­wort.

„Du hast mir doch selbst ge­sagt, dass du heu­te Mor­gen un­dis­po­niert bist“, sag­te sie mit mil­der, zar­ter Stim­me, und ich hol­te tief Luft, die ich in Form ei­nes Seuf­zers wie­der aus­stieß, denn mit Vor­sil­ben hat es Mrs. Ro­we­na Ab­bott nicht so. Ich ha­be mehr­fach ver­sucht, ihr zu er­klä­ren, dass Vor­sil­ben nicht be­lie­big aus­tausch­bar sei­en, aber es bleibt ein­fach nicht hän­gen. Es ist wie mit wer und wen. Wen klingt ein­fach ver­gnüg­li­cher.

„Ich bin nicht un­dis­po­niert“, sag­te ich, „son­dern in­dis­po­niert, und zwar weil ich um­dis­po­niert ha­be und ges­tern schon ge­kom­men bin. Und dann schlecht dis­po­niert ha­be. So ist das.“

„Du bist mir ein Rät­sel“, sag­te Mrs. Ab­bott. „Aber ich bin froh, dass du zu Hau­se bist, und ich hof­fe, du bleibst lang ge­nug, da­mit ich dich ein biss­chen päp­peln kann. Ich hät­te gern, dass Jack dich mal in Au­gen­schein nimmt, wenn er wie­der da ist.“(Fort­set­zung folgt)

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