Der letz­te Fall des Sher­lock Hol­mes

Was ge­schieht, wenn ein Meis­ter­de­tek­tiv das Ge­dächt­nis ver­liert, ein Rät­sel aber noch un­ge­löst ist? Da­von er­zählt Bill Con­don in „Mr. Hol­mes“und ver­schafft Ian McKel­len ei­nen Os­car-wür­di­gen Auf­tritt als al­tern­des Ge­nie.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON DOROTHEE KRINGS

Es geht al­so ums Er­in­nern. Um die Fä­hig­keit ei­nes Man­nes, un­schein­ba­re De­tails aus dem Ge­dächt­nis ab­zu­ru­fen und sich von ih­nen ei­nen Ta­ther­gang ver­ra­ten zu las­sen. Auf die­se Art hat Sher­lock Hol­mes noch die ver­track­tes­ten Ver­bre­chen auf­ge­klärt, hat mit mo­der­nen Me­tho­den der Fo­ren­sik und sei­nem un­trüg­li­chen In­stinkt In­di­zi­en er­kannt, hat sie mit ge­nia­ler Kom­bi­na­ti­ons­ga­be zu ei­nem Bild ge­fügt, re­kon­stru­iert, wie ein Mord ge­schah. Und es war ei­ne Lust, sei­nen Ge­dan­ken­gän­gen zu fol­gen.

„Mr. Hol­mes“ist der reiz­vol­le Ver­such, ei­nen bio­gra­fi­schen Film über ei­ne fik­ti­ve Fi­gur zu

dre­hen

Vor­bei! Hol­mes ist in­zwi­schen 93 Jah­re alt, noch im­mer ein wür­di­ger Herr, der zu­rück­ge­zo­gen in Sussex auf dem Land lebt und Bie­nen züch­tet. Doch in den schlech­ten St­un­den sucht ihn das Ver­ges­sen heim, es kriecht in sein Hirn wie ein gif­ti­ger Ne­bel, zer­setzt die Er­in­ne­run­gen, nimmt ihm das wich­tigs­te Werk­zeug: zu­rück­spu­len zu kön­nen in der Zeit.

Da­von kann man rühr­se­lig er­zäh­len, aus dem Meis­ter­de­tek­tiv ei­nen tra­gi­schen Greis ma­chen, der mit dem Schick­sal ha­dert. Doch na­tür­lich wä­re das völ­lig un­an­ge­mes­sen für ei­nen bril­lan­ten Den­ker wie Hol­mes, der selbst­ver­ständ­lich mit Wür­de ver­sucht, sei­ne Er­in­ne­rungs­schwä­che zu be­herr­schen. Re­gis­seur Bill Con­don weiß, was er dem Er­mitt­ler­ge­nie schul­dig ist, und so er­zählt er in „Mr. Hol­mes“von ei­nem im­mer noch selbst­be­wuss­ten Gen­tle­man, der ei­sern sei­ne St­un­den am Schreib­tisch ver­bringt, For­schung be­treibt, auch in ei­ge­ner Sa­che. Ein asia­ti­sches Mit­tel soll der Zer­set­zung sei­nes Ge­hirns Ein­halt ge­bie­ten. Da­bei geht es Hol­mes nicht nur dar­um, selbst­be­stimmt wei­ter­zu­le­ben, da ist noch ein Fall un­ge­löst. Der mar­tert ihn, weil ihm die De­tails nur noch bruch­stück­haft ein­fal­len. Und weil Ge­füh­le im Spiel wa­ren: Sher­lock Hol­mes ver­liert nicht nur sein Ge­dächt­nis, er ver­drängt auch et­was.

„Mr. Hol­mes“ist der reiz­vol­le Ver­such, ei­nen bio­gra­fi­schen Film über ei­ne fik­ti­ve Fi­gur zu dre­hen. Sher­lock Hol­mes ist ja ei­gent­lich ein Pa­pier­held, die Er­fin­dung des bri­ti­schen Au­tors Sir Ar­thur Co­n­an Doy- le. In vier Ro­ma­nen und 56 Kurz­ge­schich­ten hat er be­schrie­ben, wie der Tüft­ler mit den neu­es­ten Me­tho­den des spä­ten 19. Jahr­hun­derts Kri­mi­nal­fäl­le löst. Doch in die­sen Ge­schich­ten war Hol­mes im­mer in den bes­ten Jah­ren, Herr sei­ner Geis­tes­kraft. Was aber bleibt im ho­hen Al­ter?

Dar­über hat Mitch Cul­lin den Ro­man „A Slight Trick of the Mind“ge­schrie­ben, den Con­don nun ver­filmt hat. Cul­lin er­zählt je­nen Teil der Ge­schich­te, den die Fik­ti­on ge­wöhn­lich aus­lässt, weil er pro­fan, trau­rig, we­nig er­zäh­lens­wert er­scheint. Da­bei ist es na­tür­lich ei­ne er­zäh­le­ri­sche Her­aus­for­de­rung, ei­nen Er­mitt­ler ins Feld zu schi­cken, der sei­nen geis­ti­gen Kräf­ten nicht mehr ver­trau­en kann, der dar­auf war­ten muss, dass sein Ge­dächt­nis Er­eig­nis­fet­zen aus­spuckt. Auch an­de­re Krimi-Au­to­ren ha­ben das be­reits aus­pro­biert. Hen­ning Man­kell et­wa, als er sei­nen liebs­ten Kom­mis­sar, Kurt Wal­lan­der, in die De­menz schick­te, grau­sam, un­er­bitt­lich setzt er ihm so ein En­de. In „Mr. Hol­mes“ge­schieht das Ge­gen­teil: Die Fi­gur wird durch die Ver­gess­lich­keit erst wirk­lich le­ben­dig, sie er­wacht, be­freit sich aus der En­ge des Ra­tio­na­len. Hol­mes ist nicht mehr das küh­le Su­per­hirn, das kon­stru­ier­te Rät­sel löst. Er hat jetzt ei­ne Schwä­che. Und wird da­durch Mensch.

Con­don in­sze­niert das lang­sam, fast zu ge­tra­gen. Schließ­lich muss er aus drei Zeit­ebe­nen er­zäh­len: aus dem Jahr 1947, in dem die ei­gent­li­che Hand­lung spielt; aus dem Le­ben des jün­ge­ren Hol­mes, wie es in sei­nen Er­in­ne­run­gen auf­scheint; und von ei­ner Rei­se, die Hol­mes kurz vor Be­ginn der Film­hand­lung un­ter­nom­men hat, und die ih­re Be­deu­tung erst all­mäh­lich ent­fal­tet. Die vie­len Rück­blen­den brem­sen den Er­zähl­fluss, ma­chen den Film be­hä­big, fah­rig, sper­rig. Doch das passt eben gut zur Ge­schich­te über ei­nen al­ten Kri­mi­na­lis­ten, der ein letz­tes Mal an­setzt, ei­nen Fall zu lö­sen, und da­bei nur noch die ei­ge­ne Le­bens­zeit ge­gen sich weiß.

Und na­tür­lich ist Ian McKel­len ein Schau­spie­ler, der Lang­sam­keit in Ge­die­gen­heit ver­wan­deln kann. Es ist ein gro­ßes Ver­gnü­gen, ihn am Werk zu se­hen, wie er den wür­de­vol­len, mis­an­thro­pi­schen Al­ten gibt, der ge­gen sein Schick­sal kämpft, dann wie­der spitz­bu­ben­haft ver­sucht, dem Re­gime sei­ner Haus­häl­te­rin, Mrs. Mun­ro, zu ent­kom­men. Da­bei macht er ei­nen klei­nen Jun­gen zu sei­nem Kom­pli­zen, Ro­ger, Mrs. Mun­ros Sohn, ein wiss­be­gie­ri­ges Kind, das den Va­ter im Krieg ver­lor und nun in dem al­ten Herrn Er­satz sucht. Wun­der­bar wi­der­wil­lig lässt Hol­mes sich dar­auf ein, führt den Jun­gen ein in sein Reich der Ho­nig­bie­nen, und als die Er­eig­nis­se ei­ne dra­ma­ti­sche Wen­de neh­men, ist es rüh­rend zu er­le­ben, wie stark die Bin­dung zwi­schen bei­den ist.

Der be­währ­te Kin­der­dar­stel­ler Mi­lo Par­ker und Lau­ra Lin­ney als Haus­häl­te­rin sind das klei­ne En­sem­ble um den un­ver­gleich­li­chen McKel­len, der die­ses Kam­mer­spiel zu ei­nem Er­eig­nis macht.

Nie war Sher­lock Hol­mes so ge­brech­lich. Nie war er so stark. „Mr.Hol­mes“, Groß­bri­tan­ni­en, USA 2015, 103 Mi­nu­ten, Re­gie: Bill Con­don, mit: Ian McKel­len, Mi­lo Par­ker, Lau­ra Lin­ney

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