Men­schen­freund auf der Su­che nach Gott

Die Best­sel­ler-Ver­fil­mung „Ich bin dann mal weg“fin­det den rich­ti­gen Ton, hat aber ei­nen gro­ßen Ma­kel.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Auf die Fra­ge, wor­in ei­gent­lich die Kunst von Ha­pe Ker­ke­ling be­steht, könn­te man die­ses ant­wor­ten: in sei­ner Men­schen­freund­lich­keit. Ker­ke­ling mag die Men­schen, er mag die­ses un­sicht­ba­re Aro­ma, das als At­mo­sphä­re und Stim­mung über den Köp­fen steht, wenn vie­le von ih­nen zu­sam­men­sit­zen und er­zäh­len. Er be­ob­ach­tet die Men­schen, und weil er das schon sehr lan­ge tut, weiß er, wie sie ti­cken, was sie zum La­chen bringt und was sie an­rührt.

Die Re­gis­seu­rin Ju­lia von Heinz hat sich ziem­lich ge­nau an­ge­se­hen, wie das Prin­zip Ha­pe Ker­ke­ling funk­tio­niert, und des­halb trifft ih­re Ver­fil­mung des Er­leuch­tungs­buchs „Ich bin dann mal weg“ge­nau den rich­ti­gen Ton. Bei­na­he fünf Mil­lio­nen Mal hat sich der hei­ter-me­lan­cho­li­sche Rei­se­be­richt über ei­ne Wan­de­rung auf dem Ja­kobs­weg seit 2006 ver­kauft. Ker­ke­ling schil­dert dar­in, wie er nach Hör­sturz, Gal­len­bla­sen-OP und Bur­nout-Syn­drom den Sinn des Le­ben such­te und wie er zu sich selbst fand.

Heinz gibt den In­halt des Bu­ches epi­so­disch wie­der, sie zeigt Her­bergs­su­che, Ha­der über ver­wanz­te Bet­ten und die ge­le­gent­li­che Flucht ins Ho­tel. Und sie schnei­det Rück­blen­den da­ge­gen, die Ker­ke­lings Ruhr­pott­ju­gend er­zäh­len: der Tod der Mut­ter, das Auf­wach­sen bei „Om­ma Ber­tha“, die Lust am Spaß­ma­chen und mit 19 Jah­ren schließ­lich der Ein­stieg beim Fern­se­hen.

Zu­sam­men­ge­hal­ten und aus­ta­riert wird das al­les vom groß­ar­ti­gen De­vid Strie­sow in der Rol­le des Ha­pe Ker­ke­ling. Strie­sow hat ei­gens für die Pro­duk­ti­on zu­ge­nom­men, er hat sich die Mi­mik Ker­ke­lings an- trai­niert, er schaut wie Ker­ke­ling, mit die­ser ver­son­ne­nen Mi­schung aus Ver­geb­lich­keit und Zu­nei­gung, und nach ein paar Mi­nu­ten geht er in dem Vor­bild ge­ra­de­zu auf.

Das ist ein Film zum Wohl­füh­len, er hat ei­nen schö­nen Rhyth­mus, und na­tür­lich sieht auch Spa­ni­en ziem­lich gut aus, wenn man die Son­nen­strah­len im­mer noch ein biss­chen mehr po­liert, da­mit je­der ver­steht, dass es hier um Er­leuch­tung geht. Und das ist denn viel­leicht auch das ein­zi­ge, al­ler­dings ele­men­ta­re Pro­blem, das man mit die­sem Film ha­ben kann. Er bleibt harm­los, und er stößt nicht vor bis zum Grund der Din­ge. Ihm fehlt ein Kern, das spi­ri­tu­el­le Zen­trum ge­wis­ser­ma­ßen. Ker­ke­ling/Strie­sow schreibt Ta­ge­buch über sei­ne Wan­de­rung, und je­der Tag be­kommt von ihm ein Mot­to. „Öff­ne dein Herz und knut­sche den Tag!“, lau­tet ei­nes, und das ist es dann; das re­li­giö­se Mo­ment wird durch sol­che Sen­ten­zen er­setzt. Die Schmer­zen und der in­ne­re Kampf, den Ker­ke­ling auf die­sen 769 Ki­lo­me­tern mit sich selbst aus­ge­tra­gen hat, kom­men kaum zur Spra­che.

Es ist ganz ei­gen­ar­tig: Der Fein­sinn, mit dem hier in­sze­niert wird, bleibt an der Ober­flä­che. Die Re­gis­seu­rin scheut sich, das Ziel die­ses We­ges zu er­wäh­nen, und das Ziel ist doch ei­gent­lich nicht San­tia­go de Com­pos­te­la. Son­dern Gott. Ich bin dann mal weg, Deutsch­land 2015 – Re­gie: Ju­lia von Hein­ze. Mit De­vid Strie­sow, Mar­ti­na Ge­deck, Ka­ro­li­ne Schuch. War­ner, 92 Min.

FOTO: DPA

Auf dem lan­gen Weg zu sich selbst: De­vid Strie­sow als Ha­pe Ker­ke­ling in „Ich bin dann mal weg“

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